Das Haus der verlorenen Kinder

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Aufbau, 2016, Titel: 'Das Haus der verlorenen Kinder', Originalausgabe

Couch-Wertung:

85
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Annette Gloser
Die Kinder der Feinde

Buch-Rezension von Annette Gloser Apr 2016

Norwegen, 1941. Das Land ist von den Deutschen besetzt. Aber das kleine Fischerdorf Loshavn spürt davon nichts. Für die Freundinnen Lisbet und Oda ist das Leben friedlich und ruhig. Aber dann bauen die Deutschen eine Festung in der Nähe des Dorfes und bei den Familien der beiden Mädchen werden deutsche Soldaten einquartiert. Lisbet verliebt sich in Erich und auch Oda glaubt, die große Liebe gefunden zu haben. Weder die Eltern der Mädchen noch die anderen Dorfbewohner haben Verständnis für eine Liebesbeziehung mit den Besatzern. Aber die beiden Freundinnen verlassen das Dorf, suchen sich Arbeit in der nächstgelegenen Kleinstadt und tun alles, um mit den geliebten Männern zusammenbleiben zu können. Sie hoffen auf ein gemeinsames Leben, auf Familienglück, ganz egal ob in Norwegen oder in Deutschland. Oda wird als erste schwanger. Zur gleichen Zeit wird ihr Freund an die Ostfront versetzt. Die junge Frau sieht keine andere Möglichkeit, als in ein Heim zu gehen, das die Deutschen extra für jene Frauen gebaut haben, die mit den Besatzungssoldaten Kinder zeugten. Auch Lisbets Freund Erich wird an die Front versetzt und die junge Frau kann nicht zu ihrer Familie nach Loshavn zurück. Auch ihr bleibt nur der Weg in das Heim. Noch ahnt sie nicht, dass sie hier an einem Ort gelandet ist, welcher der Zucht arischer Menschen dienen soll. Dies ist das Ziel des Lebensborn, der das Heim betreibt. Aber schnell stellt sie fest, dass ihre Freundin Oda hier nur unwillig geduldet wird. Odas Mutter stammt von Samen aus dem Norden Norwegens ab, und so ist sie keine reinblütige "Arierin" wie Lisbet. Oda bekommt ein Kind zweiter Klasse. Lisbet jedoch hofft noch immer auf eine gemeinsame Zukunft mit Erich.

Jahrzehnte später, im Jahr 2005, erhält in Wiesbaden eine junge Frau einen unerwarteten Brief mit verstörendem Inhalt.

Ein unbequemes Sujet

Linda Winterberg wendet sich in ihrem Roman einem Thema zu, das bisher in historischen Romanen kaum Aufmerksamkeit gefunden hat und literarisch aufgearbeitet wurde: Der "Lebensborn", jene Nazi-Organisation, die nach Himmlers Willen der Zucht "reinrassiger Arier" dienen sollte. Dabei geht die Autorin nicht nur der Frage nach, wie Frauen in die Fänge des "Lebensborn" geraten konnten. Sie hinterfragt auch die Schicksale jener Kinder, die in den Heimen geboren wurden, häufig von ihren Müttern getrennt und in Deutschland von wohlhabenden Nazifamilien adoptiert. Dass dabei zwei norwegische Mädchen zu Hauptprotagonistinnen des historischen Teils wurden ist naheliegend, denn Norwegen war eines jener Länder, in denen der "Lebensborn" am aktivsten war. So sind die Schicksale von Lisbet und Oda keine Einzelschicksale sondern betreffen tausende Frauen und mit ihnen auch tausende Kinder. Umso erstaunlicher, dass dieses Thema bisher so wenig Aufmerksamkeit fand. Und umso erfreulicher, dass Linda Winterberg sich damit auseinander gesetzt hat. Sie erzählt ihren Roman auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen. Eine Ebene sind die Jahre 1941 bis 1942 in Norwegen. Die zweite Ebene spielt 2005, überwiegend in Deutschland. Allerdings ist die historische Erzählung sehr viel intensiver und sensibler geraten als die moderne. Der historische Teil ist homogen, in sich schlüssig und gibt dem Leser die Möglichkeit, sich in die Welt von Oda und Lisbet zu versetzen. Man versteht die Gefühle der Mädchen, man spürt auch die Atmosphäre in dem kleinen Piratennest Loshavn. Der moderne Erzählstrang ist leider nicht so stimmig. Viele Dinge passieren, ohne dass man sie als Leser wirklich nachvollziehen kann. Manches scheint so auffällig konstruiert, dass es einfach nur unglaubwürdig wirkt. Dennoch beleuchtet dieser Teil des Romans deutlich, mit welchen Schwierigkeiten möglicherweise Kinder zu kämpfen hatten, die in den Heimen zur Welt kamen und von ihren Müttern getrennt wurden. Und der Roman verschweigt auch nicht, wie grausam die Norweger mit den jungen Frauen nach dem Krieg umgingen.

Zwei liebenswerte Heldinnen

Entsprechend sind auch die einzelnen Romanfiguren sehr unterschiedlich in ihrer Charakterzeichnung und ihrem Tiefgang. Im historischen Erzählstrang haben die einzelnen Protagonisten deutlich mehr Schattierungen, wecken Interesse. Die Romangestalten aus dem Jahr 2005 fallen dagegen deutlich ab, bleiben bis auf Betty und Marie recht eindimensional und eher blass. Auch die Handlung zeigt hier gelegentlich Längen und die Spannung lässt nach. Die Freundinnen Lisbet und Oda sind allerdings zwei so sympathische und liebenswerte Heldinnen, dass ihre Geschichte den Leser schnell in den Bann zieht, dass man mit ihnen bangt und mit ihnen trauert. Linda Winterbergs Geschichte ist im historischen Teil zwar bis zu einem gewissen Punkt vorhersehbar, aber sie ist interessant und mit vielen Details erzählt, die auf eine intensive Recherche der Autorin schließen lassen. So entsteht das Gefühl, eine authentische Geschichte zu lesen und man mag das Buch gar nicht mehr zur Seite legen.

Ein Roman, der viele Gefühle weckt

Es wurde Zeit für einen Roman zu diesem Thema und es ist zu hoffen, dass es nicht der letzte bleibt. Das Haus der verlorenen Kinder ist ein Roman voller Tragik. Hier wird von Enttäuschung, betrogener Liebe und zerstörtem Glück erzählt, von Gewissenlosigkeit und Schuld. Und vom Leben jener Menschen, die das Opfer eines irrsinnigen "Zuchtprogramms" wurden, nicht nur in der ersten sondern auch in der nachfolgenden Generation. An dieser Stelle sei auch das Nachwort der Autorin empfohlen, welches noch einmal auf die Fakten zum Lebensborn eingeht. Und ein Dank geht an den Aufbau Taschenbuch Verlag, der diesen wichtigen und lesenswerten Roman in sein Programm aufgenommen hat.

Das Haus der verlorenen Kinder

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