Das Geheimnis der Mittsommernacht

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Lübbe, 2016, Titel: 'Das Geheimnis der Mittsommernacht', Originalausgabe

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Norwegen, 1895. Im Bergbaustädtchen Røros begegnen sich zwei junge Frauen, deren Schicksal kaum unterschiedlicher sein könnte. Die Deutsche Clara ist ihrem Ehemann in dessen Heimatstadt gefolgt, wo sich dieser endlich mit seinen Eltern aussöhnen will. Doch die Ordals begegnen Clara und ihrem kleinen Sohn Paul mit unverhohlener Ablehnung. Als wenig später ein furchtbares Unglück geschieht, ist Clara plötzlich auf sich allein gestellt. Unerwartete Hilfe erfährt sie ausgerechnet durch Sofie, die Tochter des mächtigen Bergwerksbesitzers, dem die Ordals schon lange ein Dorn im Auge sind. Sofie empfindet ihr behütetes Dasein als goldenen Käfig und bewundert es, wie Clara ihr Leben meistert. Während Clara und Sofie zu Freundinnen werden, kommen sie einem Geheimnis auf die Spur, das ihre Familien seit Jahrzehnten überschattet ...

Das Geheimnis der Mittsommernacht

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19.09.2018 12:12:16
Svanvithe

Von der Freiheit und der Selbstbestimmung

„Die Freiheit ist wie Luft. Wir merken erst, wie viel sie wert ist, wenn sie uns fehlt.“

Diese Worte stellt Christine Kabus ihrem aktuellen Roman voran. In "Das Lied des Nordwinds" lernen wir mit Karoline und Liv zwei junge Frauen kennen, für das Wort Freiheit eine vielfältige Bedeutung besitzt.

Während der Himmel für Karoline im Mai 1896 noch voller Rosen hängt und sie sich auf ihre Hochzeit freut, sind ihre Träume neun Jahre später zerplatzt. Die Wirklichkeit hat sie eingeholt, und diese sieht so aus:

Ihr Mann Moritz hat sie nur wegen der Mitgift geheiratet und ansonsten kein Interesse an ihr. Die Schwiegermutter verachtet sie, auch weil sie in den vergangenen Jahren kein Kind bekommen hat. Karoline lebt abgeschieden auf Schloss Katzbach in Schlesien und schafft sich mit Büchern eine Fantasiewelt. Zumindest in dieser existiert ein Mann, der sie mit Respekt behandelt und ihr ritterlich zur Seite steht, wenn es schwierig wird. Eine Art von Freiheit. Denn Karoline selbst geht den Problemen aus dem Weg. Mut gehört nicht unbedingt zu ihren prägenden Eigenschaften. Das ändert sich, als sie erfährt, dass ihr Mann in Norwegen ein uneheliches Kind gezeugt haben soll. Sie sieht darin eine Chance, nicht nur für den gewünschten Erben zu sorgen, damit der Familienbesitz nicht an einen ungeliebten Verwandten geht, sollte sich bei den Blankenburg-Marwitzens kein Nachwuchs einstellen, sondern erhofft sich daneben ein Quäntchen Glück für sich selbst. Und so macht sie sich auf die Suche...

Demgegenüber hat Liv im Haus ihrer Eltern bislang den wahren Unbill des Lebens kennengelernt. Seit frühester Jugend unterstützt sie ihre Mutter beim Broterwerb für die Familie, weil dies ihrem Vater nach einem Unfall nicht möglich ist. So kommt sie als Dienstmädchen nach Stavanger in das Haus von Oddvar und Ingrid Treske. Viel lieber wäre sie allerdings frei von irgendwelchen Dienstherren und ebenso von den Eltern.

Schon bei ihrer Ankunft muss sie mit ansehen und erleben, wie Oddvar Treske seinen Sohn Elias maßregelt. Sie wendet sich dem Jungen offen und behutsam zu und knüpft schnell eine besondere Beziehung zu ihm. Bald vermutet sie, dass hinter dem Verhalten von Oddvar Treske mehr steckt als die sittenstrenge Erziehung eines fürsorglichen Vaters...


