Ein Sommer in Irland

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Droemer-Knaur, 2016, Titel: 'Ein Sommer in Irland', Originalausgabe

Couch-Wertung:

83
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Rita Dell'Agnese
Man wünschte sich mehr davon

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Apr 2016

Es ist ein klassischer Plot, den Ricarda Martin für Ein Sommer in Irland gewählt hat. Eine verhältnismäßig junge Frau - sie ist immerhin Mutter eines zunächst ständig schlecht gelaunten weiblichen Teenagers - macht sich daran, ein altes Geheimnis aufzudecken und begegnet dabei auch gleich ihrer großen Liebe. Das alles findet in der Gegenwart statt, Schauplatz ist dabei ein altes Landhaus in Irland, um das sich offensichtlich düstere Geschichten ranken. Caroline, ganz New Yorkerin, kann sich dem Zauber Irlands nicht entziehen. Als sie just bei diesem Landhaus auch noch auf ein Wappen stößt, das der Gravur eines Erbstückes aus ihrer Familie verblüffend ähnlich sieht, ist ihr Interesse definitiv geweckt. Dazu kommt, dass sie hier in Irland ihrer Tochter Kim wieder näher kommt, die in den letzten Jahren zunehmend verschlossen wurde und auch ihrer Mutter kurz vor der Reise erläutert hatte, dass sie zum Vater und dessen neuen Partnerin ziehen will. Es ist dann aber Kim, die in einem alten Roman die Geschichte von Amy und ihrer Freundin Linh entdeckt. Die beiden Mädchen wachsen um 1900 in China auf. Als Amys Familie in den Wirren des Boxeraufstands ermordet wird, muss das Mädchen zu seiner irischen Verwandtschaft fliehen. Begleitet wird sie dabei von ihrer langjährigen Freundin Linh. Während Amy von ihrer Verwandtschaft zähneknirschend als neues Familienmitglied akzeptiert wird, bekommt die Chinesin Linh die ganze Verachtung zu spüren. Amy muss erkennen, dass die Gesellschaftsstrukturen in Irland sehr verhärtet sind und die Rolle der Frau sich mit ihrem wachen Geist nicht so recht vereinen lassen will.

Gut aufgezeigt

Der historische Teil des Romans offenbart die Stärken der Autorin Ricarda Martin. Man wünschte sich auf jeden Fall mehr von der Geschichte Amys und Linhs. Denn mit diesem Erzählstrang beweist die Autorin nicht nur wunderbares Erzähltalent, sie präsentiert auch eine umfangreiche Recherche über die gesellschaftlichen Zusammenhänge Anfang des 20. Jahrhunderts in Irland. Die Protagonisten des historischen Teils sind sehr liebevoll gezeichnet und haben interessante Charakterzüge, ob es sich nun um Amy und Linh handelt, die gutherzige Köchin oder um Amys gehässige Tante. Obwohl es jederzeit klar ist, wo die Sympathien der Autorin liegen, so schildert sie das Verhalten der irischen Gesellschaft, ohne zu stark den Mahnfinger zu heben. Sie macht deutlich, dass auch diejenigen, deren Verhalten aus heutiger Sicht indiskutabel ist, Gefangene ihrer Zeit waren und das umsetzten, was sie als ihre gesellschaftliche Pflicht sahen. Mit viel Liebe - aber ohne unnötige Detailverliebtheit - geht Ricarda Martin auf die irischen Eigenheiten ein.

Zuwenig Tiefgang

Während also der historische Teil in nahezu jeder Art zu überzeugen vermag, hinkt der Erzählstrang der Gegenwart qualitativ stark nach. Es werden unzählige Klischees aneinander gereiht und die Geschichte hält so gut wie keine Überraschungen bereit. Schon nach ganz kurzer Zeit wird dem aufmerksamen Leser offenbart, wie sich die unglaublich uninteressante und in gewissen Bereichen selbstverliebte Caroline entscheiden wird.  Dieser Bereich der Geschichte hat eindeutig zu wenig Tiefgang und auch zu wenig Tempo, um neben dem starken historischen Teil bestehen zu können. Es stellt sich grundsätzlich die Frage, weshalb Caroline so viel Gewicht bekommt, und ob man diesen Teil der Geschichte nicht zugunsten des anderen Erzählstrangs massiv hätte kürzen können. Denn hier taucht auf, was beim historischen Teil glücklicherweise nicht vorhanden ist: eine etwas zu detailverliebte Schilderung, einige Stereotypen und eine in manchen Bereichen nicht ganz nachvollziehbare, also stark zurecht gebogene Geschichte.

Gute Unterhaltung

Alles in allem bietet Ricarda Martin mit diesem Roman gute Unterhaltung. Mit ihrem angenehmen Schreibstil macht sie die Schwächen des einen Erzählstrangs fast wieder wett. Die Fans von Familiengeheimnissen kommen hier natürlich auf ihre Kosten, aber auch die Leserinnen und Leser, die sich gerne mit historischen Details auseinander setzen, die nicht schon üppig in anderen Romanen erläutert worden sind, werden ihre Freude an diesem Roman haben.

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