Ausgeleuchtet

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Sutton, 2016, Titel: 'Ausgeleuchtet', Originalausgabe

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Jörg Kijanski
Fünfter Teil der lesenswerten Lilienthal-Reihe

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Mär 2016

Berlin. Mai, Juni 1926. Am Deutschen Theater laufen die letzten Proben für den Sommernachtstraum. Hektisch geht es zu, vor und hinter den Kulissen. Dann stürzen plötzlich zwei Scheinwerfer auf Emily Sydow als diese entgegen ihrem Part an einer Ranke zieht. Nachdem sich herausstellt, dass die Scheinwerfer nicht richtig befestigt waren, stellt sich für Kommissar Gregor Lilienthal die Frage, ob der Anschlag wirklich Emily oder ihrer Kollegin Nora Dernburg galt, die in ihrer Rolle an besagter Ranke hätte ziehen sollen. Da die Verwicklungen zwischen den Schauspielern ähnlich verwirrend sind wie in dem zu probenden Theaterstück, verliert Gregor schnell den Überblick.

 

"Es gab Leidenschaft und Hingabe, Neid und Verlogenheit. Viele Schauspieler spielten anscheinend auch im realen Leben eine Rolle, das war wohl eine Berufskrankheit. Nichts hier war echt, darüber musste er sich immer im Klaren sein. Jeder trug eine Maske und setzte sie auch zwischen den Proben nicht ab."

 

Seine Frau Diana und sein Bruder Hendrik, die Gregor schon öfter bei seinen polizeilichen Ermittlungen behilflich waren, versuchen ebenfalls das Geschehen zu begreifen. Nach Auftauchen eines Drohbriefes scheint klar, dass der Täter sein Ziel noch nicht erreicht hat ...

Ein verwirrendes Beziehungsknäuel

Ausgeblendet ist bereits der fünfte Teil der lesenswerten "Lilienthal-Reihe", in der Kommissar Gregor Lilienthal sich auf die Hilfe seiner Frau Diana und seines Bruders, von Beruf eigentlich Philosophieprofessor, verlassen kann. Doch private Probleme belasten die Beziehung zwischen Gregor und Diana, starb erst vor einigen Wochen die ungeborene Tochter. Auch Hendrik steckt in einer Sinnkrise, denn seine Studenten interessieren sich immer weniger für philosophische Diskurse. Stattdessen bestimmen nationale und völkische Töne die Lage. Bei der aufgeheizten Stimmung im Land kein Wunder. Zweieinhalb Millionen Arbeitslose, Unruhen und Putschversuche sind an der Tagesordnung und ausgerechnet Generalfeldmarschall Hindenburg, einer der Miturheber der Dolchstoßlegende, wird Reichspräsident.

 

"Würden kommende Generationen diese Zeit als die stabilen Jahre der Republik bezeichnen? Als Beginn einer Epoche des Friedens und relativen Wohlstands, weil die Hyperinflation gestoppt wurde und der durchschnittliche Verdienst eines Arbeiters wieder den Stand von vor dem Großen Krieg erreichte? Weil die französischen Besatzungstruppen mittlerweile auch die erste Rheinlandzone geräumt hatten, der Locarno-Pakt die Grundlage für eine Versöhnung mit den Westmächten schuf und die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund bevorstand? Ein interessanter Gedanke. Ein Thema für das Philosophieseminar, das Hendrik jeden Donnerstag an der Universität abhielt: Grundprobleme der Erkenntnistheorie."

 

Derweil zeigt sich am Deutschen Theater, dass es große Parallelen zwischen der Bühne und dem echten Leben gibt. Scheinbar rund um die Uhr tragen die Schauspieler ihre Masken und so bietet sich Gregor Lilienthal ein undurchsichtiges Beziehungsgeflecht. Nora Dernburg ist mit Peer Fischer verheiratet, der wiederum die ermordete Emily heiraten wollte. Davon wiederum will Emilys Verlobter Bernward Dahrendorf nichts wissen. Es ist ein großes Durcheinander.

 

"Die realen Liebeswirren waren jedenfalls schlimmer als die erdichteten, soviel stand fest. Frau Dernburg hätte einen Grund gehabt, ihre Nebenbuhlerin und ihren treulosen Mann zu hassen. Herr Dahrendorf hätte einen Grund gehabt, seinen Nebenbuhler und seine treulose Verlobte zu hassen. Herr Fischer hätte einen Grund gehabt, seine Noch-Ehefrau zu hassen, die bereits angekündigt hatte, ihm Schwierigkeiten bei der Scheidung zu machen. Oder waren noch andere Ursachen im Spiel, Ursachen, die vom Naheliegenden überdeckt wurden?"

 

Gunnar Kunz, der selber viele Jahre am Theater gearbeitet hat, verschafft tiefe Einblicke hinter die Kulissen. Dazu wird das Privatleben der drei Ermittler fortgeführt und die politisch-gesellschaftliche Lage der Weimarer Republik umfassend beleuchtet. Wer sich für die Zeit zwischen den Weltkriegen interessiert, findet hier kurzweiligen, spannenden und fundierten Lesestoff.

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