Wie ein fernes Lied

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Piper, 2015, Titel: 'Wie ein fernes Lied', Originalausgabe

Couch-Wertung:

90

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
1 50 100

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

2 x 91-100
0 x 81-90
0 x 71-80
0 x 61-70
0 x 51-60
0 x 41-50
0 x 31-40
0 x 21-30
0 x 11-20
0 x 1-10
B:98
V:1
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":0,"85":0,"86":0,"87":0,"88":0,"89":0,"90":0,"91":0,"92":0,"93":0,"94":0,"95":0,"96":1,"97":0,"98":0,"99":0,"100":1}
Rita Dell'Agnese
Worte, die das Buch swingen lassen

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Aug 2015

Nein, verleugnen kann Autorin Micaela Jary ihre Verbundenheit mit dem Thema Musik nicht. Oder nicht mehr. Wie ein fernes Lied ist so dicht an den Menschen und der Musik dran, dass die persönliche Betroffenheit aus fast jeder Zeile spricht. Angesiedelt hat Micaela Jary ihre Geschichte in den Vorkriegsjahren - die Nazis haben bereits ihre Hände ausgestreckt und reagieren mit Druck und Gewalt auf die Bewegung des neu aufkommenden Swings. Die Folgen davon bekommt auch Marga zu spüren. Die junge Frau aus Hamburg muss sich von ihrem Liebsten verabschieden. Der talentierte junge Musiker schafft es, bei einer Swing-Kapelle ein Engagement zu ergattern und in die Schweiz auszureisen. Für Michael, ein Halbjude, ist es der letzte Moment, einem grauenvollen Schicksal zu entkommen. Marga weiß das, leidet aber dennoch darunter, dass sie nichts mehr von ihrer großen Liebe hört. Über Freunde erfährt Marga schließlich, dass Michael nach Paris gegangen ist und dort unter dem Namen Jules Delabord auftreten soll. Die Zeit, in der sich die Menschen in Europa frei bewegen konnten, ist aber vorbei. Margas einzige Chance ist, als Sängerin im Tanzorchester des gefeierten Bandleaders Harry Alsen die Bestimmungen zu umgehen. Sie macht sich auf die Suche nach ihrem Liebsten. Viele Jahre später, 1999, begegnet die junge deutsche Pianistin Andrea in Paris, wo sie in Hotels und Restaurants zur Unterhaltung spielt, einem distinguierten älteren Herrn. Er scheint Andrea regelrecht zu stalken. Als sie ihn zur Rede stellen will, flüchtet er und erleidet dabei einen schweren Unfall. Andrea bricht zusammen, wird aber vom jungen deutschen Journalisten Frank Renner, der gerade eine Geschichte über die Swing-Generation in den Kriegsjahren recherchiert, unterstützt. Andrea und Frank machen sich auf die Spuren der Geschehnisse in den Kriegsjahren.

Intensive Schilderungen

Micaela Jary macht mit ihren Worten die Musik lebendig. Sie setzt so überzeugende Bilder ein, dass der Leser das Gefühl bekommt, mitten im Geschehen zu sein. Die Angst der jungen Menschen bei der Razzia im Tanzclub, die ungebrochene Lust, zu leben, selbst in ganz dunklen Zeiten und die Faszination, durch eine bestimmte Musikrichtung eine Überzeugung zu leben: All diese Gefühle und noch viele mehr sind hautnah spürbar. Die Kraft, die in den Schilderungen liegt, spricht vor allem in jenen Szenen aus der Geschichte, die in der Vergangenheit angesiedelt sind. Dort wird der Swing bald zu einem inneren Widerstand gegen die Schreckensherrschaft der Nazis. Weniger intensiv ist die Zeit von 1999 ausgefallen. Manchmal scheint es, als wolle die Autorin den Vergangenheits-Teil des Buches nicht konkurrenzieren. Dadurch verliert die Erzählung aus der Zeit von 1999 etwas gegenüber derjenigen aus den Kriegsjahren. Grundsätzlich muss man sich ohnehin die Frage stellen, ob es die Zweiteilung des Romans überhaupt gebraucht hätte: Die Geschichte von Marga und Michael ist so dicht und überzeugend, dass sie auch ohne das Geheimnis ausgekommen wäre, das sich erst so viele Jahre später lösen lässt.

