Die Rückkehr

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • dtv, 1918, Titel: 'The Return of the Soldier', Originalausgabe

Couch-Wertung:

85
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Jörg Kijanski
(Fast) Eine literarische Sensation

Rezension von Jörg Kijanski Jul 2016

Frühjahr 1916. Der Erste Weltkrieg ist in vollem Gang. Captain Chris Baldry steht in Frankreich im Feld. Unmittelbar neben ihm explodiert eine Granate, deren Schockwellen sein Gedächtnis schädigen. Der "Granatenschock" beraubt ihn seiner Erinnerung der letzten fünfzehn Jahre. Plötzlich ist er wieder ein junger Mann, der sich nicht an seine Ehefrau Kitty erinnern kann, sondern von seiner Jugendliebe Margaret schwärmt, die längst verheiratet ist. In der Hoffnung, dass eine Rückkehr auf seinen Landsitz Baldry Court seinen Zustand verbessert, kehrt er heim. Während die ebenso schöne wie gefühlskalte Kitty sich mehr und mehr beleidigt zurückzieht, versucht Margaret "ihren" Chris ins Leben zurückzuholen. Doch würde eine mögliche Heilung gelingen, würde dies auch bedeuten, dass ihre Beziehung erneut zerbricht und - noch schlimmer - Chris wohl wieder als Soldat an die Front müsste. Zwischen den weiblichen Fronten, bestehend aus Kitty und Margaret, steht derweil Jenny, eine Cousine von Chris, die ihn von klein auf anhimmelt ...

Rebecca West zählt zu den interessantesten Frauen des 20. Jahrhunderts

Drei Frauen, ein Mann. Die Ehefrau, die ihren Gatten zu verlieren droht, die Frau, die schon immer von ihrem Cousin schwärmte und nicht zuletzt die große Jugendliebe. Was auf den ersten Blick wie die Inhaltsangabe eines schmalzigen Liebesromans aussieht, entpuppt sich als große Literatur. Zunächst lohnt sich jedoch ein Blick auf die außergewöhnliche Biografie der Autorin, die zu den interessantesten Frauen des 20. Jahrhunderts zählt. 1892 als Cicily Isabel Fairfield in London geboren, wird sie später als Rebecca West berühmt. Sie verreißt als Kritikerin ein Buch des großen H. G. Wells, woraufhin dieser sie zum Essen einlädt. Beide werden ein Paar, ein gemeinsamer Sohn folgt. West arbeitet als Journalistin und Schriftstellerin, ist eine umtriebige Frauenrechtlerin und bei den "Suffragetten" aktiv. 1946 berichtet sie für den "New Yorker" von den Nürnberger Kriegsprozessen, 1959 wird sie als "Dame Commander of the Order of the British Empire" (DBE) geadelt. Das hier vorliegende Werk The Return of the Soldier erschien erstmals 1918 und ist der vermutlich einzige zeitgenössische Roman einer Frau, der während des Ersten Weltkrieges verfasst und veröffentlicht wurde. Es grenzt daher an ein kleines literarisches Wunder, dass dieser Roman fast hundert Jahre später nun erstmals in deutscher Sprache vorliegt. Stellt sich lediglich die Frage, warum man bei dtv nicht noch zwei weitere Jahre (2018 = hundert Jahre nach Kriegsende bzw. hundert Jahre nach der Erstveröffentlichung) gewartet hat?

 

"Es war einer dieser schmutzig grauen Tage, an denen ein Garten am schlimmsten aussieht und die so typisch sind für Ende März. Der Wind, der aufkam, um die Sonne in Schach zu halten, hatte der Zeder die Würde ihrer ausladenden Form genommen, die dunklen Tannen dazu gebracht, gemeinsam mit den Armen zu schlagen, und den Himmel mit enorm grauen Wolken gefüllt, die das Leuchten der Krokusse dämpften. Um die Anmut von Gärten auch an Tagen wie diesen zu erhalten, wenn dies Blumenbeet oder jener stattliche Baum als gestalterische Höhepunkte ausfielen, hatten die alten Gärtner auf Rasen und Spazierwegen Statuen aufgestellt, thematisch zueinanderpassende moosüberwachsene Tritonen oder Nymphen mit einer Urne, die den Blick fesselten. Dennoch fand der Blick auch in diesem ruhelosen Garten einen Halt, er lag auf der Gestalt im gelben Regenmantel, die mitten auf dem Rasen still dastand."

 

Die Rückkehr ist der Debütroman von Rebecca West, der sprachlich sehr anspruchsvoll und zudem reichlich poetisch-intellektuell daher kommt. Auf das Kriegsgeschehen selber wird nicht eingegangen, vielmehr geht es der Autorin darum, aufzuzeigen, welche Schäden der Krieg an Leib und Seele anrichten kann. Nicht nur bei den Soldaten, sondern vor allem bei den Angehörigen. Cousine Jenny fungiert dabei als Ich-Erzählerin und lässt die Leser(innen) an ihren teils philosophisch anmutenden Gedankengängen teilhaben, ebenso wie an ihren Ansichten über die beiden anderen, höchst unterschiedlichen Frauen.

 

"Auch wenn der Anlass etwas makaber war, fand ich es ziemlich unterhaltsam, die so gleichermaßen entschlossenen, aber so unterschiedlich schönen Gesichter der beiden Frauen zu betrachten, das eine eine polierte Oberfläche, die das Licht reflektierte wie ein Spiegel, der einem Fenster gegenüber hing, das andere eine Lampe, verrußt vom Rauch sorglosen Gebrauchs, aber immer noch leuchtend von dem darin brennenden Öl."

 

Kitty ist attraktiv und kommt aus wohlhabenden Verhältnissen, was sie andere gerne spüren lässt. Allerdings ist sie auch sehr auf sich bezogen, hochnäsig und wenig feinfühlig. Margaret hingegen hat vor Jahren einen älteren Mann geheiratet, lebt in ebenso arbeits- wie entbehrungsreichen Verhältnissen, verfügt aber über ein großes Herz und Empathie. Dass ausgerechnet sie einen Weg aus der unerträglichen Situation findet, bei deren Erfolg sie erneut auf der Verliererseite stehen wird, verdeutlicht das ganze Dilemma. Ein gefühlsintensives Debüt, auch nach 98 Jahren.

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