Die Witwe der Brüder van Gogh

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Unionsverlag, 2012, Titel: 'La viuda de los Van Gogh', Originalausgabe

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Carsten Jaehner
Hervorragender Künstlerroman

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Apr 2016

Auvers-sur-Oise, Frankreich, 27. Juli 1890. Der niederländische Maler Vincent van Gogh, der seit zwei Monaten in dem Ort lebt und arbeitet, schiesst sich in die Brust und stirbt an den Verletzungen zwei Tage später in den Armen seines vier Jahre jüngeren Bruders Theo. Theo wird sich von dem Schmerz nicht mehr erholen und stirbt selbst ein halbes Jahr später. Ein Schock für Theos Frau Johanna van Gogh, die zudem Mutter des kleinen Sohnes Vincent ist. In ihren Tagebüchern bezeichnet sie ihren Sohn als Vincent und ihren Schwager als van Gogh, damit sie nicht verwechselt werden können.

In der Folgezeit nach dem Verlust ihres Mannes und ihres Schwagers nimmt sie sich deren Hinterlassenschaften an, vor allem der Bilder van Gogh. Zu Lebzeiten hatte er nur ein Bild verkauft, doch sie sorgt dafür, dass dieses Oeuvre bekannt wird und versucht, zunächst einige wenige Bilder, später mehr, in Ausstellungen und Vernissagen unterzubringen. Mit der Zeit wird der Name van Gogh bekannter, und sie erweist sich als kluge Nachlassverwalterin der Bilder.

Um selber am Leben bleiben zu können, eröffnet sie eine Pension, in der sie die Bilder ihres Schwagers aufhängt. Durch ihren Mann, der Kunsthändler war, wenn auch wenig erfolgreich, hat sie dennoch einen Blick bekommen. Durch die Ausstellungen und die Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen ihrem Mann und ihrem Schwager machte sie Vincent van Goghs Werk bekannt. Da van Gogh über weite Strecken seines Lebens bei seinem Bruder Theo gewohnt hat und auch von ihm finanziell getragen wurde, nannte man Johanna später auch die "Witwe der Brüder van Gogh".

Zwei Brüder im Tod vereint

Es ist ein eindrucksvolles Büchlein von nur knapp 180 Seiten, das der argentinische (!) Autor Camilo Sánchez mit Die Witwe der Brüder van Gogh vorgelegt hat. Beginnend mit dem Tod des Malers und ein halbes Jahr später ihres Mannes Theo verfolgt der Leser das weitere Leben der Johanna van Gogh-Bonger, ihren Weg aus der Trauer, der Erleichterung, des Weiterlebens, des Feststellens, dass die Werke ihres Schwagers doch gerade in dieser in Frankreich in der Kunst revolutionären Zeit einen gewissen Stellenwert haben.

Geschickt weiß sie das Interesse verschiedener Kunsthändler und auch Malerkollegen wie Renoir oder Toulouse-Lautrec für sich zu nutzen und beschliesst, die Werke einer Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Natürlich ist es nicht einfach, es gibt Rückschläge und geht nicht immer im gewünschten Tempo vorn. Aber sie bleibt hartnäckig und schafft es schließlich, den Maler Vincent van Gogh in der Kunstwelt bekannt zu machen.

Intensives Bild der Zeit

Der argentinische Autor beschreibt in seinem Roman den Werdegang Johannas eindrücklich, aber ohne übertriebenen Pathos. Dennoch fühlt man mit ihr mit und kann sich in manchen Situationen ein aufkommendes Tränchen nicht verleugnen. Johanna ist eine Frau, die einen charakterlich schwierigen Schwager hatte, mit dem man nicht immer gut klar kam, aber seine Bilder üben auch auf sie eine Faszination aus, die sie schließlich versteht und in bestimmten Kreisen unterbringen will. Dass sie es schafft, verdankt sie einer umsichtigen Planung, der Leser verfolgt mit ihr diesen Weg und wünscht ihr alles Gute dafür.

Eingesprengt sind immer wieder Anekdoten aus dem Leben der Brüder und auch Ausschnitte aus ihren Briefwechseln und Tagebüchern. Das macht den Roman authentisch und bringt diese Dreiecksbeziehung dem Leser so nahe, wie man es selten erlebt. Mit einer sprachlichen Intensität, wie man sie gerne des Öfteren erleben würde, bringt der Autor dem Leser die Menschen, die Zeit und die Gemälde so nahe, dass man unweigerlich versucht und gewillt ist, sich näher mit den Menschen, der Zeit und den Bildern zu beschäftigen. Es wird ein Interesse im Leser ausgelöst, die Lebensgeschichte anhand der beschriebenen Bilder nachzuvollziehen, was das Buch zu etwas ganz besonderen macht.

Lesenswert

Der Unionsverlag hat mit diesem Roman einen Glücksgriff gemacht, ihn leider aber nur mit ein paar Fotos von Johanna, zwei kurzen Quellenangaben und einem Hinweis auf das Umschlagbild als Zusatzinformationen ausgestattet. Hier wäre deutlich mehr wünschenswert gewesen, allerdings trübt das nicht den hervorragenden Gesamteindruck, den der Roman hinterlässt.

Ein Muss für Freunde der Malerei von Vincent van Gogh, ein idealer Einstieg für Neulinge und für alle anderen ein selten intensiver Künstlerroman, der mehr über Mensch und Zeit erzählt, als man es vermutet und an dem sich viele anderen ein Beispiel nehmen können. Absolut Lesenswert.

Die Witwe der Brüder van Gogh

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