Starke Charaktere

Wie fast immer bei Micaela Jary lebt der Roman von starken Charakteren, die durchaus Ecken und Kanten aufweisen. Wohl folgt ein Teil der Geschichte dem üblichen Muster, doch die Figurenzeichnung hebt auch hier die Erzählung weit über das übliche Maß hinaus und macht den Roman lebendig. Keine fehlerfreien Heldinnen und Helden, sondern Menschen, die einen gesunden Lebenshunger haben, bevölkern den Roman. Die Protagonisten wachsen der Leserschaft schnell ans Herz. Ihr Schicksal berührt und selbst wenn man die Figur gerne daran hindern möchte, unter Umständen falsche Schlüsse  zu ziehen oder in eine falsche Richtung zu gehen, so kann man doch immer nachvollziehen, weshalb dieser Weg vorgegeben war.  Dass Micaela Jary mit ihren Romanfiguren ganz dicht an einstige Musiker heran kommt, kommt nicht von ungefähr. Hier dürfte sich die Lebensgeschichte der Autorin selber, beziehungsweise ihrer Familie im Roman versteckt halten.

Eine andere Sicht

Über die Kriegsjahre und die Nazi-Herrschaft gibt es bereits eine Vielzahl von Romanen - auch guten Romanen. Dieses spezielle Kapitel - die Verfolgung der Swing-Kids und die Deportation der jungen Menschen, die von diesem Musikstil nicht lassen mochten - stand da bisher weniger im Zentrum. Micaela Jary bringt somit eine andere Sicht der Dinge in den Roman ein. Und das macht sie hervorragend. Die Geschichte hallt noch lange nach, wenn die letzten Zeilen gelesen und damit die letzten Töne des Swings verklungen sind. Der überzeugend komponierte Roman vermag auf allen Ebenen zu gefallen.

Wie ein fernes Lied

Wie ein fernes Lied

Deine Meinung zu »Wie ein fernes Lied«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
18.10.2016 08:11:45
Orange

Eigentlich wollte ich nach der Enttäuschung mit „Die Bucht des blauen Feuers“ kein Buch von Micaela Jary mehr lesen. Aber ich kannte ja auch „Sehnsucht nach Sansibar“, welches mir sehr gut gefallen hat und wusste somit, dass die Autorin schreiben kann.
Bei „Wie ein fernes Lied“ haben mich aber Thematik und Handlungsort so sehr interessiert, dass ich es einfach nochmal versucht habe. Dies war mein absolutes Glück, denn es ist mein bestes Buch dieser Autorin.
Micaela Jary teilt den Roman in zwei Handlungsstränge.
Zunächst haben wir Marga, ein Swingkid aus Hamburg, deren Jugendliebe Michael mit den Orchester Bobby Schwan und den Original Bobbys in Richtung Schweiz ausreist. Dies gerade noch rechtzeitig, denn wir haben das Jahr 1939 und Michael ist Halbjude. Marga und Michael verbindet aber auch die Liebe zur Musik und besonders zum Swing. Marga will Sängerin werden. Als sie eines Tages keine Nachrichten mehr von Michael bekommt, unternimmt sie alles, um ihn wiederzusehen.
Im zweiten Handlungsstrang, welcher 1999 spielt, haben wir Andrea. Sie ist Deutsche und Musikstudentin in Paris. Für ihren Lebensunterhalt spielt sie in Hotels.
Dort fällt ihr ein älterer Herr auf, der sich auffällig für ihr Spiel und sie zu interessieren scheint. Als sie ihn zur Rede stellen will, wird er in einen Unfall verwickelt. Zusammen mit den Journalisten Frank Renner versucht Andrea hinter seine Absichten zu kommen und stößt dabei auf die Lebensgeschichte der Sängerin Marga.
Mit „Wie ein fernes Lied“ hat mich Micaela Jary mehr wie überzeugt. Auch wenn ich von Margas naiven und rücksichtslosen Verhalten manchmal genervt war, war sie mir doch sympathisch. Sie interessiert sich nur für ihre Musik, lässt die politischen Verhältnisse vollkommen außer Acht und bringt dadurch sich und andere in Gefahr. Aber auch die anderen Personen, wie der Orchesterleiter Harry Alsen, sind facettenreich geschildert. Der Wechsel zwischen den Handlungen erhöht die Spannung und lässt das Buch in einen so von mir nicht erwarteten Schluss enden.
Ein sehr ausführliches und interessantes Nachwort und ein toll gestaltetes Cover machen den Roman für mich rund.

