Engel der Themse

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Dryas, 2016, Titel: 'Engel der Themse', Originalausgabe

Couch-Wertung:

76

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Eva Schuster
Atmosphärischer Krimi in viktorianischer Zeit

Buch-Rezension von Eva Schuster Sep 2016

London, 1864: Immer wieder verschwinden Babys aus dem Armenviertel Seven Dials. Die Menschen sprechen von einem "Schatten", der sie holt; die Polizei unternimmt nichts. Auch der neugeborene Bruder der fünfzehnjährigen Gladys verschwindet, als ihr Bruder Tom einen Moment lang unachtsam ist.

Zur gleichen Zeit erhält die junge, etwas vorlaute Emma Arbeit als Küchenmädchen bei Lord Collingwood. Sie teilt sich ihre Dachkammer mit dem französischen Kindermädchen Louise, das sich um den kleinen Sohn des Lords kümmert. Eines Tages verschwindet der Junge beim Spielen mit Louise im Park. Trotz eines enormen Suchaufgebotes der Polizei bleibt er unauffindbar.

Die verzweifelte Louise wird entlassen und von der Polizei verdächtigt. Schließlich trifft der Verdacht auch Emma, da sie mit Louise befreundet war. Kurzerhand flieht Emma und versteckt sich auf den Straßen Londons vor der Polizei. Hier trifft sie Gladys, mit der sie sich notgedrungen zusammenschließt. Gemeinsam versuchen sie, das Geheimnis um die verschwundenen Kinder und den unheimlichen "Schatten" zu lösen ...

Eintauchen in Londons dunkle Gassen

Das Label "Baker Street" des Dryas-Verlages hat sich viktorianischen Krimis verschrieben, die alles mitbringen, was man mit England im 19. Jahrhundert verbindet, und Engel der Themse versteht es, diese Erwartungen zu erfüllen. Das Armenviertel Londons ist der zentrale Schauplatz, in dem sich die Bewohner auf engstem Raum zusammendrücken. Klare Schilderungen machen hier die unangenehmen Gerüche, den Schmutz, die Krankheiten und den immer gegenwärtigen Alkohol lebendig und versetzen den Leser mitten hinein in eine sowohl faszinierende als auch abstoßende Zeit der englischen Geschichte.

Abwechselnd wird das Schicksal der beiden Protagonistinnen Gladys und Emma erzählt, bis diese im letzten Drittel aufeinandertreffen und sie sich beide mit dem unheimlichen, kinderstehlenden "Schatten" auseinandersetzen müssen. Gladys ist im Armenviertel aufgewachsen, ihren Vater kennt sie nicht, ihre Mutter ertränkt seit vielen Jahren ihren Kummer im Alkohol. Somit ist es an Gladys, für ihre jüngeren Geschwister zu sorgen, insbesondere für ihren Bruder Tom. Dabei schreckt das Mädchen auch nicht vor Prostitution zurück und nutzt kühl kalkulierend die betrunkenen Matrosen, um an ein paar Pennys für das nächste Brot zu kommen. Immer wieder tauchen abgehalfterte Dirnen, betrunkene Männern, zahnlose alten Frauen und diebische Straßenkinder auf und führen einem das Elend der verarmten Gesellschaft vor Augen. Gladys ist aufgrund ihres harten Schicksals abgeklärt und auf ihren eigenen Vorteil bedacht, reagiert daher zunächst auch ablehnend gegenüber Emma und fühlt sich nur ihrem Bruder Tom verpflichtet. Aber man spürt, dass hinter der rauen Fasse doch auch ein solider Gerechtigkeitssinn lauert und sich Gladys trotz ihres schwierigen Lebens ihre Menschlichkeit bewahrt hat.

Auf der anderen Seite steht Emma, die zwar nicht in reichen, aber doch im Vergleich zu Gladys geordneteren Verhältnissen aufgewachsen ist; vor allem lebt sie in einer harmonischen Familie, in der niemand dem Alkohol verfallen ist. Ihr eigentliches Ziel ist es, eines Tages als Ladenmädchen zu arbeiten, doch notgedrungen nimmt sie einen gut bezahlten Job als Küchenhilfe an. Der Leser lernt gleich bei ihrem ersten Auftreten ihre liebenswert-kecke Art kennen, als sie sich als Junge verkleidet, um einen Blick auf den von ihr verehrten Prinz Alfred zu erhaschen. Emma ist recht naiv für ihr Alter und sorgt überdies mit manch vorschnell ausgesprochenem Gedanken immer wieder für amüsante Momente, die die Handlung auflockern.

Solide, aber simple Krimihandlung

Der Kriminalteil dreht sich um die Fragen, wer warum die Babys verschwinden lässt, wie das Verschwinden des kleinen Lords damit zusammenhängt und wie es Emma gelingt, ihre Unschuld zu beweisen. Da Emma eine sehr sympathische Figur ist und das Verschwinden der Kinder durchaus berührt, ist durchweg eine gewisse Spannung gegeben, und dank des einfachen, sehr flüssigen Stils ist die Lektüre sehr kurzweilig. Allerdings darf man keine ausgefeilte Kriminalhandlung erwarten. Das Ende ist nicht sehr überraschend, es gibt keine nennenswerten Wendungen, sondern es fügt sich letztlich alles so zusammen, wie es ein erfahrener Krimileser bereits geahnt hat. Dazu kommt, dass sich die Ereignisse am Schluss sehr überstürzen und die Lösung ein wenig zu einfach herbeigeführt wird. Nicht ganz überzeugend ist auch die Liebeshandlung, die - sehr dezent - eingeflochten wird; sie wirkt ein bisschen gezwungen und nicht sehr glaubwürdig, wie um der Vollständigkeit halber eingefügt.

