Morgenland

  • Blessing
  • Erschienen: Januar 2015
  • Blessing, 2015, Titel: 'Morgenland', Originalausgabe
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Yvonne Schulze
72

Histo-Couch Rezension vonSep 2015

Unterwegs im Nachkriegs-Deutschland

Jerusalem 1946. Hier lebt die junge Jüdin Lilya Wasserfall. Sie ist Mitglied einer Widerstandsgruppe und kämpft im Untergrund gegen die britische Mandatsmacht, bis sie mit einem ungewöhnlichen Auftrag nach Deutschland geschickt wird. Sie soll den jüdischen Wissenschaftler Raphael Lind finden, von dem man bisher annahm, er wäre im Konzentrationslager ums Leben gekommen. Einzig sein Bruder glaubt nicht an dessen Tod und so begibt sich Lilya, die viel lieber daheim gegen die britischen Besatzer gekämpft hätte, widerwillig auf den Weg nach Deutschland. Ihre Suche nach Raphael Lind führt sie über London nach Südbayern ins Flüchtlingslager Föhrenwald, wo Hunderte von Juden sehnsüchtig auf eine Ausreise nach Palästina warten, weiter nach Offenbach, Berlin, auf den Pleikershof bei Nürnberg, der einst dem Herausgeber des Stürmer gehörte und von der US-Army in ein Kibbuz umgewandelt wurde, bis hin in das ehemalige KZ Bergen Belsen. Nach und nach enthüllt sie das Geheimnis um Raphael Lind, doch sie ruft mit ihren Nachforschungen auch mächtige Gegner auf den Plan, denn irgendjemand hat entschieden etwas gegen ihre Suche nach Raphael Lind.

Jenseits ausgetretener Plotpfade

Der Autor Stephan Abarbanell ist der derzeitige Kulturchef des rbb. Nun hat er sich als Romanautor auf unbekanntes Terrain gewagt und legt mit Morgenland seinen Debütroman vor. Romane über die Zeit des Zweiten Weltkrieges gibt es viele, doch die unmittelbare Nachkriegszeit ist thematisch in der Belletristik dagegen kaum vertreten. Das war auch einer der Gründe, warum der Autor die Handlung seines Romans in dieser Zeit ansiedelt. Das Herz von so manchem historisch interessierten Leser wird in Anbetracht des angekündigten Inhalts ein paar Takte schneller schlagen und er wird sich voller Erwartung in die Geschichte fallen lassen. So beginnt dieser Roman auch sehr vielversprechend und lange Zeit hat man das Gefühl, hier einen wirklich anspruchsvollen Roman in der Hand zu haben.

Zu viel gewollt

Je weiter die Geschichte dann allerdings fortschreitet, umso mehr flacht sie ab. Der Autor verzettelt sich, schreibt in die Breite, nicht in die Tiefe. Auf ca. 430 Seiten wird eine Fülle komplexer Themen aufgefahren, die dann aber nur stichpunktartig gestreift werden, ohne dass der Autor vertiefend auf sie eingeht. Lilyas Suche nach Raphael Lind fungiert letztendlich nur als roter Faden, der die vielen Themen zusammenhält. So liest sich Lilyas Reise über weite Strecken eher wie ein nüchterner Reisebericht und je weiter die Handlung fortschreitet, umso offensichtlicher wird es, dass es dem Roman an Esprit, Raffinesse und vor allem an Spannung fehlt. Das und die kaum vorhandene Charakterzeichnung sind die großen Defizite dieses Romans.    

Farblose Charaktere

Die Protagonistin Lilya ist zwar eine sympathische Hauptfigur, an deren Fersen man sich gerne heftet, um sie auf ihrer Reise zu begleiten. Sie bleibt aber weitestgehend farblos und es findet auch keine persönliche Entwicklung statt, was angesichts ihrer Erfahrungen und Erlebnisse während der Reise erstaunlich ist und im Widerspruch zu dem steht, was sie als Person offensichtlich darstellen soll: eine taffe Widerstandskämpferin in geheimer Mission.   

Lilyas Begegnungen mit den Menschen, die immer wieder ihren Weg kreuzen, sind zwangsläufig nur flüchtige Episoden. Sie bleiben Momentaufnahmen einer langen Reise und da diese Begegnungen zum Großteil auch nur von sehr kurzer Dauer sind, hat der Leser kaum die Möglichkeit, irgendeinen Bezug zu den vielen Charakteren aufzubauen, die in diesem Roman auftauchen. Kaum ist man mit einer Figur etwas vertraut geworden, muss man sie schon wieder verlassen und trifft die nächsten Personen, in deren Geschichten man geworfen wird, sodass es irgendwann nahezu unmöglich wird, die Übersicht zu behalten, geschweige denn Namen und Ereignisse richtig zuordnen zu können, wenn sie später in der Geschichte hier und da in Nebensätzen wieder auftauchen. Letztendlich sind es dann auch nur sehr wenige Figuren, die einen bleibenden Eindruck beim Leser hinterlassen. 

Sprachlich nutzt der Autor die gesamte Bandbreite an stilistischen Möglichkeiten, denn der Sprachstil seines Romans wechselt von anspruchsvoll über poetisch bis pilcheresk, gepaart mit einer großzügigen Verwendung von Akronymen, die den Lesefluss stören. 

Anreize für eigene Recherchen

"Einen epischen Roman über die Welt im Schatten einer Katastrophe" verspricht der Klappentext. Nun, hier war wohl eher der Wunsch der Vater des marketingtechnischen Gedankens.   

Schlussendlich kann man sagen, dass dieser Roman voller guter Ideen steckt, die aber leider an einer mangelhaften Umsetzung scheitern und so mancher Leser wird sich im Stillen fragen, ob sich der Autor mit seinem Debütroman nicht etwas übernommen hat. Für Geschichtsinteressierte ist er trotzdem eine wahre Fundgrube, denn auch wenn viele Ereignisse nur kurz angerissen werden, findet der Leser hier doch jede Menge Anregungen, um sich selbst auf Recherchereise zu begeben und sich mit dem einen oder anderen Thema vertiefter auseinanderzusetzen. Hilfreich dafür ist sicher auch das im Anhang beigefügte umfangreiche Verzeichnis weiterführender Literatur.

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