Maistöcke

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Bookshouse, 2014, Titel: 'Maistöcke', Originalausgabe

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Annette Gloser
Mord und Liebe im Havelland

Buch-Rezension von Annette Gloser Apr 2015

Im Jahr 1889 zieht die junge Holländerin Levke mit ihrem Mann in das Kapitänshaus im havelländischen Bützer, einem kleinen Ort unweit von Rathenow. Doch schon wenige Monate später ist Levke Witwe. Sie bleibt in diesem Ort, der ihr so seltsam bekannt vorkommt. Und sie findet Freunde, Thure zum Beispiel, den Sohn des Bäckers Schrammer, oder Jordis, die Kräuterfrau. Ob sie auch Silas Böttcher zu ihren Freunden zählen kann, bezweifelt Levke jedoch. Zu beunruhigend ist dieser Mann mit den veilchenblauen Augen. Und es geschehen seltsame Dinge in Bützer: Eine Frau wird mit aufgeschlitzter Kehle gefunden, ein Mann stürzt in seine Sense, der Fischer verschwindet und wird erhängt aufgefunden. Jordis hat ganz offensichtlich Geheimnisse, die Levke nicht erfahren soll. Und welche Last trägt die Familie Schrammer, die gemeinsam mit den Böttchers auf dem Mühlenhof wohnt und arbeitet?

Dazu kommt, dass Levke immer wieder in Situationen gerät, die sie sich selbst nicht erklären kann. Schlimme Träume plagen sie und in diesen Träumen taucht immer wieder ein Mann mit veilchenblauen Augen auf, so einer wie Silas Böttcher.

Ein besonderes Sujet

Britta Orlowski hat für ihren Roman ein ganz wunderbares Sujet gewählt: Ein kleines Nest im Havelland Ende des 19. Jahrhunderts! Diese Gegend ist von den Schreibern historischer Romane bisher nur wenig bis gar nicht beachtet worden. Das Dorf Bützer ist nicht fiktiv sondern tatsächlich auf der Landkarte zu finden. Die Autorin selbst stammt aus Rathenow und kennt sich hier bestens aus. So sind ihr sehr lebendige Szenen aus dem Dorfleben und aus dem Leben in der Kleinstadt gelungen. Man spürt beim Lesen allerdings, dass sich Britta Orlowski nicht nur auf ihre Erfahrung verlassen kann, sondern auch sehr genau über die Orte recherchiert hat, an denen ihr Roman spielt. Es handelt sich hier nicht um einen Roman, der nur eine Liebes- und Krimigeschichte im historischen Mäntelchen erzählt.

Viele Details können nur in der Zeit Ende des 19. Jahrhunderts stattgefunden haben. Dennoch mutet ein Teil der Handlung sehr modern an und man fragt sich, ob junge Frauen im Jahre 1889 tatsächlich so gelebt haben könnten. Insbesondere die unkonventionelle Kräuterfrau Jordis bewegt den Leser zu solchen Fragen, aber auch die Hauptfigur Levke, die als minderjährige Witwe ganz allein lebt und kein anderes Problem zu haben scheint, als einen Bürgen für ihre Geldgeschäfte zu benötigen. Auch die Tatsache, dass Levke ganz selbstverständlich Fahrrad fährt, mit langem Kleid und ganz ohne Anfeindungen, zu einer Zeit, als Niederräder noch sehr teuer und Brandenburger Straßen richtig mies waren, erscheint im Jahre 1889 etwas unwahrscheinlich.

In Britta Orlowskis anderen Romanen spielt das Quilten eine große Rolle. Sie selbst ist begeisterte Quilterin und hat auch für Maistöcke einen sehr geschickten Weg gefunden, ihr Hobby mit einzuarbeiten. Quilten ist eine Handarbeit, die Levke nach Bützer mitbringt und mit der sie Interesse bei den anderen Frauen auslöst. So findet sie Freundinnen und bekommt Einblick in deren Familiengeschichte.

Spannende Story mit Schwung erzählt

Der Roman erzählt eigentlich viele Geschichten, die in der Handlung zusammenlaufen. Es gibt Morde, die aufgeklärt werden müssen. Es gibt eine Liebesgeschichte. Und es gibt ein Drama, das aus der Vergangenheit nachwirkt und alle Protagonisten beeinflusst. Der Autorin ist es gelungen, alles miteinander zu verweben, geradlinig zu erzählen und dabei einen Spannungsbogen aufzubauen, der über den ganzen Roman reicht. Sie schildert dabei ihre Protagonisten mit viel Liebe zum Detail und entwickelt für einige von ihnen tiefe, vielschichtige Charaktere. Allerdings gerät dabei ausgerechnet Hauptfigur Levke recht blass im Vergleich zu Silas oder Jordis. Und nicht immer erscheint das Rollenverhalten - insbesondere der Frauen - im historischen Sinne glaubhaft. Dennoch entsteht hier das sehr lebendige Genrebild eines Brandenburger Dorfes.

Dabei kommen auch die Emotionen nicht zu kurz und Britta Orlowski gelingt es, ihren Lesern Trauer und Schmerz ebenso zu vermitteln wie Zorn, Zuneigung oder zärtliche Gefühle.

Gelungenes Histo-Debüt

Maistöcke ist der erste historische Roman von Britta Orlowski und als ein solches Debut gut gelungen. Der Verlag bookshouse hat hier ein Cover gefunden, das sehr gut zum Inhalt des Romans passt, auch wenn es etwas überladen wirkt. Die Geschichte ist mit Schwung und Herzblut erzählt und ganz sicher gerade für Menschen, die im Havelland leben oder vielleicht dort Urlaub machen möchten, eine durchaus empfehlenswerte Lektüre. Man sollte auch dem Nachwort der Autorin Beachtung schenken, in dem sie über ihre Beziehung zu Bützer schreibt. Ein unterhaltsamer, spannender Roman, mit dem man ein paar nette Lesestunden verbringen kann.

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