Runa

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Limes, 2015, Titel: 'Runa', Originalausgabe

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93

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Rita Dell'Agnese
Gruselige Details aus der Welt der Psychiatrie

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Aug 2015

Ein junger Arzt mit dem brennenden Verlangen, die von ihm angebetete Frau zu heilen; eine geheimnisvolle Kranke, die die Wissenschaft auf den Kopf stellt, ein begnadeter Ermittler, der die Physiognomie der Verbrecher zu kennen glaubt und eine verschwundene Frau: Die Geschehnisse im Paris des Jahres 1884 haben unglaublich viel Potenzial für einen spannenden Roman. Vera Buck, eine junge Autorin, die hier ihren Debüt-Roman vorlegt, nutzt dieses Potenzial. Sie stellt Jori in den Mittelpunkt des Geschehens. Der junge Mann stammt aus bescheidenen Verhältnissen, konnte aber dennoch Medizin studieren und sich der Psychologie zuwenden. Seit Jori im Gymnasium den aus gutem Hause stammenden Paul und wenig später dessen Schwester Paula kennen gelernt hat, ist sein Weg vorgezeichnet. In verzehrender Liebe zu Paula gefangen, muss Jori miterleben, wie die Angebetete in die Tiefen der Psychiatrie sinkt. Ihr Krankheitsbild ist kaum zu fassen und so macht sich Jori auf nach Paris an die berühmte Salpétrière, dem Krankenhaus, das auf dem Weg der Psychiatrie als Maßstab gilt. Dort begegnet Jori dem charismatischen Wissenschaftler Dr. Charcot, der die kranken Frauen oder die Frauen, die als psychisch krank gelten, weil sie eine andere Lebensweise pflegten benutzt, um zweifelhafte Experimente durchzuführen. Während Paul bei einem Besuch in Paris Dr. Charcot sofort in Frage stellt, klebt Jori an ihm als seinem großen Vorbild. Als ein Mädchen in die Klinik eingeliefert wird, das jedem Versuch Dr. Charcots, es für seine Experimente zu nutzen Paroli bietet, sieht Jori seine Chance gekommen. Er will Runa, so der Name des Mädchens, am Gehirn operieren, um ihre seltsame Verhaltensweise zu heilen. Doch die ganze Salpétrière wettet gegen Jori. Auch Paul hat sich längst abgewandt. Mehr und mehr gerät Jori dadurch in eine Außenseiterrolle, doch er kann nicht von der geheimnisvollen Runa lassen. Seine Liebe zu Paula steht auf dem Spiel.

Schreckliche Bilder

Vera Buck schont ihr Publikum nicht. Sie führt es zwar langsam an die Geschichte heran, doch dann wird es gruselig. Insbesondere, da das, was die Autorin so nach und nach in ihren Roman einbaut, auf Tatsachen beruht. Ob es nun um die ärztliche Behandlung der psychisch angeschlagenen Frauen geht oder um die Experimente, die an ihnen ausgeführt wurden: Heute scheint vieles undenkbar und wird dem Leser unvermittelt einen Schlag in die Magengrube versetzen. Dr. Charcot ist sich keiner Schuld bewusst, als er die jungen Frauen vor versammeltem Plenum quält, mit seinen Methoden Anfälle verursacht oder sie gar in einer schlüpfrigen Art als sexuelle Wesen zur Schau stellt. Niemand schützt die Patientinnen vor den aufgeladenen Studenten und Ärzten, die sich nachts in die Schlafsäle schleichen und sich an den Frauen vergehen. Auch Jori erkennt die Brutalität dieses Vorgehens nicht. Selbst die Reaktion seines besten Freundes Paul, der Dr. Charcot und seine Methoden ablehnt, vermag ihn nicht davon abzubringen, selbst in Charcots Fußstapfen treten zu wollen. Vera Buck geht ausführlich auf die Abgründe der Psychiatrie ein, erklärt Methoden und Anwendungen und gewährt den Lesern einen tiefen Blick in einen namenlosen Schrecken, der noch bis lange ins 20. Jahrhundert anhielt. 

Spannende Konstellation

Für ihre Charaktere hat sich Vera Buck einiges einfallen lassen. Sie stellt ihre Protagonisten Jori und Paul in ein klares Spannungsfeld: Zum einen der wohlhabende Paul, der mit einem Weitblick gesegnet ist, zum anderen der um jedes Fitzelchen Anerkennung kämpfende Jori, der seine einfache Herkunft trotz allem nicht verleugnen kann. Dazu kommt eine Vielzahl von weiteren Figuren, die nahezu alle detailreich und umsichtig ausgearbeitet sind. Es ist augenscheinlich, dass die Autorin sich darum bemüht hat, keine Figuren einzubauen, die in ein schwarz-weiß-Schema passen könnten. Dieses Bemühen zahlt sich aus. Die Konstellationen bleiben spannend, die zwischenmenschlichen Missverständnisse und Probleme wirken glaubhaft und geben dem Roman eine nachvollziehbare Handlung.

