Die Flügel der Freiheit

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Pendo, 2016, Titel: 'Die Flügel der Freiheit', Originalausgabe

Couch-Wertung:

94
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Christina Wohlgemuth
Von der Freiheit, zu Glauben

Buch-Rezension von Christina Wohlgemuth Okt 2016

Deutschland, im frühen 16. Jahrhundert. Martin Luther, der vor einigen Jahren seine Thesen zur Erneuerung der Kirche veröffentlicht und damit für viel Aufsehen gesorgt hat, sitzt inkognito als Junger Jörg auf der Wartburg, denn außerhalb von Kursachsen ist sein Leben bedroht. Doch Luther, der an der Übersetzung der Bibel arbeitet, erfährt, dass sein einstiger Weggefährte Thomas Müntzer und andere radikale Kräfte den Erfolg seiner Bewegung gefährden. Luther macht sich schnellstmöglich auf den Weg zurück nach Wittenberg, um wieder die Kontrolle über die reformatorische Bewegung zu erlangen. Doch auch Müntzer, der zum Widerstand gegen die Obrigkeit aufruft, strömen die Menschen zu. Inmitten der politischen Wirren und gesellschaftlichen Spaltung bedroht der Konflikt auch die Liebe des jungen Barthel und seiner Dorothea ...

Tilman Röhrig ist seit Jahrzehnten bekannt für seine qualitativ hochwertigen historischen Romane - ob der Stauferkaiser Friedrich II., die Medici im Florenz der Renaissance oder die wahre Geschichte hinter Robin Hood, immer wieder gelingt es dem Autor, Fiktion und Historie auf glaubhafte und spannende Art miteinander zu verknüpfen. Angesichts des anstehenden Jubiläums von Luthers (ob nun historisch belegt, ist umstritten) Thesenanschlag im Jahr 1517 liegt es also nahe, dass sich der Autor und seine Leser auch mit Doktor Martinus und seiner Epoche beschäftigen. Herausgekommen ist dabei einmal mehr ein beeindruckendes Werk mit historischer Genauigkeit ...

Eine Zeit der Umbrüche und der Spaltung

500 Jahre sind, verglichen mit einem Menschenleben, eine große Zeitspanne - historisch liegt nur ein Wimpernschlag zwischen unserer Zeit und dem beginnenden 16. Jahrhundert, in dem Luther seine Mitmenschen in seinen Bann zog. Dass sich seine Kritik an einer übersättigten und den christlichen Idealen abgewandte Kirche schließlich soweit verselbstständigen würde, dass eine neue, eigene Glaubensrichtung daraus entsteht, wäre wohl selbst Luther nicht im Traum eingefallen. Und ebenso muss es ihm ergangen sein, als seine Ideen in den Händen von Radikalen immer mehr auch politischen und gesellschaftlichen Sprengstoff bargen.

Die Geschichte beginnt in einer Zeit, in der die Reformation schon einige Zeit wirkt und die gesellschaftliche Spaltung tief ist. Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation sind sich auch die Fürsten uneins, wie mit dem abtrünnigen Mönch umgegangen werden soll. Und so durchtrennt die religiöse und, ihr folgend, die politische Auseinandersetzung auch private Bande: dies ist der Anknüpfungspunkt für den fiktiven Teil der Geschichte, die Liebe zwischen dem Gesellen Barthel, der in die Kreise um Luther gerät, und Dorothea, deren Vater zum Gefolgsmann von Thomas Müntzer wird. Durch die Augen dieser einfachen Leute blickt der Leser auf die großen, bedeutenden Ereignisse und erfährt gleichzeitig, wie massiv die Auswirkungen auf das Leben jedes Einzelnen sein konnten.

Schillernde Charaktere und eine berührende Geschichte

Tilman Röhrig kann neben seinem eingängigen, aber niemals banalen Schreibstil erneut vor allem mit seiner Charakterzeichnung auftrumpfen. Von den fiktiven Figuren bis hin zu den "großen Namen" Luther und Müntzer schafft es Tilman Röhrig, jedem seiner Akteure eine Stimme, ein Gesicht und ein dreidimensionales Wesen zu geben. Schwarz und weiß gibt es nicht, und durch die häufig wechselnden Perspektiven wird der Leser in die Lage versetzt, alle Parteien der Konflikte kennenzulernen.

Besonders hervorzuheben ist außerdem, mit welcher historischen Genauigkeit der Autor den Leser in diese Zeit entführt. Anachronismen sucht der Leser vergeblich, jedes gesprochene Wort und jede Handlung fügt sich passend in den historischen Kontext ein. Durch eine mitreißende, emotionale, aber niemals ins Kitschige abdriftende Geschichte bringt der Autor seinen Leser den Figuren ganz nahe, lässt ihn den Menschen hinter den großen Namen erblicken. Diese Balance zwischen einer spannenden Romanerzählung und einer historisch korrekten Darstellung gelingt nur wenigen Autoren so gut wie Tilman Röhrig.

Wer sich für die Zeit Luthers interessiert, wird im Lutherjahr 2017 kaum an diesem Buch vorbeikommen. Aber auch allen anderen sei dieser historische Vorzeigeroman ans Herz gelegt, denn er entführt in eine Welt, die uns so weit entfernt scheint - und die uns doch in vielen Punkten erschreckend ähnlich ist. Ein Roman, der den Freunden historischer Romane uneingeschränkt empfohlen werden kann!

Die Flügel der Freiheit

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