Italienische Nächte

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Diana, 2014, Titel: 'The Night Falling', Originalausgabe

Couch-Wertung:

89
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Rita Dell'Agnese
Intensiver Einblick in die Klassenunterschiede in Apulien

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Aug 2015

Clare sollte glücklich sein. Sie ist mit ihrem Stiefsohn Pip im Jahr 1921 nach Apulien gereist, wo ihr Mann Boyd Kingsley als Architekt für den wohlhabenden Leandro Cardetta tätig ist. Doch Clare kann sich nicht so recht mit der Situation anfreunden. Boyd scheint ihr oft auszuweichen und etwas vor ihr zu verbergen. Außerdem fühlt sie sich einsam, trotz der Aufmerksamkeit von Leandros amerikanischer Frau. Die verschlossenen Süditaliener sind der Engländerin Clare nicht ganz geheuer, Clare spürt eine intensive Abneigung. Die Situation ändert sich jedoch, als der schwer verletzte Ettore ins Haus seines Onkels gebracht wird, um ihn vor dem sicheren Tod zu bewahren. Ettore ist darüber nicht glücklich, er wollte von seinem Onkel nichts wissen, obwohl er zusammen mit seinem kranken Vater und der Schwester mit ihrem Baby in äußerst ärmlichen Verhältnissen lebt. Gegen ihre Gefühle ankämpfend, kommen sich Ettore und Clare näher. Sie entdecken im jeweils anderen einen Seelenverwandten. Doch ihnen ist ebenso bewusst, dass sie nicht nur aus völlig unterschiedlichen Welten stammen, Clare ist jung verheiratet, eine Verbindung mit Ettore ist vor diesem Hintergrund völlig ausgeschlossen.

Bedrückend und düster

Katherine Webb ist bekannt für Romane, die die Leser in die Vergangenheit führen, jedoch über den Umweg der Gegenwart. Diesen Teil hat sie bei Italienische Nächte weggelassen und beginnt gleich mit der Geschichte von Clare, die in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts spielt. Die etwas scheue Engländerin wird da mit einer Kultur konfrontiert, mit der sie nicht so recht umgehen kann: Die Menschen bringen ihr offen zur Schau gestellte Abneigung entgegen, wobei die Männer sich an ihrem blonden Haar kaum sattsehen können. Ein Klischee zwar, aber eines, das nicht aufgesetzt und überstrapaziert scheint. Clare fühlt sich unwohl in der Situation, in die sie ihr Ehemann Boyd gebracht hat und der Leser spürt dieses Unbehagen fast körperlich. Wie er auch mit der Atmosphäre des Buches ein sehr düsteres Umfeld aufnimmt. Auf eine höchst eindrückliche Weise schildert Katherine Webb, wie die arme Bevölkerung von den wenigen Wohlhabenden geknechtet und ausgenützt wird. Die Not der Bevölkerung ist greifbar und legt sich beim Lesen wie eine Würgeschlinge um den Hals. Kaum jemand dürfte sich hierzulande dessen bewusst sein, wie schlecht es den Menschen ging, die viel zu wenig hatten, um ein menschenwürdiges Leben zu haben.

Angepasste Charaktere

Die Figurenzeichnung gelingt Katherine Webb ausgezeichnet. Clare ist eine etwas eingeschüchterte junge Frau, die erst mit jemandem, der nichts außer sich selber vorzuweisen hat, aus sich heraus gehen kann. Ettore ist ein stolzer junger Mann, der in seinen edlen Gedanken verfangen ist und es kaum schafft, Hilfe von außen anzunehmen. Beide Protagonisten haben eine ganze Reihe von Ecken und Kanten und es wird kaum jemanden erstaunen, dass die beiden aufeinander zusteuern und voneinander angezogen sind. Die Liebesgeschichte ist intensiv und doch erstaunlich ruhig. Die Autorin hat hier ganze Arbeit geleistet und eine perfekte Bühne für die verschiedenen Gefühle aufgebaut.

Etwas viele Längen

Also müsste man davon ausgehen, dass dieser Webb-Roman ein breites Publikum restlos zufrieden stellt. Doch das wird nicht passieren. Denn dazu unterscheidet er sich einerseits zu klar von Mainstream-Romanen in diesem Genre und andererseits gibt es immer wieder Längen, die die Lektüre etwas erschweren. Es mag vor allem die Webb-Fans enttäuschen, dass nicht mit dem bisher fast üblichen Raster gearbeitet wurde, wonach eine zufällige Begebenheit jemanden aus der Gegenwart dazu bringt, ein Geheimnis der Vergangenheit aufzudecken. Was sich dafür zwischen den Zeilen findet, ist recht heftige Kost. Es ist jedoch das eigentlich faszinierende am Roman und die unterstreicht die Qualität der Autorin. Katherine Webb ist mit ihrem Roman Italienische Nächte reifer geworden, überzeugender, überlegter. Sie beweist damit, dass noch viel Potenzial in ihr steckt.

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