Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Braumüller, 2016, Titel: 'Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte', Originalausgabe

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84
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Carsten Jaehner
Über einen Großen der amerikanischen Literatur

Rezension von Carsten Jaehner Mär 2016

Im Frühjahr 1926 lebt der amerikanische Schriftsteller F. Scott Fitzgerald mit seiner Frau Zelda und der gemeinsamen Tochter Scottie an der Côte dAzur im kleinen Ort Juan-les-Pins. Sein Roman Der große Gatsby ist gerade im Vorjahr erschienen, aber derzeit kein großer Erfolg. Eine Bühnenadaption macht ihn bekannt, eine Verfilmung ist im Gespräch. Dennoch kann es sich Fitzgerald leisten, nicht in Amerika, sondern in Europa zu leben und steckt in der Arbeit an seinem neuen Roman.

Sein Roman und seine veröffentlichten Kurzgeschichten lassen erahnen, dass er ein großer amerikanischer Schriftsteller werden kann. Doch leider bietet gerade dieser Sommer sehr viel Ablenkung für die Fitzgeralds. Sie finden Freunde und feiern ausgelassen ihr Dasein und das Leben an sich, dabei gerät gerade Scott einen Strudel, der sich nicht aufhalten lässt. Seinen Verlegern berichtet er von seinen Fortschritten, hat aber in Wahrheit noch nicht ein einziges Wort niedergeschrieben.

Trotz seiner Bekanntschaften mit Persönlichkeiten wie Pablo Picasso und vor allem Ernest Hemingway, mit denen er ebenfalls zahlreiche Partys feiert, bleibt Fitzgerald hinter seinen Möglichkeiten zurück und entfaltet ein ungeahntes Potenzial an unangenehmen Charakterzügen. Selbst mit den engsten Freunden beginnt er, es sich zu verscherzen. Ist der Sommer 1926 ein verlorener Sommer?

Psychogramm eines Autors

Fast 6500 Kilometer sind es, die F. Scott Fitzgerald in seinem selbstgewählten literarischen Exil von seiner Heimat New York trennen. Doch im Jahr 1926 sitzt er in seinem Haus an der Côte dAzur in Frankreich und will nach seinem damals noch mäßigen Erfolg von Der große Gatsby mit seinem neuen Roman einen Schritt voran machen. Immer wieder schreibt er seinem Verlag und seinem Agenten, dass der Roman Fortschritte macht. In Wahrheit lässt er sich von der Stimmung vor Ort treiben und hat nicht einen Buchstaben niedergeschrieben.

Emily Walton gelingt es mühelos, den Leser an die Côte dAzur zu versetzen. Man fühlt ebenso wie Fitzgerald den Wind durch die Bäume streifen, ein paar Autos die noch unbefestigten Küstenstrassen entlangfahren und nur gelegentlich ein paar touristenähnliche Menschen den Strand oder die Wege entlang flanieren.

Freunde und Feinde

Immer wieder fühlt sich Fitzgerald zu seinen Freunden, Sara und Gerald Murphy, hingezogen, die genauso ihre Zeit in Frankreich verplempern, die dies aber irgendwie mit mehr Stil und viel würdevoller tun als die Fitzgeralds. Man ist schon seit geraumer Zeit nahezu unzertrennlich und weiss auch alles über einander, und so kann man dies fast eine grosse Familie nennen. Fitzgeralds Frau Zelda leidet gesundheitlich schwer, was Scotts Stimmung auch nicht heben kann, und derer beiden Tochter Scottie findet an sich nur wenig Erwähnung.

Scotts Benehmen, dass sich mit der Menge des Alkoholkonsums immer schwieriger und unausstehlicher gestaltet, wird immer ausgelassener. Steht er einmal nicht im Mittelpunkt einer Party, vor allem einer Party bei den Murphys, tut er irgendetwas verrücktes, damit er sich wieder dort befindet, wo er seiner Meinung nach hingehört. Auch deutliche Worte der Murphys können ihn nur kurz ausbremsen, nach einigen Tagen oder Wochen geht es wieder von vorne los.

All dies wird von der Autorin intensiv und teilweise beklemmend geschildert. Auf nur 160 Seiten entspinnt sie ein Gemälde der Zeit und der Menschen, die in diesem kleinen Mikrokosmos leben, mal mehr, mal weniger glücklich. Zu den rauschenden Partys, auf denen auch Größen der Zeit wie Pablo Picasso und natürlich Ernest Hemingway zugegen sind, sind bekannte und unbekannte Menschen eingeladen, von der Autorin treffend eingefangen und mit wenigen Worten passend skizziert.

Hemingway

Gerade die Verbindung mit Hemingway gibt Scott Auftrieb. Noch ist er bekannter als Hemingway, erkennt aber dessen Talent, will ihm helfen, Gönner und Mentor sein und damit Teil seiner Biographie werden. Sein Förderer, er hat ja immer gewusst, welches Talent in ihm schlummert. Tatsächlich wird Hemingway Fitzgerald schon mit seinem nächsten Roman weit hinter sich lassen, doch er wird auch nicht zurückschauen.

Emily Walton beschreibt im Grunde intensiv, wie einen Sommer lang nichts wirklich Wichtiges passiert, das aber prägt Fitzgerald als Person und seinen weiteren (nicht mehr sehr langen) Weg. Die Autorin hat einen intensiven Roman geschaffen, der lesenswert ist und ein interessantes Psychogramm eines Mannes zeigt, über den man hierzulande nicht viel weiss und außer dem Großen Gatsby auch nicht viel kennt.

Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte kommt nicht nur auf die Liste der ungewöhnlichsten Titel des Jahres, sondern sollte auch in das Bücherregal jedes an amerikanischer Literatur interessierten Lesers gehören. Für ein kleines Buch ein großer Wurf. Man sollte die Autorin im Blick behalten.

Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte

Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte

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