Tell

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Stämpfli, 2016, Titel: 'Tell: Mann. Held. Legende', Originalausgabe

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Rita Dell'Agnese
Die andere Wahrheit über Wilhelm Tell

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Okt 2016

Warum hat Wilhelm Tell im 13. Jahrhundert einen Schuss auf seinen Sohn Walter abgegeben? Die offizielle Sage um den Schweizer Nationalhelden beantwortet die Frage klar: Er wurde vom Landvogt Hermann Geßler dazu gezwungen, seine Schiesskunst unter Beweis zu stellen und einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schießen. Aber Autor Thomas Vaucher erzählt eine ganz andere Geschichte. Wilhelm, oder Helm, wie der Held in Vauchers Roman gerufen wird, ist nicht der brave zurückhaltende Familienvater, der keinen anderen Ausweg mehr sieht. Der kleine Helm verehrt seinen Vater, einen mutigen Bärentöter, wie er überzeugt ist. Als sein Vater ermordet wird, nimmt ein Onkel den Jungen auf, wenn auch nur höchst widerwillig. Helm muss bald erfahren, dass er neben dem Sohn des Hauses, Erhart, nichts gilt.

Als die junge Anna in der Mühle des Onkels ihr Korn mahlen lassen möchte, wird Erhart zudringlich, versucht gar, die hübsche Frau zu vergewaltigen. Helm schlägt seinen Cousin nieder, um Anna, der sein Herz sofort zugeflogen ist, zu beschützen. Erhart erzählt seinem Vater, es sei Helm gewesen, der Anna bedrängt hätte. Zur Strafe soll Helm die ganze Nacht die Mühle in Gang halten und nicht zum Johannesfest gehen, wo er hoffte, mit Anna tanzen zu können. Lange ringt Helm mit sich und bricht dann doch zum Fest auf. Dort trifft er auf einen jungen Bürgersohn, der Anna als sein Eigentum ansieht. Die beiden Männer geraten in Streit, Helm schlägt den Nebenbuhler nieder und flieht. Er schließt sich einer streitbaren Bande an, die durchs Land zieht.

Eindrückliche Charakterzeichnung

Thomas Vaucher schafft es, einen völlig neuen Wilhelm Tell zu erschaffen. Die Sage, von der inzwischen klar ist, dass sie nicht auf Tatsachen beruht, bekommt durch seine Geschichte eine ganz neue Ausprägung. Die Entwicklung des sensiblen Jungen, der seinen Vater verehrt, zum skrupellosen Waffenträger wird eindrücklich dargestellt. Auch die Hintergründe, weshalb Helm mit Hermann von Spiringen, von allen «Der Geissler» genannt, in Streit geriet und bereit war, diesen mit dem Schuss des Apfels vom Kopf des Sohnes Walter beizulegen, werden gut dargestellt. Eindrücklich zeichnet der Autor die verschiedenen Charaktere nach und bringt sie optimal in Kontext zur beschriebenen Zeit. Der Leser kann nachvollziehen, weshalb die Männer so handeln, wie sie es beschrieben wird.

Völlig neues Bild

Mit seiner Darstellung der Legende präsentiert Thomas Vaucher ein völlig neues Bild und vermag es, selbst gute Kenner der Sage um Wilhelm Tell zu faszinieren. Denn durch Vauchers Feder wird der Schweizer Nationalheld greifbarer, wird menschlicher und realer. Man mag es gar vergessen, dass es weder Wilhelm Tell noch Hermann Geßler wirklich gab. Und doch braucht es da und dort einigen Durchhaltewillen, um bei der Geschichte dabei zu bleiben. Oft verliert die Erzählung an Tempo, wird sie zu detailreich und zu ausführlich erzählt. Diese ruhigeren Passagen verlangen dem Leser viel Geduld ab. Der ansonsten flüssige Erzählstil, die meist angenehme Sprachmelodie die Anlehnung an die Sprache des 13. Jahrhunderts ist nicht immer ganz glücklich und die faszinierende Bearbeitung der Sage machen Tell zu einem besonderen Buch. Einem Buch, das durch die schöne optische Ausgestaltung, das Nachwort und das ausführliche Personenregister zusätzlich viel gewinnt. Dank Vaucher wird Wilhelm Tell wieder zu einer faszinierenden Figur, mit der nicht nur Schweizer sich befassen mögen.

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