Christine Kabus ist mit ihren in Norwegen angesiedelten Geschichten, die durch ihre ausgezeichnet recherchierten – vor allem der historischen – Hintergründe und Zusammenhänge punkten, zu einer festen Größe in der Leselandschaft geworden. Auch ihr fünfter Roman nimmt uns mit auf eine Reise in den Norden, an deren Ende wir mit neuem Wissen bestückt und außerordentlichem Wohlgefühl das Buch aus der Hand legen.

Dies resultiert aus dem Vermögen der Autorin, Land und Leute mit Können und spürbarem Enthusiasmus zu formen, so dass einzigartige Bilder bei der Lektüre entstehen und zum nachhaltigen Leseerlebnis beitragen.

Dabei ist hoch einzuschätzen, dass sich Christine Kabus nach „Das Geheimnis der Mittsommernacht“ in ihrem hier vorgelegten Werk „Das Lied des Nordwinds erneut auf meisterhafte Art und Weise mit der Stellung der Frau im Blickwinkel der Zeit auseinandersetzt, diese ins rechte Licht rückt und lebensechte und zugleich emotional agierende Porträts erarbeitet.

Es ist das Jahr 1905. Norwegen befindet sich an einem Wendepunkt in seiner Geschichte und will sich aus der schwedisch-norwegischen Personalunion und damit aus der Abhängigkeit von Schweden lösen.

Wie das Land sind auch Liv und Karoline – dabei spielt es keine Rolle, dass Karoline Deutsche ist – anfänglich in ihren Korsetts gefangen. Zwar trennt sie ihre jeweilige Herkunft, eint jedoch die Einbindung in die gesellschaftlichen Normen und damit das Fehlen der Freiheit, selbständige Entscheidungen zu treffen.

Es gelingt ihnen erst nach und nach, sich davon freizumachen, einen inneren Wandel zu vollziehen, Bewusstsein für die Bedürfnisse und Träume sowie Selbstwertgefühl zu entwickeln und Courage zu verstärken.

Dabei haben beide Hilfe. Es gibt Menschen, die ihnen die Augen öffnen und es vermögen, ihnen Alternativen zu ihrem bisherigen vorgefassten Lebenswegen aufzuzeigen.

So ist es Bjarne, der Livs Denken in Gang setzt, ihr die Einsicht in eine völlig andere Welt eröffnet, sie mit neuen Ideen bekannt macht, über Dinge grübeln lässt, über die sie sich zuvor nie mit jemandem ausgetauscht hat.

In Karolines Fall vermittelt Auguste Bethge ihr ein Frauenbild, dem sie zuvor keine Beachtung geschenkt hat. In deren Begleitung entwickelt Karoline sich und verändert ihre Sichtweise. Sie findet Gefallen an der Formulierung eigenen Gedankengutes, über ihre eigenen Probleme hinaus einen Blick auf die Unzulänglichkeiten der Welt im Allgemeinen und die der Frauen im Besonderen zu werfen, Verantwortung zu übernehmen, Wunschträume verwirklichen zu wollen.

"Jeder Mensch hat das Recht, selbst über sich zu bestimmen." Mit ihren Heldinnen Liv und Karoline erbringt Christine Kabus ein anschauliches Beispiel dafür, dass dieses Ansinnen von Erfolg gekrönt ist.

14.10.2016 17:40:52
mabuerele

„...Angeblich heilt die Zeit alle Wunden. Aber sie kann die Lücke, die ihre Mutter hinterlässt, nicht füllen...“