Aber abgesehen von den kleinen Schwächen ist Engel der Themse ein empfehlenswerter Roman mit Krimiflair für alle Liebhaber des viktorianischen Settings, eine ideale Lektüre für gemütliche Winterabende.

Engel der Themse

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Letzte Kommentare:
04.05.2017 11:36:27
tassieteufel

London 1884: immer wieder verschwinden in den Elendsvierteln der Stadt die Kinder der Armen, doch die Polizei unternimmt nichts und so verbreitet sich die Legende vom Schatten, der die Kinder holt. Erst als der kleine Sohn eines reichen Adligen verschwindet, beginnt die Polizei mit Hochdruck zu ermitteln. Zunächst gerät das Kindermädchen der Familie unter Verdacht, doch als auch sie wenig später unter seltsamen Umständen aus der Themse gezogen wird, gerät das Küchenmädchen Emma ins Visier der Polizei, der Verdacht verstärkt sich, als auch der neugeborene Sohn des Lords spurlos verschwindet.


"Engel der Themse" ist ein durchaus gelungener viktorianischer Roman, der auch einige Krimielemente beinhaltet, direkt als historischen Krimi würde ich das Buch nicht unbedingt bezeichnen, dafür ist die eigentliche Krimihandlung zu sehr Randgeschehen. Hauptsächlich geht es um die beiden jungen Frauen Emma und Gladys, die in der viktorianische Ära mehr schlecht als recht als Dienstboten ihr Auskommen suchen. Dabei wird abwechselnd das Schicksal der beiden erzählt, bevor sie erst im letzten Drittel des Buches zusammen treffen und da beide in gewisser Weise in das Verschwinden der Kinder involviert sind, tun sie sich notgedrungen zusammen. Besonders der schwere Lebensweg von Gladys, mit der es das Leben von Anfang an nicht gut meinte, geht doch sehr zu Herzen, auch wenn Gladys nicht immer sympathisch ist, so hat sie das Herz doch auf dem rechten Fleck und versucht trotz aller Widrigkeiten und Ungerechtigkeiten im Leben, das Richtige zu tun, auch wenn sie dabei zuerst ihren eigenen Vorteil im Blick hat. Emma hingegen stammt zwar auch aus einer armen Familie, ist aber immerhin in einer liebevollen Familie behütet aufgewachsen und wird nun von ihrer Mutter in Stellung gegeben, um ihr ein wenig die Flausen auszutreiben. In einem vornehmen Adelshaus wird sie als Küchenmädchen angestellt, wo sie wirklich Schwerstarbeit leisten muß.
Der Autorin ist es hier wunderbar gelungen, die verschiedenen Lebenssituationen der Mädchen einzufangen und dabei bildhaft und mit viel stimmiger Atmosphäre das Leben in den Londoner Elendsvierteln einzufangen. Die Armut der Menschen dort, die Ungerechtigkeiten und die Willkür, denen vor allem Frauen und Kinder ausgesetzt waren, der rigorose Polizeiapparat, sowie die strengen Hierarchien, denen die Dienstboten in den Herrenhäusern unterworfen waren, spiegeln sich in krassem Gegensatz zu dem Leben der Reichen und Adligen. Selbst zwischen Emma und Gladys werden quasi Klassenunterschiede deutlich, die von beiden auch durchaus ausgelebt werden.
Der Krimifall ist allerdings eher Rahmenhandlung für die Schicksale der beiden ungleichen Mädchen und dreht sich um die Frage, wer die Babys verschwinden läßt. Dabei ist einem versierten Krimileser schnell klar, dass das Verschwinden der Säuglinge ein anderer Fall ist, als der um den verschwundenen kleinen Lord. Wirklich viel kriminalistische Ermittlungsarbeit bekommt man dann auch hier nicht geboten, einige dezente Hinweise sind für Krimivielleser doch recht offensichtlich und so ist die Auflösung insgesamt ein wenig vorhersehbar, zudem werden die Ereignisse am Ende dann doch ein wenig überstürzt und abrupt abgehandelt und die sich anbahnende Liebesgeschichte wirkte auf mich ein wenig unfertig, so als hätte man sie unbedingt auf den letzte Seiten noch hinein quetschen müssen.
Eingängig und gut zu lesen ist der Schreibstil der Autorin, der auch sehr gelungen an die damalige Zeit angepaßt ist und durchaus auch etwas deftigere Ausdrücke verwendet.
Wirklich gelungen ist auch wieder das Cover vom Dryas Verlag, das sich wunderbar in die Baker Street Reihe einfügt.

FaziT: ein sehr gelungener viktorianischer Roman, der abseits der verklärten Pfade dieser Ära das Leben in den Elendsvierteln thematisiert und für mich eher ein Sittengemälde als ein historischer Krimi war. Das Buch kann mit einer sehr dichten und bildhaften Atmosphäre überzeugen, in die man beim Lesen eintauchen kann.