Donaunebel

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Querverlag, 2015, Titel: 'Donaunebel', Originalausgabe

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Annette Gloser
Eine unheilbare Krankheit

Buch-Rezension von Annette Gloser Mär 2015

Als Theo Brunner im November 1914 in Wien vor die Musterungskommission tritt, gibt es einen saftigen Skandal. Denn der junge Mann muss trotz seiner Proteste die Hosen runter lassen und entpuppt sich dabei als junge Frau im Herrenanzug. Für Theo völlig normal, sie ist als Junge aufgewachsen. Für die Herren in der Musterungskommission ein Unding, ein schweres kriminelles Delikt mit weitreichenden Folgen für die junge Frau. Sie verliert ihre Arbeit in einem Bestattungsunternehmen und nur mit viel Glück findet sie eine neue. Aber Theo ist eine Optimistin, sie nimmt das Leben, wie es kommt und genießt auch die Zuwendung, die der fesche junge Mann Theo Brunner von der Damenwelt bekommt. Aber eine wirklich feste Beziehung, davon kann Theo nur träumen. Denken doch die Frauen, dass sie sich in einen Mann verliebt hätten. Und darum beendet Theo jede Beziehung bevor es "ans Eingemachte" geht und herauskommen kann, dass der Theo mit den guten Manieren in Wirklichkeit eine Theodora ist. Und sexuelle Beziehungen zwischen Frauen werden in Österreich hart bestraft. Für Theo ist das bitter, denn sie sehnt sich nach Liebe. Als sie eines Tages die verzweifelte junge Russin Aglaja trifft, wird das für die beiden Frauen zum Schicksalstag.

Zwei liebenswerte junge Frauen

Stefanie Zesewitz führt ihre Leser in Donaunebel zurück nach Wien während des Ersten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit bis 1920. Ein weiterer Handlungsstrang des Romans bis zum November 1917 spielt in Russland, da Aglaja, die zweite Heldin des Romans, aus einer aristokratischen Petersburger Familie stammt. Allerdings ist der Handlungsraum des Romans überwiegend auf die Familien und die Privatsphäre begrenzt, vor allem bei Familie Brunner in Wien. Dennoch spielen natürlich die wichtigen historischen Ereignisse der Zeit in den Roman hinein. Aglaja verliert durch die Oktoberrevolution ihre Familie, Theo muss immer wieder kriegsverletzte Soldaten auf die Bestattung vorbereiten und erkrankt wie Millionen andere an der Spanischen Grippe. Die Autorin hat jedoch darauf verzichtet, das kaiserliche Wien vorzuführen oder den Glanz der Zarenpaläste. Sie erzählt ihre Geschichte, zum großen Teil begrenzt auf die kleine Wohnung der Brunners und die Arbeitsräume Theos. So entsteht eine sehr dichte Atmosphäre und man hat als Leser die Möglichkeit, sich ausgesprochen intensiv in die Hauptgestalten des Romans einzufühlen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man bereit ist, das etwas gewagte Konstrukt um Theos Geschichte zu akzeptieren. Es scheint ein wenig unwahrscheinlich, aber letztendlich ist die Geschichte, die sich daraus entwickelt, glaubhaft und tief berührend. Stefanie Zesewitz erzählt mit einfachen Worten und viel Empathie für ihre Protagonistinnen. Theo und Aglaja sind liebenswerte und sympathische junge Frauen, die das Herz auf dem rechten Fleck haben und denen man alles Glück dieser Welt gönnen möchte.

Irrtum und Wissenschaft

Ein bekannter Psychologe, der Begründer der Tiefenpsychologie Alfred Adler, hat eine nicht unbedeutende Nebenrolle in diesem Roman erhalten. Allerdings könnte man sein Wirken mit den Worten eines bekannten deutschen Kabarettisten beschreiben: "Wissenschaft ist immer nur der aktuelle Stand des Irrtums!". Dieser ausgesprochen wohlmeinende und durchaus liebenswürdige Herr im weißen Kittel wird regelrecht zum Folterknecht an Theo. Der Anspruch, Homosexualität heilen zu wollen, heilen zu können, erscheint mit dem heutigen Wissensstand einfach nur lächerlich und irgendwie auch tragisch. Und so sehr man beim Lesen die arme Theo auch bedauert, so muss man sich doch oft genug das Lachen verbeißen, wenn Dr. Adler seine Theorien zum Besten gibt und im Brustton der Überzeugung Verhaltensmaßregeln für Weiblichkeit aufstellt. Immerhin jedoch ist er derjenige, der Theo nicht von vornherein als kriminell abstempelt. Und so steht er stellvertretend für viele seiner Zunft, die am Anfang des 20. Jahrhunderts begannen, sich mit Sexualität und all ihren Spielarten auseinander zu setzen, und die letztendlich die ersten Schritte auf jenem Weg gemacht haben, der homosexuelle Menschen aus dem kriminellen Abseits in die Zeit der zunehmenden Akzeptanz geführt hat.

Es dauert ein paar Seiten bis die Romanhandlung so richtig losgeht, aber Stefanie Zesewitz versteht es, einen Spannungsbogen aufzubauen und bis zum Ende eines Romans auch zu halten. Sie erzählt mit vielen kleinen Details, die darauf schließen lassen, dass umfassend recherchiert wurde. Das betrifft sowohl Theos Arbeit als Bestatterin als auch das Leben Aglajas in Russland. 

Harte Zeiten für die Liebe

Donaunebel ist ein spannender und einfühlsam geschriebener Roman über die Liebe zwischen zwei Frauen in einer Zeit, als so eine Liebe noch als ungeheuerlich galt. Hier hat man eine packende Geschichte vor sich, mit Engagement und Verve erzählt, mit sympathischen Heldinnen und Helden sowie ein paar ausgesprochen unsympathischen Zeitgenossen. Offenbar hat der Querverlag mit Stefanie Zesewitz eine Autorin gewonnen, die ihr Handwerk versteht und von der man sich noch viele weitere Romane in dieser Qualität wünscht. Donaunebel verdient jedenfalls eine uneingeschränkte Leseempfehlung!

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