Gestorbenes Land

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • , 2009, Titel: 'Gestorbenes Land', Originalausgabe

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Annette Gloser
Wurzeln schlagen

Buch-Rezension von Annette Gloser Okt 2016

Im Jahre 1901 wird Rudolf Feldberger geboren. Seine Eltern sind deutsche Siedler in Wolhynien, ein unruhiger Geist der Vater. Wohl gibt der Großvater dem kleinen Rudolf mit auf den Lebensweg, dass es für jeden Menschen wichtig sei, Wurzeln zu schlagen, doch die Familie Feldberger ist auf stetiger Wanderschaft. Zwar hofft Mutter Feldberger darauf, dass die Familie endlich irgendwo sesshaft wird, hofft einmal sogar darauf, heim ins Reich geholt zu werden, doch immer wieder entscheidet der Vater anders. Rudolf wächst auf, Seite an Seite mit Russen, mit Litauern und Polen, lernt ihre Sprachen, lernt sie als Menschen kennen. Den sehnlichsten Wunsch, den Besuch einer Schule, verwehrt ihm der Vater immer wieder aufs Neue. Rudolf lernt schnell, zum Familienunterhalt beizutragen. Keine Arbeit ist zu schwer, keine zu schmutzig. Als er jedoch gegen Ende des Ersten Weltkrieges verwundet wird, ist es mit der schweren körperlichen Arbeit vorbei. Rudolf findet eine Lehre als Schneider, macht später sogar seine Meisterprüfung - obwohl er nie richtig Lesen und Schreiben lernte. Er findet seine Heimat in Tilsit, an der Grenze Deutschlands zu Litauen. Ein gefragter Mann, ein etablierter Schneidermeister mit Familie und gutem Ruf. Niemand ahnt mehr, aus welch bescheidenen Verhältnissen Feldberger einst kam. Und als Hitler an die Macht kommt, gehört Rudolf Feldberger nicht zu seinen Gegnern. Noch ahnt er nicht, dass er die Wurzeln, die er nun endlich mühsam ins ostpreußische Erdreich gesenkt hat, schon bald wieder ausreißen muss.

Unbekanntes Ostpreußen

Hartmut Schatte schrieb seinen Roman nach den Aufzeichnungen Rudolf Feldbergers und nach den Erzählungen seiner Töchter. Anschaulich beschreibt der Autor in seinem Nachwort, wie schwierig es war, die schriftlich festgehaltenen Erinnerungen eines Mannes zu lesen und zu verstehen, der zum Einen bis an sein Lebensende de facto Analphabet war und zum Anderen viele mundartliche Ausdrücke aus Ostpreußen nutzte, die heute kaum noch jemand kennt. Es ist Hartmut Schatte jedoch gelungen, dem Leser hier einen Einblick in eine vergangene Welt zu geben, wie er authentischer und lebendiger kaum sein kann. Der Lebensweg Rudolf Feldbergers ist sicher außergewöhnlich, auch für einen eingeborenen Ostpreußen. Er führt den Leser jedoch in Gegenden, von denen man heute kaum noch weiß, dass Deutsche dort einst als Siedler hochwillkommen waren. Dazu kommt, dass Hartmut Schatte es verstanden hat, die Sprache Ostpreußens mit ihren ganz typischen Ausdrücken in seinem Roman mit einfließen zu lassen, ohne dabei gestelzt oder künstlich bemüht zu wirken. Immer wieder spürt man den lebendigen Menschen, der hier sein Leben erzählt. Das berührt tief und nimmt den Leser mit auf eine sehr eindringliche Reise in die Vergangenheit. Auch wenn die Sprache manchmal etwas theatralisch gerät, so stört dies nicht, denn hinter der Theatralik erkennt man diesen besonderen Mann Rudolf Feldberger, der keine Schule besuchen durfte und doch immer bemüht war, sich zu bilden und sich Wissen anzueignen.

Verstehen können

Der Roman beginnt und endet mit einer Beschreibung der letzten Stunden Rudolf Feldbergers im Jahr 1994. Die eigentliche Handlung setzt etwa um 1905 ein und führt bis in die Nachkriegszeit. Leider sind die einzelnen Kapitel nicht mit Orts- und Zeitangaben versehen. Hier muss sich der Leser selbst zurecht finden. Immer wieder gibt es eindrucksvolle Schilderungen von Alltagsszenen, gibt es Anekdoten zum Schmunzeln und tieftraurige Geschichten. Etwas ganz Besonderes sind die Beschreibungen von Orten und Landschaften, die ausgesprochen bildhaft sind und vor den Augen des Lesers jene Orte wieder auferstehen lassen, in denen Rudolf Feldberger lebte und mit denen er sich tief verbunden fühlte. Auch die Erlebnisse Feldbergers zum Ende des Zweiten Weltkrieges, die Flucht aus Ostpreußen und der verzweifelte Versuch, zurück in die Heimat zu gelangen, hinterlassen einen tiefen Eindruck. Hartmut Schatte hat die Grundstimmung dieser Wochen und Monate eingefangen und schafft es, den Leser daran teilhaben zu lassen. Der Autor hat die Lücken, die nach dem Studium der Feldberger-Aufzeichnungen blieben, durch eigene Recherchen geschlossen. Die lebendigen Schilderungen im Roman spiegeln dies wieder und bringen viel Spannung mit hinein.

Rudolf Feldberger war kein Widerstandskämpfer, das gesteht er selbst auch ehrlich ein. Er war ein Mann, der auf seinen Vorteil bedacht war und darum seine Dienste den Nazis anbot - auch wenn diese Dienste nur darin bestanden, gut sitzende Uniformen zu schneidern. Feldberger beschönigt nichts, nicht seine eigene Rolle und nicht die Katastrophe, die über Ostpreußen herein brach. Der Rassenwahn, den die Nazidiktatur mit sich brachte und der gerade in Polen und Litauen eine mörderische Rolle spielte, wird in Feldbergers Aufzeichnungen nur am Rande erwähnt und von ihm eigentlich kaum wahrgenommen.

Eines der besten Bücher über Ostpreußen

Gestorbenes Land ist eines der besten Bücher, die über Ostpreußen und seine Bewohner geschrieben wurden. Kaum ein anderes Buch schafft es, das Alltagsleben dort so authentisch darzustellen. So wird Gestorbenes Land zu einem großartigen Leseerlebnis. Das Cover zeigt die Königin-Luise-Brücke in Tilsit, leider in ihrem heutigen Zustand, ohne die einst großartigen Bögen über die Memel. Ein altes Foto der Brücke findet man am Ende des Buches, ebenso wie ein Familienfoto der Familie Feldberger. Der "Epilog", faktisch ein Nachwort des Autors, bietet viele interessante Informationen zur Geschichte Ostpreußens und ist ausgesprochen lesenswert. Leider fehlt eine Karte, die die wichtigsten Stationen im Leben Feldbergers nachzeichnet und auf der sich der Leser orientieren könnte. Immerhin: Wer weiß denn so ganz schnell aus dem Kopf, wo Wolhynien eigentlich liegt? Ob dies nun tatsächlich ein Roman ist oder ob hier eine andere literarische Gattung Pate stand mögen andere entscheiden. Aber dieses Buch versteht es, seine Leser zu faszinieren. Und wer sich für die Geschichte Ostpreußens interessiert, sollte es unbedingt im Regal haben.

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