Tiefer Fall

  • Kiepenheuer & Witsch
  • Erschienen: Januar 2015
  • Kiepenheuer & Witsch, 2013, Titel: 'The Fall', Originalausgabe
Tiefer Fall
Tiefer Fall
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Jörg Kijanski
75

Histo-Couch Rezension vonMai 2015

Moriarty und Biowaffen

Anna Kronberg, Londons führende Bakteriologin, musste die Stadt verlassen und lebt seitdem zurückgezogen auf dem Land, wo sie am 22. Oktober des Jahres 1890 erwacht, als ihr jemand einen Revolver an die Stirn presst. Anna wird entführt und muss feststellen, dass hinter der Tat ein gewisser Professor Moriarty steckt, Sherlock Holmes größter Rivale. Moriarty will mit Annas Hilfe biologische Waffen entwickeln, am liebsten unter Einsatz von Pestbakterien. Doch da Pestbakterien gänzlich unkontrollierbar sind, kann Anna ihn überzeugen, stattdessen andere Erreger zu entwickeln. Dabei sind die von ihr geplanten Malleus- und Milzbranderreger ebenfalls hochgefährlich.

 

"Die Praxis, Krankheiten als Waffen einzusetzen, reichte weit zurück in die Geschichte. Kaiser Barbarossa hatte in Italien Trinkwasserbrunnen mit Leichen kontaminiert. Die Spanier mischten Wein mit dem Blut von Leprapatienten und verkauften ihn an ihre französischen Gegner, die Polen schleuderten Speichel tollwütiger Hunde in die Gesichter ihrer Feinde, und die Briten verteilten Decken von Pockenpatienten unter den amerikanischen Ureinwohnern. Napoleon flutete die Ebenen um Mantua in Italien, um die Ausbreitung von Malaria zu fördern, und die Armee der Konföderierten verkaufte Kleidung von Gelbfiber- und Pockenpatienten an die Truppen der Nordstaaten. Die Liste war lang, und dem Einfallsreichtum schienen keine Grenzen gesetzt."

 

Anna versucht die Entwicklung der Bakterien zu verzögern und gleichzeitig ein Gegenmittel zu entwickeln. Doch in Moriartys Haus festgesetzt und im Labor unter ständiger Bewachung, sieht sie kaum Fluchtmöglichkeiten, zumal Annas Vater als Geisel gefangen gehalten wird. Wie kann Anna die Herstellung der todbringenden Waffen verhindern, wie ihren Vater retten und wie mit dem einzigen Mann, der ihr dabei helfen kann, Kontakt aufnehmen?

Der zweite Fall für Anna Kronberg setzt die Serie gekonnt fort

Tiefer Fall erzählt nach Teufelsgrinsen die Anna-Kronberg-Reihe gekonnt weiter, wobei sich die Protagonistin nicht weiter als Mann verkleiden muss. In Moriartys Haus sieht Anna zunächst keine Fluchtmöglichkeit, denn dieses wird unter anderem von abgerichteten Hunden bewacht. Genauso fällt es Anna schwer einen Weg zu finden, um mit Sherlock Holmes in Kontakt zu treten, der schon seit längerer Zeit versucht, Moriarty und seinen Mitstreitern wie Colonel Moran das Handwerk zu legen. Durchaus geschickt erzählt die Autorin Annelie Wendeberg, die Geschichte ihrer Heldin und fügt dabei gekonnt dem Original ganz neue Facetten zu. Dies vor allem dadurch, dass der Meisterdetektiv selbst erst spät in die Handlung einbezogen wird und der Schwerpunkt der Handlung auf der Beziehung zwischen Anna und Moriarty liegt. Vor allem der in den Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle meist im Dunkeln agierende Professor tritt hier erstaunlich offen ins Rampenlicht.

 

"Die Tatsache, dass Sie Schmerzen haben, sollte mich doch amüsieren, oder nicht?"

"Das könnte man annehmen. Doch ich glaube nicht, dass Sie Ihrer Leidenschaft je den Rücken kehren könnten. Selbst wenn es um einen Mann geht, der Sie entführt hat, Sie einsperrt und erpresst. Und diese Empathie, diese Lust an der Diagnose und der Stolz auf Ihr Können, vermute ich, ist Ihre größte Schwäche."

"Da liegen Sie falsch. Es ist meine größte Stärke. Vielleicht bin ich die einzige Person, die versucht, etwas Menschliches hinter Ihrer Fassade zu entdecken."

 

Moriarty und Anna bieten sich ein ehrwürdiges und verbissenes Duell in einem psychologischen Katz-und-Maus-Spiel, bei dem jeder versucht den anderen zu kontrollieren und zu manipulieren. Dazu garnieren ebenso bissige wie intellektuelle Dialoge das Geschehen. Darüber hinaus gibt die Autorin (erneut) detaillierte Einblicke in die Geschichte der Medizin gegen Ende des 19. Jahrhunderts, hier konkret der Entwicklung biologischer Massenvernichtungswaffen, an denen auch Robert Koch und Louis Pasteur in Deutschland beziehungsweise Frankreich arbeiten.

 

"Sie haben vermutlich von der Brüsseler Deklaration über die Gesetze und Gebräuche des Krieges von 1874 gehört, die den Einsatz von Giftpatronen verbietet. Und hier wird es wirklich amüsant. Frankreich, Deutschland und Großbritannien sind aktiv an der Entwicklung von Xylylbromid-Granaten beteiligt."

Er bemerkte meinen ratlosen Blick.

"Tränengas."

 

Das Ende des Romans könnte einigen Lesern nicht ganz gefallen, da einige Fragen offen bleiben. Dies mag aber auch beabsichtigt sein, denn die Fortsetzung der Serie ist bereits angekündigt. Im Oktober 2015 folgt Die lange Reise und bereits für Januar 2016 ist der vierte Fall Der irische Löwe angekündigt. 

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