Wir schreiben das Jahr 1895. In Bonn findet ein Fest zu Ehren von Olaf Ordal statt. Der junge Jurist soll eine Stelle auf Samoa antreten. Seine Frau Clara, die in einem Waisenhaus aufgewachsen ist, und der kleinen Sohn Paul werden ihn begleiten. Dann aber erhält Olaf einen Brief. Seine Mutter liegt im Sterben. Olaf hatte den Kontakt zu seinen Eltern abgebrochen. Nun fährt er mit seiner Familie in das norwegische Städtchen Roros. Nach dem ersten Gespräch zwischen Olaf und seinen Eltern kommt es zu Katastrophe. Plötzlich ist Clara auf sich allein gestellt.
In Roros hat der Bergwerksbesitzer Ivar Svartstein das Sagen. Im Jahre 1895 stirbt seine Frau bei der Geburt des einzigen Sohnes. Auch das Kind überlebt nicht. Während für die ältere Tochter Silje das Leben weitergeht, trauert die 19jährige Sofie um die Mutter.
Die Autorin hat einen fesselnden historischen Roman geschrieben. Das Buch lässt sich angenehm lesen und hat mich schnell in seinen Bann gezogen.
Nach den ersten Kapiteln verlagert sich die Handlung komplett nach Norwegen. Dort laufen zwei Erzählstränge parallel. Zum einen darf ich das Leben von Sofie, zum anderen von Clara begleiten.
Beiden Frauen ist gemeinsam, dass sie bestrebt sind, auf eigenen Füßen zu stehen. Clara muss das notgedrungen, Sofie braucht eine Aufgabe, um den Tod der Mutter zu verarbeiten.
Der Schriftstil des Buches ist vielseitig. Die Protagonisten werden gut charakterisiert. Besonders deutlich werden die unterschiedlichen Charakterzüge von Silje und Sofie herausgearbeitet. Silje ist kalt, berechnend, überheblich. Wer sich ihr in den Weg stellt, hat nichts zu lachen. Sofie dagegen interessiert sich für Literatur, geht auf die Menschen zu und hat keinerlei Standesdünkel.
Auch Land und Leute werden gut beschrieben. Die Tratschweiber in der Apotheke, Sofies Tante, die ihr Leben trotz mehrerer Kinder mit Bravour meistert, der alte Gundersen, der Paul in schwieriger Zeit auffängt, und die gutherzige Herbergswirtin von Clara sind Beispiele dafür. Gekonnt in die Handlung integriert wird die Geschichte des Dorfes. Ich war erstaunt, wie groß deutsche Einflüsse im norwegischen Bergbau waren. Auch die aktuelle politische Lage wird angemessen berücksichtigt. Hier spielen vor allem die gegensätzlichen Meinungen zur Abhängigkeit Norwegens von Schweden eine Rolle. Kleingeisterei und Vorurteile machen nicht nur Clara das Leben schwer. Immer aber findet sie Mitstreiter, die sie aufbauen. Zwei besondere Stilmittel hat die Autorin hier eingebaut. Es gibt zwei Menschen, die für Clara eine entscheidende Bedeutung haben. Das ist zum einen die Ordensschwester Gerlinde, die im Waisenhaus für Clara wie ein Mutterersatz war. In schwierigen Situationen fragt sich Clara, was Gerlinde dazu gesagt hätte. Die Ordensschwester war nicht nur liebevoll um das Mädchen besorgt, sie hat sie auch im festen Glauben erzogen und ihr Toleranz gegenüber Andersdenkenden vermittelt. Als Katholikin hat es Clara im protestantischen Norwegen nicht einfach. Die zweite Person ist Claras beste Freundin Ottilie. Ab und an hat Clara ihre kurzen und prägnanten rheinische Sprüche im Ohr. Sie geben den Buch eine Prise Humor. Poetische Stellen finden sich unter anderem beim Betrachten der Polarlichter. Die Autorin findet passende Worte für die Emotionen ihrer Protagonisten. Obiges Zitat fällt im Gespräch des Kantors mit Sofie. Aussagekräftige Dialoge beleuchten die Zeitverhältnisse und unterschiedliche Einstellungen zu politischen Fragen. Auf alle Feinheiten des Buches einzugehen, würde den rahmen dieser Rezension sprengen.
Ein ausführliches Personenregister und zwei Karten am Anfang des Buches ergänzen die Handlung.
Das Cover mit der Hütte am See und den in verschiedenen Rottönen leuchtenden Himmel wirkt sehr ansprechend.
Das Buch hat mir ausgezeichnet gefallen. Es zeichnet ein Stück Lebensweg zweier starker Frauen. Gleichzeitig zeigt der Blick in die Vergangenheit, wie unterschiedlich Menschen mit Verletzungen umgehen.