Die Feinde der Hansetochter

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Lübbe, 2016, Titel: 'Die Feinde der Hansetochter', Originalausgabe

Couch-Wertung:

83
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Eva Schuster
Erneut schwierige Zeiten für die Hansetochter

Buch-Rezension von Eva Schuster Mär 2016

 Lübeck 1379: Nach den turbulenten Ereignissen der vergangenen Jahre ist die junge Henrike Vanderen glücklich in ihrer Ehe mit dem Kaufmann Adrian. Obgleich sie eine Frau ist, hilft sie bei den Geschäften tüchtig mit. Ihr Glück wird nur durch die bisher ausgebliebene Schwangerschaft leicht getrübt.

Doch dann überstürzen sich die Geschehnisse: Henrikes Cousine Katrine schreibt einen verzweifelten Brief von Gotland aus, dass ihre Mutter Asta und deren Knecht Sasse verschwunden sind. Henrike sorgt sich um ihre Tante und sucht mit Adrian nach den beiden, doch ihre Mühe ist vergebens.

Aber auch Adrians Familie in Brügge steckt in großen Schwierigkeiten. Die Stoffwaren seines Bruders Lambert werden immer wieder vom Zoll beschlagnahmt oder von Piraten geraubt, sodass Lambert seine Kosten nicht mehr bezahlen kann; aufgrund seiner Schulden kommt er ins Gefängnis. Ausgerechnet jetzt sind Adrian und Henrikes Bruder Simon auf Handelsreisen, sodass Henrike kurzerhand allein ins von Aufständen erschütterte Brügge reist, um ihrer Schwägerin zu helfen. Schließlich werden auch noch Anschläge auf Adrian und Simon verübt ...

Würdige Fortsetzung des großen Hanseporträts

Nach dem fulminanten ersten Teil um die Hansetochter Henrike überzeugt auch der zweite Teil, der den Leser erneut in die Kaufmannswelt des spätmittelalterlichen Lübeck entführt.

Zunächst hat es den Anschein, als sei bei Henrike und Adrian nach den Intrigen und Gefahren des ersten Teils Ruhe eingekehrt. Doch schon bald tauchen dunkle Wolken am Horizont auf, und wieder geht es darum, dass sich Henrike als starke Frau in einer von Männern dominierten Domäne beweisen und um ihr Glück kämpfen muss. Ihr bösartiger Vetter Nikolas, der im Vorgängerband eine wichtige Rolle spielte, ist auch, wie zu erwarten, hier wieder mit von der Partie. Ganz langsam kommt er Henrike näher, um Rache zu nehmen, was der Leser mit Spannung verfolgt. Zugleich bangt man um Asta und Sasse und verfolgt die Schwierigkeiten, mit denen Henrike in Flandern konfrontiert wird. Interessante neue Nebenfiguren sind Ricardo und seine Frau Cecilia in Brügge, gute Freunde von Adrian, die Henrike kennenlernt. Da sie weiß, wie nah Adrian den beiden steht, will sie schnell mit ihnen vertraut werden, kann sich aber nicht gewisser Eifersuchtsgefühle bezüglich Cecilia erwehren; zudem fühlt sie sich etwas überrumpelt, als Ricardo sie kurzerhand beide als Paten bestimmt. Henrikes innere Distanz ist lange Zeit vage, doch es deutet sich früh an, dass das Verhältnis zu Ricardo und Cecilia später noch eine wichtige Rolle spielen wird.

Viele historische Details

Die Handlung ist folglich gespickt mit dramatischen Verwicklungen, aber auch den historischen Hintergründen wird, wie man es vom ersten Teil her gewohnt ist, viel Raum gegeben. Wieder gibt es detaillierte Einblicke in das Handelswesen inklusive aller Schwierigkeiten, die diese Zunft mit sich brachte. Regionale Feierlichkeiten werden beschrieben, ebenso wie die aktuelle Mode, gesellschaftliche Gepflogenheiten und juristische Belange. Bedeutsam für die Geschehnisse sind die Handwerkerunruhen, die 1374 in Braunschweig begannen und die vor allem sozialen Ungerechtigkeiten geschuldet waren. Und auch wenn Adrian und Henrike fiktive Figuren sind, erscheinen doch auch einige historische Personen, insbesondere Königin Margarethe I., über deren Leben nicht viel bekannt ist und deren Wirken geschickt in Adrians und Henrikes Schicksal eingewoben wird. Im Klappeninnenteil veranschaulicht eine Karte all die Handlungsorte, ein Personenverzeichnis hilft dabei, den Überblick zu behalten, ein Glossar im Anhang erklärt zentrale Begrifflichkeiten und ein kurzes Nachwort erläutert die geschichtlichen Hintergründe und gibt Literatur zu weiteren Informationen an.

Die Handlung konzentriert sich zwar überwiegend auf die Protagonistin Henrike, doch weite Teile konzentrieren sich auf ihrem jüngeren Halbbruder Simon und dessen Abenteuer in Island. Simon wird zwar in das Kaufmannsgeschäft eingearbeitet, doch sein eigentlicher Wunsch ist es, Ordensritter zu werden. Er begleitet Adrian auf eine Handelsreise nach Schweden, reist dann jedoch unerlaubt weiter nach Island, wo er Runa, die Tochter eines Falkners, kennenlernt. Nach anfänglichem Misstrauen seitens Runa kommen sich die beiden näher, und Simon wird in die Falkenaufzucht eingeführt. Er wird jedoch auch in eine Intrige verwickelt und muss um sein Leben fürchten und nicht zuletzt verwirren ihn seine Gefühle für Runa, ist er doch eigentlich bereits Katrine schon so gut wie versprochen.

Nur geringe Schwächen

Aufgrund des sehr positiven Gesamteindrucks bleiben an dem Roman nur wenige Kritikpunkte. Bemängeln kann man, dass der Einstieg ein bisschen mühsam, weil zu ausführlich geraten ist. Von Beginn an wird der Leser förmlich überschüttet mit einer Fülle an Details, was die historische Lage, das Alltagsleben, die Stoffe und das Handelsleben betrifft, während die Spannung nur langsam an Fahrt gewinnt. Zudem sind Simons Reiseerlebnisse für sich genommen sehr reizvoll, doch führen sie weit weg von Henrikes Problemen, sodass man zuweilen meinen könnte, in einem anderen Roman gelandet zu sein. Des Weiteren wird Asta und Sasse deutlich weniger Raum als im ersten Teil geschenkt, und gerade Asta vermisst man doch sehr. Das Ende ist schließlich ein wenig unspektakulärer als gedacht, bedenkt man, wie dramatisch die Handlung zwischenzeitlich verläuft.

Davon abgesehen erwartet den Leser eine empfehlenswerte Fortsetzung mit überbordendem Detailreichtum zum Handels- und Kaufmannswesen des 14. Jahrhunderts. Wer den ersten Teil mochte, kommt um den zweiten Teil kaum herum und wird erneut gut unterhalten und mit vielen wissenswerten Informationen versorgt. 

Die Feinde der Hansetochter

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