Alles, was die Zeit vergisst

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Limes, 2010, Titel: 'Dime quién soy', Originalausgabe

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Almut Oetjen
Erzähl mir, wer ich bin

Buch-Rezension von Almut Oetjen Mär 2015

Der Journalist Guillermo Albi kommt finanziell gerade über die Runden. Eines Tages unterbreitet ihm seine Tante ein Angebot: er soll die Lebensgeschichte seiner Urgroßmutter Amelia Garayoa recherchieren. Die vorliegenden Informationen über sie sind vage. Amelia verließ in den 1930er Jahren ihren Ehemann und das gemeinsame Kind, um mit dem französischen Kommunisten Pierre in Lateinamerika ein neues Leben zu beginnen. Guillermo begibt sich auf die schwierige Spurensuche...

Das Leben als durchgehende Tragödie

Guillermo setzt Amelias unglaubliche Biographie als Liebesgeschichte einer Frau zu ihrem Land, ihrer Nation und einer Reihe von Männern zusammen, die sie für politische Ziele benutzten. Im Verlauf der Gespräche, die Guillermo mit Zeitzeugen führt, wird Amelias tragisches Leben offenbart.

Julia Navarro entwickelt mit Amelia einen weiblichen Engel des Lichts, der unbeirrbar an die große Liebe glaubt und auf ihrer großen Liebesfahrt an die geschichtsträchtigen Orte des zwanzigsten Jahrhunderts kommt und dort ihre Spuren hinterlässt. Ähnlich wie Satan bei den Rolling Stones, ist sie überall dabei, erlebt den Spanischen Bürgerkrieg, die Sowjetunion mit stalinistischen Repressionen und Säuberungen, den Nationalsozialismus, die Deutsche Demokratische Republik, bis 1989 die Mauer fällt. Sie hat überall ihre Finger im Spiel und wird bei alledem erst physisch, später dann im Herzen begleitet von ihrer großen Lebensliebe Pierre.

Indem Amelia Zeugin historischer Ereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts wird und Guillermo ihren Spuren folgt, kann er auf eine andere Weise Zeuge werden: wie diese Ereignisse von Menschen erlebt wurden, wie Menschen sich daran erinnern, was sie vergessen oder verdrängt haben.

Navarros Ansatz besticht, weil er erlaubt, historische Ereignisse in eben dieser Qualität zu reflektieren. Ein Problem dabei ist jedoch, die Rekonstruktion der Geschichte Amelias chronologisch vorzunehmen und dabei mit einer Intensität Details zu referieren, die die Frage aufkommen lassen, um den deutschen Titel zu bemühen, was man alles vergisst wo doch alles bis hin zu kleineren Handlungen und ausführlichen Gesprächswiedergaben referiert wird.

Die Entscheidungen Amelias mögen bisweilen nicht nachvollziehbar sein, die konsequente Motivierung wäre eine Konstruktion im Nachhinein. Dennoch bekommt Guillermo sehr viel heraus, nahezu alles, was einen Beitrag zu seinem Untersuchungsgegenstand liefert.

Das Gedächtnis einer beinahe Hundertjährigen

Es ist mitunter schon etwas seltsam, dass jemand kurz vor Abschluss der hundert Lebensjahre die vollkommene Erinnerung an Ereignisse und Gespräche hat, gelegentlich sogar an Gespräche in einer ihm fremden Sprache. Auch ist es eher amüsant, wenn sich eine Person an einen längeren Dialog wortgenau erinnert, den sie als kleines Kind mitbekommen hat. Eine alte Frau erinnert sich im Detail an ein Gespräch, bei dem sie gar nicht zugegen war. Aber vielleicht soll das ja ein impliziter Beitrag zur Erinnerung sein.

Guillermo wird uns zwar als sehr guter Journalist präsentiert, dessen Fähigkeiten nicht von allen anerkannt werden. Aber im Roman ist er jemand, der sich in den Kulissen bewegt und Informationen präsentiert bekommt, wobei ihm durch den aktuellen Kontakt oft genug der nächste vermittelt wird. Sehr gut gelingt Navarro die Figurencharakterisierung in der Vergangenheit mit Amelia und in der Gegenwart mit Guillermo. Gut gemacht ist auch, wie Guillermo die Leser durch die Erzählung führt, ohne ihnen im Wissen voraus zu sein. Da Navarro alles ausbuchstabiert, stellt der Roman inhaltlich keine hohen Ansprüche an die Leser. Er gehört in die wachsende Gruppe spanischer Gegenwartsliteratur, in der die Vergangenheit untersucht wird am Beispiel einer einzelnen Person, in Verbindung mit der Biographie dieser Person und als Beitrag zur Geschichte von unten.

Rahmenhandlung

Es gibt eine Rahmenhandlung als Gegenwartserzählung, in die die Informationen aus der Vergangenheit Amelias eingearbeitet werden: Zeitzeugen erzählen die Vergangenheit, durch die mündliche Überlieferung entsteht Oral History. Ergänzend hinzu kommen unter anderem Tagebucheinträge und Ausschnitte aus einer Biographie. Für heute seltsam ist es, dass der Journalist keine neuen Medien nutzt, um Inhalte zu überprüfen oder Informationen zu recherchieren.

Die Mutter des Journalisten dürfte nicht zuletzt aufgrund ihrer Lästigkeit in Wiederholungen für manche Leserinnen zur Herausforderung werden. Der Roman liest sich zumeist flüssig, bisweilen zäh. Er gerät nicht selten ins didaktische Fahrwasser, besonders in einigen Dialogen über Politik.

Memoiren eines Jahrhunderts

Die frühere Journalistin Julia Navarro erzählt, etwas schräg ausgedrückt, die Memoiren eines Jahrhunderts. Alles, was die Zeit vergisst ist ein im Umfang und Inhalt epischer Roman mit einer weiblichen Heldenfigur, die in Erinnerungen durch Zeitzeugen nach und nach entwickelt wird, wobei zugleich ein Geschichtsbild des zwanzigsten Jahrhunderts entsteht.

Alles, was die Zeit vergisst

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