Leicht irritierend

Schwierig zu lesen ist der Roman für jene, die keine tiefgründigen Erklärungen mögen und denen eine detailreiche Beschreibung ohne Handlung schnell zu langatmig scheint. Manchmal verliert sich Vera Buck tatsächlich in der Fachwelt, bekommt aber jeweils im letzten Moment den richtigen Dreh, um nicht ganz ins Fachliche abzurutschen. Nicht ganz einfach ist es zunächst auch, die drei verschiedenen Erzählstränge miteinander in Verbindung zu bringen. Neben Jori und seiner Studien in Paris ist da auch der Ermittler Lecoq, der von einem verzweifelten Mann gebeten wird, seine verschwundene Frau zu finden. Und schließlich ein zunächst namenloser Junge, der von seinen gruseligen Abenteuern berichtet. Nach und nach schließt sich aber der Kreis und zuletzt weiß der Leser, wie die einzelnen Erzählstränge zusammen gehören.

Schwieriger zu verstehen ist, weshalb das Buch nach der jungen Patientin Runa benannt ist. Sie spielt zwar eine Rolle, ist aber letztlich nicht die Hauptfigur des Romans. Das weckt zunächst Erwartungen, die nicht erfüllt werden und wirkt im besten Fall leicht irritierend.

Vera Buck ist ein großartiges Debüt gelungen, das ein Kapitel in der Geschichte der Menschen beleuchtet, das mit Menschlichkeit wenig zu tun hat. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und konfrontiert die Leser mit einem namenlosen Schrecken. Dabei erzählt sie eine Geschichte, die stimmig ist und von einer überzeugenden Erzählkraft der Autorin zeugt.

Runa

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Letzte Kommentare:
17.05.2019 14:37:58
Kastanie

Ich war von Anfang an gefesselt, obwohl sich das Buch ziemlich langatmig gezogen hat. Dennoch hatte ich immer großes Interesse daran mehr zu erfahren. Es sind viele Geschichten, die man anfangs noch nicht zusammen führen kann. Selbst das Ende der Geschichte stellt mich nicht vollständig zufrieden. Ich hatte mit mehr Zusammenhang der einzelnen Geschichten gerechnet, somit war ich ein wenig enttäuscht. Dennoch war es ein tolles Buch und schön zu lesen.

10.11.2015 16:14:25
PMelittaM

Ende des 19. Jahrhunderts hat in der Pariser Salpêtrière der Neurologe Jean-Martin Charcot das Sagen. Er gilt als Kapazität und zieht viel versprechende Studenten und junge Ärzte, wie etwa Georges Gilles de la Tourette an. Seine Dienstagsvorlesungen, zu denen auch normale Pariser Bürger Zutritt haben, sind gut besucht, denn hier führt er seine Patientinnen vor – und macht eine große Show daraus, führt z. B. Anfälle herbei.

Johann Richard Hell, Jori genannt, ein junger Schweizer Medizinstudent, ist nach Paris gekommen, um Heilung für seine Freundin Pauline zu finden. Als das Mädchen Runa in die Salpêtrière eingeliefert wird, glaubt er, durch sie eine Möglichkeit gefunden zu haben. Allerdings ist Runa eine besondere Patientin, die nicht nur Joris Leben durcheinander wirbelt.

Monsieur Lecoq, ehemaliger Mitarbeiter der Sûreté, ist auf der Suche nach der Ehefrau eines Bekannten. Dabei fallen ihm immer öfter merkwürdige Schriftzeichen auf. Hat jemand in ganz Paris Nachrichten hinterlassen? Doch was bedeuten sie und in welchem Zusammenhang stehen sie mit mehreren Todesfällen?

Vera Buck hat einen sehr komplexen Roman erschaffen, der nicht nur in das Paris des 19. Jahrhunderts führt, sondern auch ein Stück Medizingeschichte aufzeigt, das heute regelrecht gruselig anmutet. Der Roman ist nicht leicht zu lesen. Nicht nur die Thematik, die Zurschaustellung der Patientinnen, die Therapien an und die Versuche mit ihnen, die Diagnostiken, die Frauen, die sich nicht gesellschaftlich angepasst benehmen, als psychisch krank abstempeln, ist heftig und schockiert, auch die Art der Erzählung mit vielen Handlungssträngen, die zunächst scheinbar wenig miteinander zu tun haben und oft Rätsel aufgeben (am Ende aber zufriedenstellend ineinanderlaufen), lässt ein Zwischendurchlesen nicht zu, man muss den Roman sehr konzentriert lesen.

