Rattenlinien

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Ars Vivendi, 2016, Titel: 'Rattenlinien', Originalausgabe

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85
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Jörg Kijanski
Ungezählte Flüchtlinge zieht es nach Übersee

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Nov 2016

Andreas Eckart hatte einen großen Traum. Nach Ende des Ersten Weltkrieges wollte er mithelfen, einen demokratischen Rechtsstaat aufzubauen und ging zur Berliner Kriminalpolizei. Später wechselte er zur Politischen Polizei und versuchte gegen die aufkommenden Nazis in den eigenen Reihen vorzugehen. Einer seiner ärgsten Widersacher war sein früherer Assistent Gerhard Wagner, der im Dritten Reich aufstieg und rücksichtslos gegen seinen früheren Chef vorging. Wagner, zum SS-Obersturmbannführer emporgekommen, war es auch, der Eckart 1934 dazu veranlasste, nach Amerika zu fliehen. Später organisierte er die erste Phase der Judenvernichtung in Polen und Weißrussland.

 

"Rattenlinien sind Wege, über die Agenten in Feindgebiete hinein- oder aus ihnen herausgeschleust werden. In unserem Fall sind es allerdings keine Agenten, sondern Nazis, die alte Schleichwege nutzen, um zu entkommen."

 

Alles lange her, jetzt schreibt man Ende 1946. Eckart, inzwischen sechzig Jahre alt, wähnt sich im Ruhestand, als er von einem ranghohen Mitarbeiter des Counter Intelligence Corps, dem neuen amerikanischen Geheimdienst, angesprochen wird. Man wolle endlich den Naziverbrechern habhaft werden, den großen Nazis, den Goldfasanen, von denen viele versuchen über den Brennerpass nach Südtirol und von dort beispielsweise nach Genua zu gelangen, wo sie per Schiff nach Übersee auswandern können. Zusammen mit dem CIC-Agenten Dan Vanuzzi bricht Eckard auf, um in Italien den "Schlächter von Baranawitschy" zu jagen: Gerhard Wagner.

Nach "Tage der Nemesis" erneut ein großartiges Werk

Bereits Tage der Nemesis, in dem es thematisch um den Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges ging, sorgte für Aufsehen und war ein ebenso spannendes wie nachdenklich stimmendes Werk. Rattenlinien, der neue Roman von Martin von Arndt, steht seinem Vorgänger in nichts nach und ist ebenfalls ein beeindruckendes zeithistorisches "Geschichtsbuch". Die Spuren des Zweiten Weltkrieges sind noch bestens sichtbar, allein München ist zu neunzig Prozent zerstört. Die Menschen haben kaum etwas zu essen, weitere Versorgungsengpässe drohen, Zigaretten sind das beliebteste Zahlungsmittel. Vielerorts sind die Menschen auf der Flucht. Von Innsbruck über den Brenner und von dort weiter in die italienischen Hafenstädte, wo eine Schiffspassage nach Übersee lockt. Viele Juden wollen nach Palästina, um dort den Staat Israel zu gründen; viele Nazis zieht es nach Südamerika, um einer Verfolgung durch die Siegermächte zu entgehen. Argentinien steht besonders hoch im Kurs.

 

"Von wie vielen SS-Leuten auf der Flucht reden wir hier?"

"Wir gehen davon aus, dass allein dieses Jahr neuntausend Ukrainer..."

"Neun-tausend...?"

"Neuntausend, von denen wir wissen. Die nach Kanada ausgewandert sind. Kanada ist nicht gerade das beliebteste Auswanderungsziel."

"Neun-tausend...?"

"Und das waren nur die Ukrainer, Mr. Eckart ... hier ist nachts mehr los als vor dem Krieg auf deutschen Autobahnen."

 

Auch wenn die beiden Romane Tage der Nemesis und Rattenlinien thematisch nur bedingt miteinander zu tun haben, sollte man unbedingt Tage der Nemesis vorab gelesen haben. Die Figur des Andreas Eckart ist interessant, verstrickt sich immer wieder zwischen aufrechtem Demokraten und "verblendetem" Nazihasser, der gerne mit dem sprichwörtlichen Kopf durch die Wand geht. Diplomatie ist nicht sein Fach. Neben Eckart und Wagner begegnet der Leser auch Ephraim Rosenberg wieder. Anfang der 1920er Jahre Eckarts wichtigster Mitarbeiter, fiel er in den 1930er Jahren ebenfalls Wagner in die Hände.

Böser Nazi, guter Russe - Guter Nazi, böser Russe

Neu an Eckarts Seite ist der undurchsichtige Vanuzzi, der offenbar ein ganz eigenes Spiel betreibt. Doch Eckarts Verblüffung könnte nicht größer sein als er (fast zu spät) erkennt, wer der eigentliche Feind ist. Die politische Lage hat sich nach Kriegsende stark verändert. Gestern noch die Waffenbrüderschaft mit den Russen gegen die verhassten Nazis, werden heute ranghohe Nazis hofiert, um sie gegen die drohende Gefahr des Kommunismus einzusetzen. Auch von einem katholischen Bollwerk in Südamerika ist plötzlich die Rede. Wie sich die Amerikaner und der Vatikan im Kampf gegen ein drohendes "rotes Europa" durch die neue politische Gemengelage lavieren ist erschreckend. Die Moral wird kurzerhand geopfert.

 

"Die Kommunisten sind zwar entgegen unseren schlimmste Befürchtungen nur drittstärkste Kraft geworden, aber wir wissen nicht, wie lange die von den Christdemokraten angeführte Koalition hält ... es bahnt sich ein Zusammenschluss von Sozialisten und Kommunisten an, und sollte es dann zu Neuwahlen kommen, wäre das ... problematisch!"

"Ja, das ist das Lästige an demokratischen Wahlen - man weiß nie, was am Ende dabei herauskommt."

 

Wer ein Faible für zeitgeschichtliche Spannung hat, der lernt ein weiteres, dunkles Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte kennen. Freund und Feind sind schwer zu unterscheiden, politische Ziele werden neu justiert. Wer nicht aufpasst, gerät unter die Räder der Macht. Dies gilt auch für Eckart und Rosenberg. 

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