Die Landkarte des Himmels

  • Kindler
  • Erschienen: Januar 2012
  • 1
  • Kindler, 2012, Titel: 'El mapa del cielo', Originalausgabe
Die Landkarte des Himmels
Die Landkarte des Himmels
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Rita Dell'Agnese
801001

Histo-Couch Rezension vonSep 2015

Palma spinnt seine phantastische Geschichte weiter

Zugegeben, man muss Palmas überschäumende Phantasie mögen. Und viel, richtig viel Durchhaltewillen besitzen. Félix J. Palma webt in den zweiten Teil seiner Trilogie erneut viele bekannte Persönlichkeiten ein, bleibt sich treu und serviert dem Publikum ein solch verrücktes Konstrukt, dass es nicht immer ganz einfach ist, bei der Sache zu bleiben. Zunächst begleitet man H. G.  Wells, die bereits aus dem ersten Teil liebgewonnene Persönlichkeit, zu einem Treffen mit dem amerikanischen Autor Garrett P. Serviss, der sich tatsächlich anmasste, eine Fortsetzung zu Wells Roman zu schreiben - und sich schriftstellerisch auch gleich auf dieselbe Stufe stellte. Vom Gedanken beseelt, den Stümper zurecht zu weisen und ihm zu beweisen, dass zwischen Wells und Serviss ein himmelweiter Unterschied besteht, erscheint Wells am Treffpunkt. Doch er kommt nicht zu Wort: Serviss ist von begeisterter Lebendigkeit und vermag es, den grimmigen und entschlossenen Wells aufzutauen. Schon ist der Leser also mitten drin in der Geschichte, die vor lebendiger Üppigkeit nur so strotzt. Gerne folgt man also dem grossartigen Wells und seinem glühenden Bewunderer in jene Kammer, in der sich ein geheimnisvolles Flugobjekt befinden soll. Ein Zeuge aus einer anderen Welt, aus einer höher entwickelten als die der Menschen auf der Erde. Die Ereignisse überschlagen sich. Félix J. Palma hüpft von Szene zu Szene, von Geschichte zu Geschichte. Es treten viele der aus dem ersten Band bekannten Persönlichkeiten wieder auf, so etwa Hauptmann Shackleton, der bei der Zeitreise tapfer für die Menschheit kämpfte oder Mister Murray, der im schon im ersten Band eine wesentliche Rolle spielte. Die Leser werden durch Jahrzehnte hindurch geschleust und erleben haarsträubende Geschichten, stossen auf immer neue Protagonisten und müssen irgendwann feststellen, dass in all diesem Wirrwarr doch ein roter Faden besteht und man ihn unvermittelt und völlig unerwartet wieder in Händen hält.

Teils erschlagend

Diesen Roman in einem Rutsch durchlesen zu wollen, ist ein grosses Vorhaben. Die vielen Facetten, die hier ineinander geschoben sind, können erschlagend wirken. Immer wieder wird man einen Moment brauchen, um sich zu sammeln und im Kopf zurecht zu legen, wie denn die Geschichte gerade weiter gegangen ist, welchen Figuren man begegnete und wo man steht. Das war schon teilweise ein Markenzeichen des Vorgängerromans,  ist nun aber noch deutlich ausgebaut und verfeinert. Der Autor geht damit den schmalen Grat zwischen grandiosem Erzählstück und überladenem Albtraum. Denn wer den Anschluss verliert, wird sich nur schwer noch zurecht finden, selbst wenn er mehrere Passagen zurück geht um die Szenen noch einmal auf sich wirken zu lassen. So kann die Stärke des Romans, die Üppigkeit der Erzählung, gleichzeitig zu seiner Schwäche werden. Denn mancher wird von der Fülle erschlagen werden und genervt aufgeben.

Zu sehr detailverliebt

Es lässt sich kaum verleugnen, dass Palma mit diesem Roman an seinen Erfolg mit dem ersten Roman anknüpfen will und deshalb auch weitgehend denselben Stil pflegt. Was aber beim Erstling noch überraschend, frisch und oft verwegen wirkte, wirkt hier bereits sehr detailverliebt und immer mal wieder auch etwas stark in die Länge gezogen. Ja, es gibt gar Passagen, in denen man sich unvermittelt fragt, ob der Autor hier den Faden verloren hat und selber nicht mehr so richtig weiss, welche Geschichte er denn gerade erzählt. Erst wer tapfer durchhält, wird feststellen, dass Palma noch sehr genau wusste, wo er steckte und es ihm auch möglich ist, eine Brücke zu schlagen und zur ursprünglichen Ausgangslage zurückzukehren. Dass er ein grandioser Erzähler ist, wird hier unter anderem in aller Form deutlich.

Etwas krampfhaft

War es beim ersten Band noch schiere Erzählfreude, die durch die Zeilen schien, wirken die Geschichte wie auch die Charaktere hier etwas krampfhaft, etwas zu stark gewollt und zurecht geschnitten. Palma, der mit den Landkarten-Romanen eine Trilogie vorlegt, muss sich viel überlegen, um den dritten Teil nicht ganz abrutschen zu lassen. Zumal er bei den beiden ersten Bänden einige sprachliche Juwelen bereit hält - diese aber leider auch mehrfach zum Scheinen bringen will, was den Glanz letztlich denn doch etwas trübt. Der knapp 900 Seiten starke Roman ist eine erzählerische Offenbarung, es braucht allerdings eisernen Willen, um sich dieser auch tatsächlich bis zur letzten Seite auszusetzen.

Die Landkarte des Himmels

Félix J. Palma, Kindler

Die Landkarte des Himmels

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