Dazu kommt, dass der Roman wenig Hinweise gibt auf das tatsächliche historische Geschehen, auf die auftretenden historischen Persönlichkeiten, auf tatsächliche medizinische Gegebenheiten. Man muss viel selbst recherchieren, was per se nicht schlecht ist, aber ein Personenverzeichnis (mit Angabe der historischen Persönlichkeiten und Hintergrundinformationen zu ihnen) sowie ein Glossar oder ein ausführlicheres Nachwort, das mehr Informationen über Fiktion und Wirklichkeit enthält, wäre schön gewesen, ebenso wie eine Karte, um die einzelnen Handlungsorte einordnen zu können. Immerhin enthält das Buch eine Bibliographie für weiterführende Lektüre.

Schwierig finde ich auch mitunter die zeitliche Einordnung der Geschehnisse. Findet alles in einer Zeitlinie statt oder ist diese oder jene Storyline eine Rückblende? Da hätte es geholfen, wären Zeitangaben eingesetzt worden, oder wenigstens die Rückblenden gekennzeichnet worden (z. B. mit „ Drei Jahre vorher“). So musste man sich weitere Fragen stellen, die unnötig gewesen wären.

Trotz seiner Komplexität lässt sich der Roman gut lesen, man muss sich einfach nur auf ihn einlassen. Er macht neugierig darauf, wie alles zusammenhängt und gespannt darauf, ob gewisse Ereignisse eintreten werden. Auch miträtseln kann man, mitzittern sowieso.

Sehr gut hat mir gefallen, dass Vera Buck trotz des Themas auch immer wieder, wenn auch etwas speziellen, Humor in ihren Roman einflicht und damit wunderbare Sätze kreiert, die mich zum Schmunzeln bringen, z. B.: "Frische Nachtluft schwappte mit einer Dringlichkeit in den Raum, als wüsste sie, dass sie später keine Gelegenheit mehr dazu haben würde" (S. 82) oder "... Haare, die ihr wie schlecht verrührtes Eiklar vom Schädel tropften" (S. 170) oder auch "Die Heilige Nacht legte sich in diesem Jahr zusammen mit einem Schneesturm über die Stadt" (S. 515). Die ausgereifte Sprache und die gut durchdachte Geschichte lassen zudem immer wieder vergessen, dass es sich hier um einen Debütroman handelt. Ich bin sehr auf Vera Bucks weitere Werke gespannt.

Der Roman hat mich von Anfang an gepackt und mir bis zum Ende gut gefallen. Immer wieder wurde ich angeregt, mich weiter mit der Thematik und den Akteuren zu befassen, die Auflösung und das teilweise offene Ende sind passend und gut gelungen. Ich empfehle den Roman sehr gerne weiter, man sollte aber nicht allzu zartbesaitet sein und komplexe Romane mögen, ebenfalls sollte man bereit sein, sich mit den geschichtlichen und medizinischen Hintergründen auseinanderzusetzen – dann erhält man einen einzigartigen Roman, der noch lange nachwirken wird. Für mich eines der interessantesten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe.

08.11.2015 23:13:17
-LENA-

Die psychiatrische Klinik Salpétriére in Paris zum Ende des 19. Jahrhundert ist berühmt für ihre Behandlungen von hysterischen Patienten .Sehr detailliert werden diese Methoden unter der Dominanz der behandelten Ärzte geschildert und verlangen vom Leser einiges.
Der damaligen Wissensstand der Psychiatrie und Neurologie mit vielen bekannten Persönlichkeiten wurden in diesen Roman sehr gut umgesetzt.
Runas Verhalten irritiert die Ärzte. Jori will sie behandeln und versucht hinter ihr Schicksal zu kommen.
Lange rätselt man über den Zusammenhang der verschiedenen Handlungsstränge um die graugezeichneten Charaktere Maxime, Lecoq und Jori. Nebenfiguren werden bildhaft beschrieben und es wechseln sich düstere - und humorvolle Szenen ab.

Der spannende, intensive Roman überzeugt durch seinen faszinierenden Schreibstil, in dem Fiktion und Realität sich vermischen. Ein gelungenes Debüt der Autorin.

08.11.2015 21:56:05
Andreas Lacroix

fantastisch - phänomenal - mitreißend
Ich bin restlos begeistert über die Erzählweise wie Vera Buck es schafft aus unterschiedlichen Erzählsträngen am Ende eine Einheit formt und überraschend schließt.
Dieses Buch war nie langweilig und super gut recherchiert.
Ich freue mich auf den zweiten Roman.