Der letzte Pfeil

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Emons, 2016, Titel: 'Der letzte Pfeil', Originalausgabe

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Birgit Borloni
Ich habe Ötzi getötet

Buch-Rezension von Birgit Borloni Feb 2016

Als 1991 der "Mann vom Tisenjoch" oder der "Mann vom Hauslabjoch" gefunden wurde, war das eine weltweite Sensation. Besser bekannt ist der gefundene Körper als "Mann aus dem Eis" oder einfach "Ötzi", eine Mumie aus der Steinzeit.

Um seinen Tod, die dazugehörigen Umstände sowie um sein Leben ranken sich zum einen viele Mythen, zum anderen gibt es eine Reihe von wissenschaftlichen Theorien dazu. Letztere hat Frank Schlösser geschickt zusammen gewoben und daraus seinen Debütroman Der letzte Pfeil geschaffen, der den Glauserpreis in der entsprechenden Kategorie gewonnen hat.

Einblicke in das Leben eines Mörders

Als Erzählperspektive wählt Schlösser eine ungewöhnliche Sichtweise, nämlich die des Mörders. Der Leser weiß von Anfang nicht nur, dass der namenlose Protagonist "Ötzi" töten wird, sondern auch, welche der Figuren "Ötzi" repräsentiert, doch das tut der Spannung keinen Abbruch. Geschickt eingestreute Hinweise auf das weitere Geschehen, den Mord und seine Gründe halten einen bei der Stange. Zudem wendet sich der erzählende Protagonist immer wieder direkt an den Leser, so als ob dieser mit ihm am Feuer säße und zieht ihn damit immer tiefer in die Geschichte hinein.

Es zeigt sich aber auch der Nachteil der Ich-Perspektive, denn die meisten Figuren bleiben blass, da ihre Gedanken, Gefühle und Beweggründe definitiv zu kurz kommen. Die einzige Ausnahme bildet der Schmied, der vom Protagonisten genau beobachtet und analysiert wird und der neben seinen Taten auch einige seiner Gedanken und Absichten preisgibt.

Steinzeitliche Gesellschaft

Schlösser entwickelt seine Geschichte, die Hintergründe und Motive, die zur Tat führen, langsam. Das gibt ihm genug Zeit, ein Panorama des steinzeitlichen Lebens in einem Alpental zu entwickeln. Er beschreibt das Leben in Abhängigkeit der Jahreszeiten, die Arbeitsteilung innerhalb der Sippe, die Sitten und Gebräuche. Es ist interessant zu lesen, welche Umgangsformen damals herrschten, wie weit entwickelt die Gesellschaft damals vermutlich schon war. Allerdings treten auch hier und da Längen auf, der Spannungsbogen flacht doch mehrmals deutlich ab.

Mit der Ankunft eines Fremden, des "Schmieds", ändert sich jedoch viel, denn er bringt das Geheimnis des "Sonnensteins", der Kupfergewinnung, mit sich. Das revolutioniert das Zusammenleben, und die damit einhergehenden Veränderungen in den Abläufen der täglichen Arbeit stellt der Autor ebenfalls kurzweilig und informativ dar. Besonders faszinierend sind die beschriebenen Prozesse zur Kupfergewinnung. Mit welch einfachen Mitteln sie damals gelang, ist schon erstaunlich.

Die populäre Theorie, dass "Ötzi" damals mit Kupfergewinnung zu tun haben musste, da in seinen Haaren erhöhte Metallkonzentrationen festgestellt werden konnte, wurde mittlerweile von einigen Wissenschaftlern infrage gestellt. Allerdings erst nach der Veröffentlichung des Buchs, so dass man dem Autor keinen Vorwurf machen kann, diese Theorie in seiner Geschichte aufgegriffen zu haben.

Sprachlich nicht durchgehend überzeugend

Sprachlich ist es anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, sich einzulesen, da der Protagonist in seiner eigenen, einfachen Sprache erzählt. Doch im Laufe der Geschichte wird diese Sprache immer passender, da sie dem namenlosen Erzähler seine eigene Stimme gibt. Leider gelingt es Schlösser nicht, diese Sprache wirklich konsequent durchzuhalten. Während es einige Ausdrücke wie "klatschen" für Sex oder "Sonnenstein" für Kupfer gibt, die die Steinzeit näher rücken lassen, gibt es wieder Stellen, in denen moderne Ausdrücke und Worte verwendet werden, so dass der vorherige Eindruck wieder zerstört wird. Auch sind die Gedanken des Protagonisten teilweise in einer sehr komplexen Sprache dargestellt, was in deutlichem Gegensatz zur seiner gesprochenen Sprache steht 

In der Skizzierung der steinzeitlichen Gesellschaft zeigt Schlösser auf, wie leicht Täuschung und Manipulation zum gewünschten Erfolg führen, wenn sie überzeugend genug vorgetragen werden und wie leicht Menschen gegeneinander aufgebracht werden können. Genau darin liegt auch ein Spiegel unserer heutigen Gesellschaft, denn bei einem Blick in die Onlinewelt und vor allem der sozialen Medien stellt man fest, dass wir uns in dieser Hinsicht seit der Steinzeit offenbar nicht viel weiterentwickelt haben.

Der letzte Pfeil

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Letzte Kommentare:
05.10.2018 20:31:57
Rainer

Eine ungewöhnliche Geschichte aus einer eher literarisch vernachlässigten Epoche , bei der der Autor versucht in die damalige Sicht-und Denkweise der Menschen dieser Zeit einzutauchen . Gezwungener massen viel Spekulatives , aber irgendwie ist ihm doch eine nette Abenteurgeschichte gelungen , deren Szenario uns aus Sicht unser heutigen Gesellschaft , nicht ganz unbekannt vorkommen sollte . Durchaus lesenswert .