Die Schwester des Tänzers

  • Insel
  • Erschienen: November 2017
  • Insel, 2017, Titel: 'The Chosen Maid', Originalausgabe
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Alexandra Hopf
67

Histo-Couch Rezension vonMai 2019

Sehr gut recherchierte Biographie von russischer Ballettikone

In der Familie Nijinsky dreht sich alles ums Ballett. Die Eltern sind gebürtige Polen und beide tanzen in der Lukowitsch-Truppe, mit der sie verschiedene Städte Russlands für Auftritte bereisen. Die Geschwister Waslaw und Bronislawa, auch Bronia genannt, trainieren von klein auf hart für eine Karriere beim Ballett. Einzig ihr ältester Bruder Stassik will vom Tanzen nichts wissen. Aber er verhält sich sowieso eher sonderbar, seit er als kleiner Junge schwere Verletzungen bei einem Fenstersturz davontrug. Doch 1897 gerät das schöne Familienidyll ins Wanken. Der Vater hat eine Geliebte, die außerdem ein Kind von ihm erwartet. Nach der Trennung der Eltern ziehen die drei  Kinder mit ihrer Mutter, die sie liebevoll Mamusia nennen, nach Sankt Petersburg. Dort befindet sich die kaiserliche Ballettakademie. Dort aufgenommen zu werden ist das Streben eines jeden guten Balletttänzers. Dies gelingt Waslaw im Jahre 1898 und Bronia folgt ihm zwei Jahre später. Beide sind sehr begabt. Aber während Bronia sich vieles hart erarbeiten muss, fliegt Waslaw der Erfolg nur so zu. Er ist wirklich ein besonderes Ausnahmetalent.

„Der begabteste Tänzer, den ich je unterrichtet habe“

Schon bald darf er Solos mit bekannten Primaballerinen tanzen. Waslaw findet in Fürst Lwow seinen Gönner und danach nimmt Sergei Pawlowisch Djagilew diese Rolle ein. Er leitet das renommierte Ballet Russes und über Djagilew gelingt es auch Bronia, zu dieser Gruppe dazu zu stossen. Direkt nach dem Schulabschluss haben sie am kaiserlichen Theater getanzt.

Dort machen sie eine große Entwicklung durch. Zuvor haben beide nur steifes klassisches Ballett getanzt, aber bei Djagilews Gruppe wird alles freier und moderner umgesetzt. Der Name Nijinsky ist jedem, der etwas von Ballett versteht ein Begriff. Doch trotz all seines Erfolges strebt Waslaw nach noch Höherem. Er entwickelt ein eigenes Ballett, welches er mit seiner Schwester tanzt. Sie reisen erfolgreich durch die ganze Welt, bis der Erfolg getrübt wird...

Pflichtlektüre für Ballettkenner

Für Freunde und Kenner des Balletts ist dieser Roman sicher ein Juwel, zumal es von dem brillianten Geschwisterpaar Nijinsky nur wenig zu Lesen gibt. Eva Stachniak hat bis ins Detail in fremdsprachigen Quellen recherchiert und diese Informationen in ihrem Roman untergebracht. Leider ist „ Die Schwester des Tänzers“ dadurch aber mehr oder weniger nur eine biographische Aneinanderreihung. Die Handlung des Romans baut keinerlei Spannung auf. Gerade für Leser, die dem Ballett nicht verbunden sind, wirkt das sehr schnell ermüdend und langatmig. Es geht lediglich von diesem zu jenem Auftritt. Erschwerend kommt hinzu, dass sehr viele typische Fachbegriffe des Balletts verwendet werden. Leider gibt es keinen erklärenden Glossar, wo man sicher gerne das ein oder andere nachgeschlagen hätte. Historisch fügt sich das Geschehen in einige tiefgreifende Ereignisse ein, wie zum Beispiel den Ersten Weltkrieg oder den Sturz des Zaren. Es wird erwähnt, aber leider nicht wesentlich darauf eingegangen.

Stärken der Protagonisten gut spürbar herausgearbeitet

Bei der Darstellung der Familie Nijinsky hat sich die Autorin große Mühe gegeben. Es gelingt ihr, die Entwicklung der beiden Tänzer hervorzuheben. Waslaw ist ein außerordentliches Genie seines Faches, aber gerade seine Genialität wird ihm später zum Verhängnis. Bronia macht die beeindruckendste Verwandlung durch. Zunächst eher gutes Mittelmaß, die immer im Schatten des Bruders steht, mausert sie sich selbst zu einer eigenen respektablen Persönlichkeit, die trotz vieler Tiefschläge nicht unterzukriegen ist. Mamusia ist eine stete Komponente der Familie, unerschütterlich, wie ein Fels in der Brandung steht sie hinter ihren Kindern.

Der Beginn des Romans und kleine kurze Zwischenkapitel spielen im Jahr 1939 während einer Überfahrt nach New York. Schnell wird klar, dass das Romangeschehen eine Rückschau auf das Leben von Bronia ist, aus deren Sicht auch das ganze umfassende Werk erzählt wird. Nur am Ende ändert die Autorin diese Strategie. Plötzlich ist man mit Geschehnissen konfrontiert, die dem Erzählten vorgreifen und man ist kurzzeitig etwas verwirrt, wie es nun zu dieser Entwicklung gekommen ist. Am Ende des Buches klären sich dann aber alle Fragezeichen und die Geschichte erhält einen runden Abschluss.

Fazit:

Leser, die gerne in die Welt des Balletts eintauchen und Freunde von biographischen Werken sind, werden sich hier gut aufgehoben fühlen. Ansonsten ist es eher eine spannungslose lange Geschichte. Als Laie im Bereich des Balletts erfordert es doch Disziplin, dieses fast 600 Seiten umfassende Werk wirklich aufmerksam bis zum Ende zu lesen.

Die Schwester des Tänzers

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