Akte Verdun

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Gmeiner, 2016, Titel: 'Akte Verdun', Originalausgabe

Couch-Wertung:

80
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Jörg Kijanski
Mitten hinein in das Grauen des Ersten Weltkrieges

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jul 2016

April 1916. Hauptmann Wedigo von Wedel kehrt von einem Spionageeinsatz in England und Irland zurück nach Berlin. Er erhält von Major Nicolai, Leiter der Abteilung III b im Kriegsministerium und somit zuständig für Propaganda, Nachrichtendienst und Abwehr, einen neuen Auftrag, der ihn direkt an die Front in Verdun führt. Dort gibt es seit einiger Zeit seltsame Vorfälle. Von Falschmeldungen und Sabotageakten ist die Rede. Noch schlimmer ist jedoch der Verdacht, dass der oder die Verursacher aus den eigenen Reihen stammen. Hauptmann Ernst von Jacobi sollte die Vorfälle aufklären, doch seit einigen Tagen ist der Kontakt zu ihm abgerissen. Von Wedel glaubt, ihn am Abend in Berlin gesehen zu haben, dann verschwinden wichtige Papiere. Ausgerechnet die "Akte Verdun", welche die taktischen Pläne für die Schlacht enthält. Von Wedel begibt sich an die Westfront, gerät in französische Gefangenschaft, aus der ihm die Flucht nach Paris gelingt. Hier gibt es ein Wiedersehen mit der polnischen Gräfin Walewska, mit der er gemeinsam wichtige Unterlagen stehlen kann. Zurück in Berlin zeigt sich, dass der Feind nicht nur aus Frankreich stammt und nicht alle Menschen an der Front sterben. Zudem streben vor allem linke Politiker aus den Reihen der Sozialdemokratie nach einem Ende des Krieges ...

Actionreiche und informative Unterhaltung

Nach Potsdamer Affäre und Operation Sarajevo ist der vorliegende Roman bereits der dritte Teil der Wedigo-von-Wedel-Reihe. Wie bei Serien üblich gibt es ein Wiedersehen mit bekannten Figuren, hier vor allem Major Nicolai und Gräfin Walewska, zu der sich von Wedel hingezogen fühlt. Ihre Beziehung soll jedoch im Laufe des Geschehens einen herben Dämpfer erhalten.

Der Roman spielt von April bis Juli 1916 und bietet zu Beginn - mit von Wedels Eintreffen an der Westfront - einen detaillierten Eindruck über das grauenhafte Geschehen an der Front. Worte wie Blutpumpe und Knochenmühle machen die Runde. Deutsche und französische Soldaten schenken sich nichts. Ein sinnloses Blutvergießen folgt dem nächsten. Man fühlt sich ein bisschen an den Antikriegsfilm Hamburger Hill erinnert, wenngleich dieser im Vietnamkrieg spielt. Heiger Ostertag stellt plastisch die Ereignisse dar, man kann sich in die Lage der Soldaten durchaus hineinversetzen. Andere Autoren mögen dies noch intensiver beschreiben, allein, es reicht auch so.

 

"Die Thematik ist dieselbe, die uns die ganze Zeit über beschäftigt. Die Sozialisten planen Aktionen, die den Krieg beenden sollen, aber unseren Gegnern in die Hände arbeiten."

"Wie könnten diese Aktionen aussehen?"

"Die Arbeiter der Munitionsfabriken streiken. Oder es wird zu Befehlsverweigerung aufgerufen. Einheiten desertieren oder drehen womöglich die Waffen um."

"Das wäre Revolution."

"Das ist doch das Ziel der Sozialisten."

 

Doch nach der Flucht von von Wedel nach Paris erlebt der Roman einen kleinen Bruch. Der Böse, in Person des französischen Agenten Oberst Chabert, betreibt sein Unwesen zunehmend auf deutschem Gebiet und spielt mit von Wedel Katz und Maus. Einige Male hat von Wedel beinahe die Chance Chabert auszuschalten, doch dieser entkommt immer wieder in letzter Sekunde. Ein wildes Actionspektakel mit teils tödlichen Folgen, das man in ähnlicher Form schon des Öfteren gelesen hat. Sieht man von diesem "Schwachpunkt" ab (manch einem Leser wird es gefallen), beschreibt der Autor die politische Lage im Jahr 1916 sehr gelungen.

 

"War der Sieg wirklich in weite Ferne gerückt, ja vielleicht unmöglich geworden? Was, wenn die Einschätzung Nicolais einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde oder gar den sozialistischen Gruppierungen? Das konnte unter Umständen zu einer Situation führen, wie sie die Russen nach dem verlorenen Krieg gegen Japan und die Franzosen 1870/71 erlebt hatten: Das Volk, vor allem die Arbeiter und die unteren Schichten, würden auf die Barrikaden gehen, die Revolution ihr Schlangenhaupt erheben! Und die Folgen ..."

 

Aufstände und Demonstrationen in der verstärkt an Hunger leidenden Bevölkerung nehmen zu. Neue Rekruten sind Mangelware, zudem gibt es erste Gerüchte über Streiks an der Front. Selbst Major Nikolai blickt skeptisch in die Zukunft. Die Rolle linksgerichteter Sozialdemokraten wird beleuchtet und die ersten Unruhen auf deutschen Werften bieten eine Vorschau auf die späteren Ereignisse. Die Situation in Russland, wo mit einer Revolution zu rechnen ist, wird ebenso erwähnt wie das sich abzeichnende Eingreifen der Amerikaner. Wer sich für den Ersten Weltkrieg interessiert, darf zugreifen.

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