Friesische Macht

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Leda, 2015, Titel: 'Friesische Macht', Originalausgabe

Couch-Wertung:

89
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Carsten Jaehner
Der Kampf der Häuptlinge

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Nov 2015

Ostfriesland im frühen 15. Jahrhundert. Was eigentlich hätte verhindert werden sollen, passiert nun doch. Das politische System der frei gewählten Richter ist vorbei, und nun treten die Häuptlinge der Stämme auf den Plan und kämpfen in verschiedenen Allianzen mit- und gegeneinander. Doch sie bleiben nicht unter sich, sondern holen sich verbrecherische Helfer ins Land, und die oberen Bischöfe und Adeligen sehen, dass Ostfriesland instabil ist und wittern ihre Chance, ihren Teil vom Kuchen bekommen zu können.

Zwei der Hauptfamilien, die sich bis aufs Messer bekämpfen, sind die tom Brok und die tom Diek. Während die tom Brok mit ihren Heeren alles daran setzen, sich zu vergrößern und sich Ostfriesland einzuverleiben, mit Hilfe aus allen Ecken des Landes und des friesischen Auslandes, sind die Harlinger tom Diek unter Magnus eher Kaufleute, die sich gegen ihre Feinde zur Wehr setzen. Magnus tom Diek widersteht zahlreichen Werbe- und Pressversuchen der tom Brok, und alles könnte seinen normalen Weg gehen, wenn es da nicht ein paar persönliche Gründe für die Feldzüge gäbe.

Noch immer sitzt der Stachel bei den tom Diek tief, denn Magnus Vater Enno ist einst in der Auricher Burg der tom Brok auf immer noch ungeklärte Weise ums Leben gekommen. Und so kommt es am Ende zur entscheidenden Schlacht auf den wilden Äckern, bei denen sich eine neue aufstrebende Sippe nach vorne arbeitet: Die Cirksena. Welcher Häuptling wird am Ende als größter Gewinner aus der Schlacht hervorgehen?

Die tom Brok gegen die tom Diek

Dass die Geschichte Ostfrieslands mehr zu bieten hat als Aurich, die Inseln und das Wattenmeer, dürften Freunde historischer Romane schon länger wissen, denn Lothar Englert hat mit Friesische Freiheit eine eindrucksvolle Chronik vorgelegt, die nun mit Friesische Macht fortgesetzt wird. Es ist doch nicht alles eitel Sonnenschein in Ostfriesland. Man denkt, alle Länderstreitereien seien geregelt, doch da gibt es immer einen, der beim Schwur die Finger hinter dem Rücken kreuzt und doch mehr will, als ihm zusteht. Dieser jene ist in diesem Ocko tom Brok, der immer wieder Nadelstiche ins Land setzt und sich dafür bisweilen unfeiner Methoden bedient wie das Anheuern von Banditen wie den Piraten Klaus Störtebeker.

Die Familie tom Diek lässt das alles so leicht wie möglich über sich ergehen und versucht im Hintergrund, sich gegen die tom Brok zu wehren und Allianzen zu schmieden. Doch wen die Gier einmal gepackt hat, der wird blind und macht Fehler, und so ist der Untergang der Brokmannen unausweichlich. Das Streben nach Freiheit bleibt für die Diekmannen das oberste Gut:

 

"Wir müssen den Gedanken an die Freiheit wachhalten, er ist wie die Hefe im Teig. Eines Tages geht sie auf und treibt die Frucht zur Reife, daran glaube ich. Kein Fürst kann ewig gegen sein Volk regieren, auch nicht durch Angst und Gewalt."

 

Lothar Englert schafft, den Leser durch seine bis zu einem gewissen Grad "alte" Sprache und seine alten Formulierungen in die Zeit des beginnenden 15. Jahrhunderts zu versetzen. Die Erzählsprache ist wohl formuliert, die Sprechsprache manchmal derb, friesisch kühl und nicht ohne einen gewissen trockenen Humor. Dabei verliert Englert nie den Faden und bleibt seiner Erzähllinie treu. Einzig dass zwischen manchen Kapiteln mehrere Jahre vergangen sind und dass die dazwischen geschehenen Ereignisse durch die Erzählung erklärt oder nachgeholt werden, ist anfänglich irriterend, es hemmt sogar ein wenig das Mitdenken mit der Handlung. Wenn man aber auf die Kapitelüberschriften achtet, in denen jeweils das Datum genannt wird, findet man sich besser zurecht. Hinweise wie "ein halbes Jahr später" oder ähnlich wären allerdings für den Leser hilfreich gewesen.

Akribische Recherche

Englerts Beschreibungen von Land, Geschichte und Traditionen lassen nichts zu wünschen übrig. Man merkt dem Roman an, dass der Autor gut recherchiert hat und all sein Wissen unterbringen möchte. Dadurch entsteht die Gefahr, dass der Roman zu lang werden könnte, aber man kann am Ende auch nicht sagen, was nun genau hätte weggelassen werden können. So entfaltet sich ein Ostfriesland, das den meisten Lesern unbekannt sein dürfte und das allein deswegen von jedem Leser konsumiert werden sollte. Wer abseits des Mainstreams hervorragende historische Literatur sucht, ist hier in jedem Fall richtig.

Englerts Figuren sind teils historisch verbürgt, teils fiktiv, aber man merkt seiner Erzählweise nicht an, wer nun real ist und wer nicht. Alle Charaktere haben ihre Ecken und Kanten, und so entsteht ein buntes Personal, das dem Leser aufzeigt, wie es denn war in diesen Zeiten in diesem Landstrich, und gar manche Tradition, die Englert ausgegraben hat, dürfte für den Leser neu und überraschend sein, hier kann jeder etwas lernen. Neben den Hauptfiguren Magnus ton Diek und Ocko tom Brock sind es vor allem die beiden Figuren des Holländers Adriaan und des Mönchs William, die zu tom Dieks Entourage gehören und ihm mit Rat und Tat zu Seite stehen. Anfänglich konnten sie sich nicht ausstehen, am Ende sind sie unzertrennlich hier spielt das karge, normale Leben eben seine eigene Rolle.

Zahlreiche Anhänge

Ein siebenseitiges Nachwort, eine Danksagung, ein Personenverzeichnis mit Kennung, oder die Figur real oder fiktiv ist, ein Glossar, eine Liste von Orten und Landschaften sowie zwei Karten ergänzen den Roman, wobei die Karten und das Personenverzeichnis gerne vorne im Roman hätten platziert werden können, dann hätte man sie eher entdeckt und genutzt. Im Übrigen hätte ein sorgfältigeres Lektorat bestimmt etliche der zahlreichen Tippfehler, die sich leider immer noch in der Lektüre befinden, herausgefiltert. Aber das soll den gelungen Gesamteindruck nicht schmälern.

Insgesamt ist Friesische Macht eine gelungene Fortsetzung, die auch Lust auf den bald erscheinenden dritten Teil Friesische Herrlichkeit macht. Wer ein gelungenes Produkt akribischer Recherche lesen möchte, dabei gut unterhalten werden will und nebenbei in die Geschichte Ostfrieslands eintauchen will, ist mit dieser Reihe und auch den anderen Büchern des Autors gut beraten. Man darf sich zurecht auf weitere Bücher aus der Feder des Autors freuen.

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