02.06.2016 16:07:35
Zabou1964

Ich mag die Bücher von Micaela Jary sehr, ihre bildhafte Sprache, die mich jedes Mal in die Handlung zieht und einen Film vor meinem inneren Auge entstehen lässt. In diesem Werk hat sie es geschafft, dass ich auch die Musik gehört, ja förmlich gespürt habe. Sie ist unverkennbar die Tochter eines Musikers, genau wie ich. Schon aus diesem Grund war dieser Roman für mich Pflichtlektüre, eine Pflicht, der ich ausgesprochen gerne nachgekommen bin.

Der Roman besteht aus zwei Handlungssträngen, wobei mich die Geschichte Margas, die zu Beginn des zweiten Weltkrieges spielt, mehr gepackt hat. Aber auch der zweite Strang, der in der Gegenwart spielt und von einer Begegnung der jungen deutschen Pianistin Andrea mit einem alten Herrn erzählt, konnte mich begeistern. Die Geschichte beginnt mit einem Abschied. Marga muss sich von ihrem Jugendfreund und ihrer Liebe, den Halbjuden Michael, verabschieden. Es ist 1939, die Juden werden in Deutschland verfolgt. Michael gelingt es, als Klarinettist ein Engagement in der Schweiz zu bekommen. Marga bleibt allein in Hamburg zurück, kann Michael aber nicht vergessen. Als sie erfährt, dass er in Paris unter dem Namen Jules Delabord lebt, setzt sie alles daran, die Liebe ihres Lebens wiederzusehen.

Im Jahr 1999 begegnet die junge Pianistin Andrea, die sich ihren Lebensunterhalt als Pianistin in einer Hotellobby verdient, einem alten Herrn, der ihr als einziger zuhört. Als sie ihn ansprechen will, läuft er förmlich vor ihr weg – direkt vor ein Auto. Sie kann den geheimnisvollen Mann nicht vergessen und begibt sich auf Spurensuche.

Die Geschichte klingt zunächst recht vorhersehbar, was sie aber nicht ist. Durch einige überraschende Wendungen ist es der Autorin gelungen, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Dabei habe ich besonders mit Marga gelitten, geweint und getanzt. Aber auch Andreas Schicksal hat mich immer mehr gepackt. Nach 544 Seiten konnte ich das Buch mit einem glücklichen Seufzen schließen, obwohl es mir sehr schwer fiel, von den liebgewonnenen Figuren Abschied zu nehmen.

Fazit:
Ganz großes (Kopf)-Kino mit einem mitreißenden Soundtrack!

