Der Fluch der Sommervögel

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Droemer-Knaur, 2015, Titel: 'Der Fluch der Sommervögel', Originalausgabe

Couch-Wertung:

36
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Yvonne Schulze
Liebesdrama vor historischer Kulisse

Buch-Rezension von Yvonne Schulze Jun 2015

Die Malerin Maria Sibylla Merian wurde 1647 in Frankfurt als Tochter eines Kupferstechers und Verlegers geboren. Ihr künstlerisches Talent wurde früh erkannt und gefördert und sie wurde eine beachtete Pflanzen- und Insektenmalerin. Ein besonderes Interesse hatte sie an Schmetterlingen, deren Verhalten und Metamorphose sie beobachtete und aufzeichnete. Sie gilt heute als eine der Pionierinnen moderner Entomologie. Nach ihr sind Schulen benannt, ihr Konterfei zierte Briefmarken und den 500,00-DM-Schein. Während ihr bewegtes Leben gut dokumentiert ist, weiß man über ihre Jugendjahre nur wenig, vermutlich weil diese recht unspektakulär waren. Diese interessante Dame macht Nicole Steyer zur Heldin ihres Romans.

Acht Monate im Leben einer Siebzehnjährigen

Zeitlicher Rahmen sind die Monate April bis November 1664, als Maria 17 Jahre alt war. Wenn man bedenkt, dass das Leben Maria Merians genügend Stoff für eine umfangreiche Romanbiographie geliefert hätte, verwundert dieser enge zeitliche Rahmen schon etwas. Wahrscheinlich wollte sich die Autorin aber zeitaufwändige Recherchen ersparen und hat sich deshalb für eines der Jugendjahre Maria Merians entschieden, damit sie ihrer Fantasie freien Lauf lassen kann, statt sich mit historischen Fakten abzugeben.  

Die Autorin erfindet das 17. Lebensjahr Maria Merians nahezu neu. Das würde auch absolut kein Problem darstellen, wenn dabei eine schlüssige und in sich stimmige Geschichte entstanden wäre. So kommt Der Fluch der Sommervögel zwar in der Aufmachung eines historischen Romans daher, ist aber letztendlich nichts anderes als ein Liebesroman vor historischer Kulisse.

Oberflächliche bis karikative Figuren

Absolut nicht gelungen ist die Figurenzeichnung. Maria ist die unfehlbare und von ihrem Umfeld ständig gebeutelte Heldin, die man aufgrund ihrer Leidenschaft für Schmetterlinge für eine vom Teufel besessene Zauberin hält, galten doch Butterfliegen (wie man Schmetterlinge damals abwertend nannte) als Geschöpfe des Teufels. Sie verliebt sich in den Totengräber Christian, der eigentlich viel lieber Steinmetz wäre. Sein dunkles Geheimnis, das der Klappentext ankündigt, ist vorhersehbar und löst sich recht schnell auf. Christian verkörpert den Typus tragischer Held, der besonders durch Schüchternheit, Naivität und eine übertriebene Weinerlichkeit auffällt.

Der böse Gegenspieler kommt in Person des fanatischen Pastorensohns Conrad daher, der den beiden Liebenden ständig nach dem Leben trachtet. Diese Figur ist in ihrer Bösartigkeit dermaßen überzogen dargestellt, dass sie zur Karikatur mutiert. Die Nebencharaktere werden konsequent in Gut und Böse eingeordnet und mit den entsprechenden klischeehaften Eigenschaften versehen.  

Viel Dramatik, wenig historischer Hintergrund

Die Liebesgeschichte steht klar im Vordergrund, ein historischer Hintergrund ist kaum vorhanden. Man hätte die Handlung gut und gerne um ein paar Jahrhunderte versetzt spielen lassen können, es wäre nicht aufgefallen. Historische Korrektheit ist definitiv nicht die Stärke der Autorin und man nimmt mit Staunen zur Kenntnis, mit welcher Nonchalance sie historische Fakten und gesellschaftliche Gepflogenheiten des 17. Jahrhunderts einfach ignoriert. Das inflationäre Auftreten von Anachronismen ist ein ständiges Ärgernis und spricht nicht für die Qualität dieses Romans.

Die wirklich interessanten Themen Schmetterlinge sowie Aberglaube/religiöser Fanatismus kommen kaum zum Zuge. Bei keinem dieser Themen geht die Autorin in die Tiefe, sondern kratzt lediglich an der Oberfläche. Letztendlich dienen sie nur dazu, möglichst viel Dramatik in die Handlung zu bringen. Gerade die Themen Aberglaube und religiöser Fanatismus sind beliebte Sujets in historischen Romanen, allerdings wurden sie von anderen Autoren schon weitaus eindringlicher und tiefgründiger behandelt als hier.

Einfache Sprache mit vielen Wiederholungen

Auch in puncto Sprache kann der Roman nicht überzeugen. Der Sprachstil ist schlicht, die Dialoge sind oberflächlich, die Autorin verwendet Begriffe und Redewendungen, die heutigem Sprachgebrauch entsprechen, in einem Roman, der im 17. Jahrhundert spielt, jedoch völlig deplatziert sind. Das größte Ärgernis sind aber die ständigen Wiederholungen. Nahezu auf jeder Seite grinst jemand oder zieht die Augenbrauen hoch oder reißt die Augen auf, legt den Kopf schief oder hat Tränen in den Augen usw. Diese Redundanz verleidet nicht nur das Lesen, sie ist auch schlichtweg lächerlich. Wo war hier das Lektorat?

Soap in Buchform

Die Dramaturgie dieses Romans hat mehr Ähnlichkeit mit einer Soap, wie man sie aus dem Fernsehen kennt, als mit einem handwerklich gut gemachten historischen Roman.

Aufgrund der fehlenden Tiefe und sprachlichen Schlichtheit eignet sich das Buch hauptsächlich für solche Leser, deren Ansprüche an Unterhaltungsromane eher niedrig sind und denen es in erster Linie auf eine leichte Geschichte ankommt, von der sie sich berieseln lassen können, ohne groß mitdenken zu müssen. Leser, die an historische Romane qualitativ höhere Ansprüche stellen und auch bei einem Unterhaltungsroman ein gewisses Maß an Niveau erwarten, sollten lieber zu anderen Büchern greifen.  

Und die echte Maria Sybilla Merian?

Was hätte sie zu diesem Roman, der ihr absolut nicht gerecht wird, wohl gesagt? Hätte sie sich im Grab umgedreht? Nun, vielleicht hätte sie über das ihr angedichtete 17. Lebensjahr schlicht und einfach auch nur herzhaft gelacht.    

Der Fluch der Sommervögel

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