Das Lied, das uns trägt

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Fischer, 2014, Titel: 'The Girl from the Paradise Ballroom', Originalausgabe

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Yvonne Schulze
... und dann sind wir der Feind!

Buch-Rezension von Yvonne Schulze Aug 2015

Verlage und ihre Klappentexte! Dass es den Verlagen beim Verfassen ebendieser in erster Linie um marketingtechnische Belange geht und weniger darum, die richtige Zielgruppe anzusprechen, ist ja kein Geheimnis mehr. Klappentexte sind oftmals nichtssagend, irreführend oder haben mit dem Inhalt der Bücher nicht viel gemein. So suggeriert auch der Klappentext dieses Romans dem Leser - nun, in diesem Fall wohl offensichtlich ganz gezielt der Leserin - eine Liebesgeschichte, die in die Glitzerwelt der Londoner Ballsäle entführt und mit dem Aufziehen des Zweiten Weltkriegs auch eine ordentliche Dosis Dramatik verspricht. Eine klassische Liebesgeschichte für die romantische Leserin also? Weit gefehlt! Schon das Vorwort der Autorin lässt erahnen, in welche Richtung die literarische Reise hier gehen wird.  

Die Geschichte beginnt im Jahr 1940. Im Londoner Stadtteil Soho steht der italienische Sänger Antonio Trombetta am Fenster seiner Wohnung und wartet auf seine Verhaftung. Bevor es aber dazu kommt, schwenkt die Handlung zurück in das Jahr 1937. Im Paradise Ballroom in Soho begegnet Antonio Trombetta im Herbst 1937 der Tänzerin Olivia, eine Begegnung, die unter keinem guten Stern zu stehen scheint. Olivia ist in ärmlichen Verhältnissen in Wales aufgewachsen und bereits als junges Mädchen nach London gekommen, um hier ihr Glück zu finden. Ihren Lebensunterhalt verdient sie als Tangotänzerin und als sich der reiche Bernard Rodway in sie verliebt und sie heiraten möchte, greift sie zu und lässt die Welt der Londoner Ballsäle hinter sich, um das privilegierte Leben als Gattin eines reichen Mannes zu führen. Antonio und Olivia treffen wieder aufeinander, als Antonio bei einem seiner Auftritte Bernard Rodway kennenlernt, der, begeistert von Antonios Stimme, diesem zu einer Gesangsausbildung in seinem Haus verhilft.    

Antonio Trombetta entstammt einer italienischen Familie mit traditionellen Machtstrukturen und Wertvorstellungen, in der familiäre Interessen über privatem Glück stehen, was besonders Antonios Schwester Filomena zu spüren bekommt, von der erwartet wird, sich in eine arrangierte Ehe zu fügen, obwohl sie einen anderen Mann liebt. Antonio ist bereits in einer arrangierten Ehe mit einer unzufriedenen und ständig nörgelnden Frau gefangen. Die Trombettas gehören zur großen italienischen Gemeinde, die sich seit dem 19. Jahrhundert in Großbritannien etabliert hat. Wirkliche Integration findet allerdings kaum statt, man bleibt unter sich und pflegt seine eigene Kultur und Lebensgewohnheiten. Parallelen zur heutigen Zeit lassen sich durchaus ziehen.

Aus Landsleuten werden Feinde

Mit der Machtergreifung Mussolinis im Jahr 1922 und dem aufkommenden Nationalsozialismus in Deutschland entwickelte sich auch in Großbritannien eine faschistische Bewegung, der sich viele Italiener anschlossen. Mussolini wurde wie ein Gott gefeiert, man war als Italiener wieder wer. So ist auch Antonios Bruder Valentino ein glühender Faschist, gilt doch die Zugehörigkeit zu einer faschistischen Partei als Ausdruck von Nationalstolz und Patriotismus. Als Mussolini Großbritannien den Krieg erklärt, hat das dramatische Folgen für die hier lebenden Italiener, die jetzt als Feinde betrachtet, vor Tribunale gezerrt und in Internierungslager gesteckt werden. So bekommt auch die Familie Trombetta diese Überreaktion der britischen Regierung auf schmerzhafte Weise zu spüren. Alison Love thematisiert in ihrem Roman eine der weniger bekannten Seiten des Zweiten Weltkrieges: die Verfolgung der sogenannten Feindstaatenausländer in Großbritannien. Sie verknüpft das Leben ihrer fiktiven Charaktere eng mit den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen jener Zeit und macht sie so für den Leser greifbar. In diesem Roman steckt mehr Zeitgeschichte als in so manchem anderen Roman, der sich mit dem Label historisch schmückt.  

Die Sprache ist auf den Punkt gebracht, hier ist kein Wort zu viel und wofür andere Autoren ganze Seiten brauchen, bringt Alison Love dies in wenigen Sätzen oder einfach nur durch Gesten zum Ausdruck. Diese manchmal fast nüchtern wirkende Sprache entfaltet eine größere Sogkraft als jede seitenlange Schwafelei, vorausgesetzt man lässt sich darauf ein. Die Charakterzeichnung ist gelungen, die Figuren haben Kontur und Tiefe. Jede der handlungstragenden Personen durchlebt ihre eigene Entwicklung, die mit so mancher Überraschung aufwarten kann, genauso wie die Handlung selbst, die nicht vorhersehbar ist und mit interessanten Wendungen punktet. 

Und die im Klappentext angekündigte Liebesgeschichte?

Ja, die gibt es. Aber sie ist nur ein kleiner Teil des großen Ganzen. Sie wird sehr zurückgenommen erzählt und beschränkt sich manchmal nur auf Andeutungen, berührt dadurch aber umso mehr. Keine glitzernden Ballwelten, keine überzuckerte Romantik, kein schmachtendes Liebesgeflüster und keine getunte Dramatik, sondern vielmehr ein tiefgründiger, facettenreicher Roman, der zu Unrecht in die Liebesromanecke geschoben wird, nur um ihn der Leser-Klientel schmackhaft zu machen, die nach wie vor ein Garant für gute Umsatzzahlen ist.

Wer sich von der Erwartung verabschiedet, hier eine klassische Liebesgeschichte mit viel Herz-Schmerz zu bekommen, wird mit einem gelungenen Roman belohnt, der auf ansprechende Weise unterhält und ein Stück Geschichte thematisiert, das man so kaum kennt. 

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