Der dunkle Weg

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Diana, 2015, Titel: 'Der dunkle Weg', Originalausgabe

Couch-Wertung:

83
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Eva Schuster
Irlands dramatischer Kampf um Freiheit

Buch-Rezension von Eva Schuster Apr 2015

Dublin 1912: Die junge Hamburgerin Ida Martens besucht ihre irische Freundin Grace, mit der sie gemeinsam an der Slade School in London studiert hat. Geplant ist eigentlich nur ein Urlaub, bei dem Ida die Heimat ihrer Freundin kennenlernt. Doch Ida fühlt sich schnell wie zuhause in Irland. Sie zieht in ein eigenes kleines Zimmer, erhält Arbeit in einem Laden für Künstlerbedarf und widmet sich der Malerei.

Rasch lebt sie sich in Dublin ein und gewinnt neue Freunde. Zu ihren neuen Bekanntschaften gehört auch der Arzt Cian O'Connor, der sich seinen Mitmenschen gegenüber zwar meist sehr verschlossen gibt, sich gleichzeitig aber auch intensiv für die Armen einsetzt. Nach anfänglicher Distanz kommen sich Ida und Cian näher und entwickeln Gefühle füreinander.

Durch Grace und Cian kommt Ida mit der Bewegung der "Irish Volunteers" in Berührung, die für Irlands Unabhängigkeit von Großbritannien kämpfen. Ida kann sich gut mit diesen Zielen identifizieren und bietet der Bewegung ihre Hilfe an. Doch mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dem bevorstehenden Osteraufstand kündigen sich dunkle Wolken an, die Ida und ihre Freunde in große Gefahr bringen ...

Der dunkle Weg in die Freiheit

Der Osteraufstand von 1916, der Hunderte von Menschen das Leben kostete und zugleich den Wendepunkt auf Irlands Weg in die Unabhängigkeit einleitete, bildet den historischen Hintergrund für Susanne Gogas Roman. Auch wer sich bisher nicht mit Irlands Geschichte befasst hat, wird hier vor allem im zweiten Romanteil mit den zentralen Zusammenhängen vertraut gemacht.

Inmitten zahlreicher authentischer Figuren, darunter vor allem Grace Gifford und ihre Familie, ist die junge Hamburgerin Ida Martens ein fiktiver Charakter; gleichwohl gewinnt man beim Lesen den Eindruck, Idas Geschichte könnte sich tatsächlich genauso abgespielt haben. Die Autorin präsentiert ein eindringliches Porträt des Dublin des frühen 20. Jahrhunderts mit all seinen Facetten, den faszinierenden wie den weniger schönen. Ida begegnet herzlichen Menschen und fühlt sich wohl inmitten der starken, kämpferischen Iren, die der Kaufmannstochter eine völlig neue Welt eröffnen. Rasch erfährt sie aber auch die Schattenseiten Dublins, vor allem die bittere Armut in der Henrietta Street, in der sich im Schnitt mehr als fünfzig Menschen in Hunger und Krankheit ein Haus teilen müssen. Ida trägt ihren Teil zur Hilfe bei, indem sie in eindringlichen Bildern das Elend dieser Menschen festhält und veröffentlicht. Ebenso schnell begreift sie, wie wichtig den Republikanern die irische Unabhängigkeit ist und möchte auch hier ihren Teil beitragen.

Zugleich aber bleibt sie für viele Dubliner lange Zeit eine Deutsche, erst recht als der Erste Weltkrieg ausbricht und Deutschland und Großbritannien sich plötzlich als Feinde gegenüberstehen. Ida hält telefonischen und schriftlichen Kontakt zu ihren Eltern, die kein Verständnis für ihre Entscheidung aufbringen, sich in Dublin ein neues Leben aufzubauen. Ida ist von den ersten Seiten an ein sympathischer Charakter, dessen Weg man gebannt verfolgt. Ihre Gefühle sind stets nachvollziehbar, ihre Zerrissenheit reißt den Leser mit, egal ob es sich um ihren Zwiespalt zwischen deutscher Herkunft und neuer Heimat oder um ihre Liebe zu Cian O'Connor dreht.

Berührende, aber dezente Liebesgeschichte

Berührend und doch zugleich angenehm unkitschig wird die Liebesgeschichte zwischen Ida und Cian erzählt. Der engagierte Arzt erscheint anfangs spröde und unnahbar und stößt Ida einige Male gehörig vor den Kopf. Als Ida jedoch von seinem Engagement für die Ärmsten Dublins erfährt, wird ihr klar, dass er noch eine andere Seite haben muss. Die beiden nähern sich an und entwickeln zarte Gefühle füreinander, die in einer liebevollen Beziehung münden. Trotz ihrer Liebe füreinander ist es ein weiter Weg, bis Ida hinter Cians Fassade schauen darf und erfährt, warum er ein so angespanntes Verhältnis zu seinem Vater hat und was es mit seinem Bruder auf sich hat, über den er zunächst nicht sprechen möchte.

Die zweite Liebesgeschichte spielt sich zwischen Grace und Joseph "Joe" Plunkett ab. Sie wird freilich weniger ausführlich beleuchtet als Ida und Cian, basiert dafür aber auf wahren Begebenheiten. Die Liebesgeschichte zwischen Grace und Joe gab letztlich den Ausschlag dafür, dass die Autorin sich zu diesem Buch inspiriert fühlte, wie sie im Nachwort erläutert. Neben ihren Quellen präsentiert sie hier auch noch einen kurzen "Spaziergang durch Dublin", in dem sie die wichtigsten Schauplätze der Handlung in Fotos dokumentiert.

Dank der sorgfältigen Recherche, des flüssigen, souveränen Stils und der reizvollen Protagonisten bleibt kaum noch Raum für Schwächen in Der dunkle Weg. Bemängeln kann man allenfalls, dass Grace' Familie noch mehr hätte thematisiert werden können. Grace' Mutter begegnet Ida eher kühl, was aber nur knapp erwähnt wird; Grace' Schwester Sidney arbeitete als Journalistin und lässt sich seither nur mit John Brennan anreden gerade über sie würde man gerne noch etwas mehr lesen.

Als Fazit bleibt ein bewegender, sehr flüssig geschriebener Roman, der sich intensiv mit Dublins Geschichte befasst und neben allem geschilderten Elend auch zwei anrührende Liebesgeschichten erzählt. Ein überwiegend melancholisches Werk, das aber zumindest am Ende auch einen kleinen Hoffnungsschimmer bereithält. 

Der dunkle Weg

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