12.09.2015 14:51:14
buchregal123

Die 17-jährige Marga und der Nachbarsjunge Michael Friedländer sind zusammen aufgewachsen. Beide lieben den Swing. Doch 1939 ist diese Musik tabu. Als der Halbjude Michael mit dem Swing-Orchester Bobby Schwan auf Tournee in die Schweiz geht, bietet sich ihm die Möglichkeit, weiter mit seiner Klarinette die geliebte Musik machen zu können und dem Einfluss der Nazis zu entgehen. Beim Abschied auf dem Bahnhof gesteht Michael Marga, dass er sie liebt. Da Marga schon lange in Michael verliebt war, steigert sie sich nun ihre Träume hinein. Als sich ihr die Chance bietet, mit dem Orchester Harry Alsen die Truppen zu unterhalten, sagt sie sofort zu in der Hoffnung Micheal wiederzusehen. In Paris glaubt sie ihn auf der Bühne eines Swing-Clubs entdeckt zu haben, doch schon ist er verschwunden. Wird sie ihn jemals wiedersehen?
Andrea Cramer studiert Musik in Paris und verdient ihren Unterhalt als Pianistin in Foyers von Hotels. Ein alter Mann hört ihr mehrfach interessiert zu, doch bevor sie ihn ansprechen kann, ist er verschwunden. Bei einem Konzert mit ihrer Band ist er wieder unter den Zuhörer. Als sie auf ihn zugeht, flüchtet er und es geschieht ein Unfall. Der deutsche Journalist Frank Renner, der in Paris ist, um für eine Reportage über den Swing zu recherchieren, ist bei dem Unfall auch zugegen. Mit Andrea forscht er nach, warum der alte Mann namens Jules Delaborde den Kontakt zu Andrea meidet, obwohl er doch Interesse an ihr zeigt.
Diese Geschichte liest sich wunderbar flüssig. Es war wirklich schwer, das Buch zur Seite zu legen. Ich wollte wissen, was diese beiden Handlungsebenen miteinander verbindet. Da ist natürlich die Liebe zum Swing, über den Evelyn Künneke sagte: „Swing! Mehr als nur ein Rhythmus ist das, ein fröhlicher Bazillus, ein Lebensgefühl, Fliegen können, compris? Ich meine, Swing hat man plötzlich im Bauch wie Ella den Blues oder meine Freundin Monica ihr Baby, und das kann man doch auch keinem erklären, oder?“ Doch diese Musik, welche die jungen Leute so lieben, ist unter den Nazis verpönt und dann sogar strikt verboten. So kommt es, dass aus der getanzten Lebensfreude gleichzeitig eine Möglichkeit wurde, sich dem Regime zu verweigern.
Die Charaktere sind lebendig und authentisch beschrieben. In Margas Elternhaus spielte Politik keine Rolle und so ist auch für sie Politik kein Thema. Dabei sieht sie in ihrer Naivität die Zeichen der Zeit nicht. So bringt sie mit ihrer Direktheit sich und andere in Gefahr. Mit ihrem impulsiven Verhalten geht sie mir auf die Nerven und doch ist mir nicht unsympathisch, denn sie steht zu den Menschen in ihrem Umfeld. Sie idealisiert ihre Beziehung zu Michael und übersieht dabei, dass sie auch Gefühle für den hilfsbereiten und pragmatischen Harry hat, der sie immer wieder aus prekären Situationen rettet.
Die sympathische Andrea Cramer ist vorsichtig bei Beziehungen. Obwohl sie Frank Renner sympathisch findet, hält sie ihn auf Distanz.
Micaela Jary ist es wundervoll gelungen die Atmosphäre der damaligen Zeit spürbar zu machen, das schließt das Grauen genauso ein wie das lebhafte Swingen. Ich habe mitgefiebert, mitgehofft und mitgelitten. Immer wieder sind da Situationen und Verbindungen, mit denen ich so nicht rechnete. Ganz besonders das Ende hatte ich so nicht erwartet, doch es war stimmig und hat mich überzeugt.
Absolute Leseempfehlung!

Zeitpunkt.
Menschen, Schicksale und Ereignisse.

Wir schauen auf einen Zeitpunkte unserer Weltgeschichte und nennen Euch passende historische Romane.

mehr erfahren