Ich warte auf dich, jeden Tag

  • Droemer-Knaur
  • Erschienen: Januar 2015
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  • Droemer-Knaur, 2015, Titel: 'Ich warte auf dich, jeden Tag', Originalausgabe
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Rita Dell'Agnese
891001

Histo-Couch Rezension vonAug 2015

Der Krieg und die Liebe

Erin ist erschüttert. Ihr Mann Jeffrey hat sie verlassen, nach zwanzig guten Jahren. Ausgerechnet jetzt, da auch der gemeinsame Sohn nach Barcelona gezogen ist, um dort zu studieren. Und da es in der Buchhandlung, in der Erin arbeitet, schwierig wird, weil die Finanzen durcheinander geraten sind. Vor all diesen Problemen flüchtet sich Erin zu ihren Eltern, um dort mitzuhelfen, die Hinterlassenschaft der Großeltern auszusortieren. Dabei stößt Erin auf einen Brief, den ihr Großvater einer unbekannten Frau namens Lily erhalten hat. Erin, die ihren Großvater aus Deutschland als unnachgiebigen, harten Mann erlebt hat, muss Ihr Bild überdenken. Um der Sache auf den Grund zu gehen, reist sie nach Europa. Sie will die Spur der geheimnisvollen Lily, einer überzeugten Gegnerin der Nazis, aufnehmen, an die der Brief gerichtet war. Nach und nach erfährt Erin, was in den Kriegsjahren wirklich geschah, und weshalb das Liebespaar auseinander gerissen wurde. Sie muss erkennen, dass nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Und dass die Liebe ganz schön vielschichtig sein kann. Erin wird dadurch gezwungen, sich neu mit ihrem eigenen Leben auseinander zu setzen.

Vorkriegsjahre gut dargestellt 

Clarissa Linden hat sich nicht nur intensiv mit dem Thema Liebe auseinander gesetzt. Sie ist auch in die Zeit der Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg eingetaucht und zeigt auf, wie sich die Situation entwickelt hat. Sie tut das auf eine besondere Art. In den Mittelpunkt stellt sie die junge Lily, die sich mehr und mehr mit dem Nationalsozialismus auseinander setzt und versucht, sich gegen die zunehmende Gewaltbereitschaft der Braunhemden aufzulehnen. Dabei begegnet sie einem jungen Mann aus privilegiertem Haus, der zwar zunächst durchs eine Herkunft geschützt scheint, dennoch aber mit Unbehagen auf die politische Entwicklung reagiert. Die Autorin schildert, wie sich das anfängliche Unbehagen zu Angst entwickelt, welchen Repressionen die Bevölkerung durch die Braunhemden ausgeliefert ist, als diese mehr und mehr Oberwasser bekommen. Während etliche Romane über den Zweiten Weltkrieg die eigentlichen Kriegsjahre thematisieren, widmet sich Clarissa Linden den Jahren davor. Sie erklärt, verzichtet aber auf Anschuldigung wie Entschuldigung.

Gegenwart mit vielen Zufällen

Es ist bedauerlich, dass sich die Autorin nicht ganz auf die Liebesgeschichte von Lily und Alexander konzentriert hat. Denn es ist eindeutig der überzeugendere und vor allem bewegendere Teil als die Gegenwart mit Erin. Obwohl Erin als Protagonistin nicht unsympathisch wirkt, so fehlt ihr doch etwas Farbe. Sie ist so stark in ihrem Schmerz und ihrer Wut gefangen, dass sie nur verhalten reagiert. Das erschwert es etwas, ihr näher zu kommen und sich mit ihr zu identifizieren. Entsprechend schwierig wird es dann das eine oder andere Mal, die Handlungsweise von Erin zu verstehen. Dennoch begleitet das Publikum die verlassene Frau auf ihrem Weg zurück ins Elternhaus und erlebt ab da eine ganze Reihe von Zufällen, die der Geschichte einen neuen Drall geben. Es sind etwas gar viele Zufälle, die da mitspielen und erst möglich machen, dass Erin sich auf die Suche nach Lily machen kann. Es fragt sich, ob die Autorin das Konstrukt nicht etwas anders hätte aufbauen können, bestimmt hätte es der Glaubwürdigkeit gut getan.

Philosophische Betrachtungen

Wer die Nase rümpft, wenn er das Wort Liebesroman hört oder liest, kann sich Ich warte auf dich, jeden Tag durchaus gönnen. Es ist zwar ein Roman über die Liebe, doch ist er weit davon entfernt, in rosaroten Wolken zu schweben oder ein schmachtendes Liebespaar zusammen zu führen. Die Betrachtungen über die Liebe sind vielmehr feinfühlig und philosophisch. Es ist nicht nur die Protagonistin Erin, die sich ein neues Bild von der Liebe machen muss, es ist auch das Publikum, das über die Bedeutung von Liebe nachdenken wird. Vor allem steht die Frage im Raum, wie man jemanden lieben kann, wenn die große Liebe nie bewältigt worden ist. Clarissa Linden hat dieses Thema wunderbar umgesetzt, gibt Raum zum Nachdenken und auch ein wenig träumen.

Dieser Roman eignet sich nicht nur als Unterhaltungs-Lektüre. Er gibt auch einen nachdenklich stimmenden Einblick in die Zeit, in der Nationalsozialismus aufblühen konnte. Die Autorin erweist sich hier als gute Rechercheurin und noch bessere Erzählerin.

Ich warte auf dich, jeden Tag

Clarissa Linden, Droemer-Knaur

Ich warte auf dich, jeden Tag

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