Cholera

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • , 2016, Titel: 'Cholera', Originalausgabe

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Jörg Kijanski
Atmosphärischer Einblick in das Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Sep 2016

Berlin, August/September 1893. Kriminalpolizei-Inspektor Louis von Angern erhält einen ungewohnten Auftrag. Baron Oscar Xaver von Jouquiers, führender Möbelhändler der Stadt, wurde von einem Hochstapler geprellt. Dieser kaufte in großem Stil wertvolle Möbel ein, diese an andere Händler zu einem Spottpreis weiter, ohne jedoch den vereinbarten Abschlag, geschweige denn den vollen Kaufpreis an Jouquiers zu entrichten. Allerdings hat er damit noch einige Wochen Zeit. Erst wenn dann der Wechsel platzt, handelt es sich um eine Straftat.  

 

"Wat jlauben Se wohl, weshalb ick Se hab rufen lassen? Der Baron is wie ick Mitjlied im Kegelverein Prussia Schwarz-Weiß-Rot und hat mir um Hilfe jebeten."

"Wenn das so ist, werde ich umgehend einen meiner besten Männer, Kriminalkommissar Paul Bärenzung, auf den Fall ansetzen."

"Von Angern, sind Se völlich plemplem? Der is total wichtich. Desterwejen kümmern Se sich ab sofort höchstpersönlich um die Sache."

 

Louis von Angern holt sich einmal mehr Rat bei seinem väterlichen Freund Theodor Fontane und nimmt mit anderen Städten Kontakt auf. Gleich in mehreren Fällen hat er Erfolg, denn der Betrüger war nicht zum ersten Mal aktiv. Durch seine bisherigen Aufenthalte lassen sich Rückschlüsse ziehen, in welchen Städten er voraussichtlich das nächste Mal zuschlagen wird. Derweil hadert der Baron mit dem Schicksal. Nach einer Reise in die Hansestadt Hamburg, in der eine Cholera-Epidemie wütet, hat er sich angesteckt. Durch gute ärztliche Pflege gelingt eine schnelle Besserung, allein er hat weiterhin Pech. Zunächst bricht ein Wagenrad seiner Kutsche, was eigentlich ausgeschlossen ist, dann wird er Opfer eines Raubüberfalls und stirbt vor den Augen von Angerns.

Der zweite "Fontane-Krimi" des Urenkels von Louis von Angern

Nach Todeszeit legt Wolf von Angern seinen zweiten "Fontane-Krimi" vor, indem der berühmte Schriftsteller einmal mehr eine entscheidende Gastrolle übernimmt. In einer Einleitung erzählt von Angern die Geschichte seines Urgroßvaters, der zu Lebzeiten engen Kontakt zu Fontane pflegte. Dieser litt an einer lebensbedrohlichen Gehirnischämie. Nachdem verschiedene medizinische Versuche fehlschlugen, empfahl der Arzt vor allem geistige Betätigung. So versorgte von Angern den erkrankten Autor mit aktuellen Fällen seiner Arbeit und Fontane revanchierte sich, in dem er zur Aufklärung des einen oder anderen Falles beitrug. Insofern ist die Bezeichnung "Fontane-Krimi" zutreffend, wenngleich ein bisschen irreführend.

Der zweite Fall spielt 1893 und bietet einen vielschichtigen Einblick in die Großstadt im ausgehenden 19. Jahrhundert. Wer sich für Berlin oder die deutsche Geschichte vor dem Jahrhundertwechsel interessiert, darf bedenkenlos zugreifen. Trotz der überschaubaren Seitenanzahl entführt der Autor seine Leser atmosphärisch dicht und facettenreich in die damalige Zeit. Auch die Polizeiarbeit wird umfangreich vorgestellt.

 

"Bertillon fand heraus, dass kein Häftling in allen Details dem anderen gleicht. Am leichtesten lassen sich Personen nach ihrer Körpergröße unterscheiden."

"Das ist nun wahrlich keine umwerfende Erkenntnis. Einen Zwerg und eine Riesen vermag jeder auseinanderzuhalten."

"Warten Sie es ab. Bertillon hat als zweites Maß die Armspanne hinzugenommen. Dadurch war die Wahrscheinlichkeit, einen weiteren Menschen mit gleicher Größe und Armspannweite zu finden, auf 16:1 gesunken. Je mehr Messungen er anstellte, umso größer wurde das Verhältnis. Bei elf Messungen betrug es schon 4.194.304:1."

 

Nahezu landesweit sind neuerdings Fernsprechanlagen, sogenannte Telefone, im Einsatz. Louis von Angern ist zudem dabei, die Bertillonage, ein neuartiges Vermessungssystem für Kriminelle, erfunden von dem Franzosen Alphonse Bertillon, in Berlin einzuführen. Soweit ist es mit der Daktyloskopie noch nicht. Sie wird bis dato lediglich in England getestet. Alles in allem ist Cholera ein lesenswerter historischer Krimi, lediglich der Spannungsbogen könnte deutlich höher sein. Die Ermordung des Barons geschieht recht spät, bis dahin plätschert, wohlgemerkt nur der Krimiplot, träge dahin und die Auflösung kommt dann ein bisschen plötzlich. Der historische Rahmen gleicht diese (kleinen) Defizite in Hinblick auf das Lesevergnügen jedoch aus.

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