Der Turm der Welt

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Wunderlich, 2016, Titel: 'Der Turm der Welt', Originalausgabe

Couch-Wertung:

96
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Carsten Jaehner
Spannender Roman um die Weltausstellung 1889 in Paris

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Aug 2016

Oktober 1889. Die Weltausstellung in Paris geht ihrem Ende entgegen. Nur noch wenige Tage, und die größte Industrieschau der Welt schließt ihre Tore, und was hat sie dem Publikum nicht alles geboten. Vor allem natürlich den großen stählernen Turm, der von Gustave Eiffel konstruiert wurde und den man schon von weitem sehen konnte. Für das Finale der Weltausstellung kommen noch einmal viele Leute nach Paris, um einer versprochenen riesigen Überraschung beizuwohnen.

Gekrönte und ungekrönte Häupter, privat und offiziell, sind geladen, um um Mitternacht am 31.10. auf der oberen Plattform wohl nicht nur ein berauschendes Feuerwerk zu erleben. Eigentlich ein perfekter Moment für einen Anschlag, wenn man es denn darauf anlegen würde, vor allem in der brisanten Situation Europas, wo es zwischen Frankreich, Deutschland und England gerade brenzlig ist.

Und tatsächlich werden ein paar Tage vor dem Finale zwei Ermittler des französischen Geheimdienstes tot aufgefunden, eine Vorwarnung? Kurze Zeit spät wird noch eine Prostituierte gefunden, dann noch ein Zuhälter. Zufall? Der alte kongeniale ehemalige Agent Marais wird zurückgeholt, um die Morde aufzuklären und den Anschlag auf die Weltausstellung, wo auch immer dieser stattfinden soll, zu verhindern. Doch wird er es schaffen, zweieinhalb Tage vor dem großen Feuerwerk? Währenddessen droht die Stadt an mehreren Ecken aus den Fugen zu geraten...

Flirrende Atmosphäre

In Benjamin Monferats Roman Der Turm der Welt flirrt es vom ersten Satz an. Dies liegt nicht nur daran, dass jedem Kapitel der Stand eines Countdowns als Überschrift vorangeht, beginnend mit "Zündung in 59 Stunden, 51 Minuten", dann dem Ort der Handlung, Datum und reale Uhrzeit. So weiß der Leser von Anfang an, dass auch er gewisse Spannungen ertragen wird müssen, da die Uhr gnadenlos tickt und auch auf die jeweilige Lesegeschwindigkeit keine Rücksicht nimmt.

Die Spannung in dem Roman wird aber nicht nur durch den Countdown erzeugt, sondern vor allem auch durch seine verschiedenen Handlungsstränge. Zu Beginn ist es etwas verwirrend, all den verschiedenen Geschichten zu folgen, die zwar in sich auch eine gewisse Spannung haben, aber von so großer Zahl sind, dass man droht, den Überblick zu verlieren. Da steht ein Hotel, das Vernet, kurz vor dem Konkurs, obwohl es trotz der Weltausstellung nicht genügend Profit erwirtschaften konnte, damit auch das Personal kurz vor der Kündigung. Die Legende Agent Marais wird aus dem Ruhestand zurückgeholt, um mit seinem Kollegen, dem Grünschnabel Pierre Trebut den Fall seines Lebens lösen soll. Der britische Nachfolger des Thronfolgers soll inkognito in der Stadt sein, ein deutscher Diplomat ist auf der Suche nach seiner eigenen Herkunft und eine Prostituierte versucht, ihr Hurenhaus am Leben zu erhalten. Diese und noch weitere kleinere Geschichten bestimmen das Geschehen des Romans, während die Uhr gnadenlos tickt und der Leser lange nicht weiß, woran er eigentlich ist und wann und wie sich die kleinen Geschichten endlich miteinander verbinden.

Der Countdown läuft ...

Dies gestaltet Monferat allerdings sehr geschickt und er weiß, wie er den Leser in seinen Bann ziehen und bei der Stange halten kann. Das tut er auf der Basis des Zeitgeistes, der zu dieser Zeit das Leben bestimmt. Die Welt ist im Aufbruch, Maschinen beginnen, die Welt zu beherrschen. Fotografien überschwemmen das Volk, Elektrizität ist fast selbstverständlich geworden, Automobile beginnen mehr und mehr, die Straßen zu beherrschen, also Kutschen, die ohne Pferde fahren. Niemand weiß, wohin die technische Entwicklung die Menschheit bringen mag, und genau diesen Zeitgeist, diese Stimmung weiß Monferat einzufangen und dem Leser nahezubringen. Der technische Fortschritt ist an jeder Straßenecke zu spüren, die Luft ist zum Zerschneiden angespannt, die Welt schaut auf Paris.

Mehrere Geschichten steuern auf die Katastrophe zu

Erst allmählich verwebt Monferat die kleinen Geschichten miteinander, und der Leser beginnt zu grübeln, welches denn die große Katastrophe sein würde, auf die das Ganze hinstrebt, und diese soll natürlich nicht verraten werden und auch das Drumherum nicht, denn es ist ein fantastische Lösung, bis zu der der Autor seine Leser bis kurz vor Ende des Romans auf die Folter spannt, und er zieht alle Register, von Elektrizität bis zu bewegten Bildern, die damals noch im Endwicklungsstadium waren, bis hin zu Maschinen riesigen Ausmasses, die aber eben auch zu einer Weltausstellung passen.

Neben dem britischen Thronfolger Edward ist der Maler Henri de Toulouse-Lautrec tatsächlich der einzige historisch verbürgte Charakter in dem Roman, und fast mag man meinen, am Ende noch Jules Verne um die Ecke schauen zu sehen, beinahe ein Frevel, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, aus ihm und seinen Ideen einen Roman zu machen.

Konzentration gefordert

Wer diesen Roman liest, sollte damit rechnen, dass ihm höchste Konzentration auf den Roman abverlangt wird. Die schnellen Szenenwechsel und das große Personal verlangen, dass man unbedingt bei der Stange bleibt, weil man sonst schnell droht, den Faden zu verlieren. Und das wäre schade, denn der Roman besticht durch eine hohe Spannungsdichte und legt von Beginn an ein hohes Tempo vor. Und wer will trotz allem nicht wissen, was um Mitternacht geschieht. Angesichts dessen, was zur letzten Jahrhundertwende alles möglich war und was sich seitdem in den letzten 130 Jahren getan hat, wo der Mensch ins All fliegt, sich schnell auf Schienen bewegt und Roboter baut, die den Menschen streckenweise ersetzen können, mag man sich kaum ausmalen, was alles in weiteren 100 Jahren möglich sein wird. Andererseits, wenn man sich vorstellt, dass man es woanders nicht mal schafft, einen einfachen Flughafen zu bauen&

Eine Karte von Paris mit den entscheidenden gekennzeichneten Spielorten jeweils im Einband und ein äusserst lesenswertes Nachwort ergänzen einen gelungenen, temporeichen und spannenden Roman, bei dem man unbedingt dranbleiben sollte und nicht viel mehr nebenher machen darf. Benjamin Monferat beweist, dass er ein Meister des historischen Spannungsromans ist, der hervorragend recherchiert und weiß, wie man eine flirrende Atmosphäre schafft und den Leser durch seine gut ausgetüftelte Dramaturgie an den Roman fesselt. Ein Roman, der gerade wegen seines Finales nachhallt und dem Leser erst nach der letzten Seite Zeit zum Durchatmen gibt. Puuh. Mehr davon.

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