Die Magie der kleinen Dinge

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Limes, 2014, Titel: 'The Miniaturist', Originalausgabe

Couch-Wertung:

80

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Eva Schuster
Eine Welt voller Geheimnisse im 17. Jahrhundert

Buch-Rezension von Eva Schuster Mär 2015

Amsterdam 1686: Die achtzehnjährige Nella Oortman stammt aus einer einst angesehen Familie, die jedoch inzwischen verarmt ist. Umso glücklicher kann sie sich schätzen, dass der reiche Handelsmann Johannes Brandt sie zur Frau nimmt - auch, wenn Johannes deutlich älter ist als sie und es keine Liebesheirat ist.

In ihrem neuen Zuhause in Amsterdam erhält Nella jedoch einen sehr frostigen Empfang. Da Johannes noch auf Reisen ist, wird Nella von seiner Schwester Marin begrüßt. Marin verhält sich sehr reserviert gegenüber ihrer Schwägerin; sie scheint die Hochzeit zu missbilligen.

Johannes verhält sich freundlicher gegenüber seiner Ehefrau. Doch er ist oft geschäftlich unterwegs und arbeitet bis spät in die Nacht hinein. Als kleine Aufmunterung schenkt er Nella ein aufwändig gestaltetes Puppenhaus, die exakte Nachbildung ihres neuen Zuhauses. Zu ihrer Überraschung erhält Nella regelmäßig verblüffend gut getroffene Miniaturen für das Haus, Möbelstücke oder Nachbildungen der Bewohner. Beigelegt sind rätselhafte Hinweise, die auf dunkle Geheimnisse der Hausbewohner hindeuten. Schon bald merkt Nella, dass jeder um sie herum etwas zu verbergen hat ...

Sympathische Protagonistin zwischen Historie, Spannung und ein wenig Mystik

Bisher arbeitete die Britin Jessie Burton als Schauspielerin, jetzt hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht - ein Debüt, das international für Begeisterung sorgte und dessen Rechte gleich an 32 Länder verkauft wurden. Historie, Spannung und ein Hauch von Mystik treffen in Die Magie der kleinen Dinge aufeinander und vereinen sich zu einem lesenswerten Werk, das zum Eintauchen ins späte 17. Jahrhundert einlädt. Protagonistin Nella ist eine gelungene Hauptfigur, mit der sich der Leser gut identifizieren kann. Ihre Ängste und Nöte sind nur allzu verständlich: Ihr deutlich älterer Ehemann ist für sie noch ein Fremder, von seinem Tagesgeschäft hat sie nicht viel Ahnung, sie hat keine Freunde in Amsterdam und fühlt sich in ihrem neuen Heim zunächst ausgesprochen unwohl. Nella bemüht sich, Haltung zu bewahren und das Beste aus ihrer Situation zu machen. Ihre Verunsicherung ist stets nachvollziehbar, ihr Verhalten wirkt authentisch. Sie ist nicht völlig verhuscht und wird nach und nach aktiver; zugleich wird sie jedoch nicht zu forsch dargestellt. Nellas Wissen entspricht dem des Lesers; gemeinsam mit ihr entdeckt man die Geheimnisse des Hauses Brandt und lugt mehr und mehr hinter die Fassade.

Der Roman lässt sich Zeit bei der Entwicklung seiner Handlung. Erst nach gut 50 Seiten erhält Nella das Puppenhaus; der Anfang ist ganz darauf ausgerichtet, die bedrückende Atmosphäre im Amsterdamer Anwesen zu schildern und mit den Figuren vertraut zu machen. Etwa nach dem ersten Drittel nimmt das Buch an Fahrt auf. Nella kommt hinter das erste große Geheimnis, das einige Dinge in anderem Licht erscheinen lässt. Vor allem im letzten Drittel ist der kriminalistische Anteil dominant, die Ereignisse überschlagen sich und gleich mehrere wichtige Charaktere schweben in großer Gefahr. Bis dahin steht der Roman allerdings weniger für temporeiche Darstellungen. Der Fokus liegt auf unheilvollen Andeutungen durch die Miniaturen und die Hinweise, auf Nellas Suche nach dem Schöpfer dieser Gegenstände, der das Haus und dessen Bewohner bis in kleinste Details zu kennen scheint sowie auf Nellas Versuch, sich in ihrem neuen Lebensumfeld zurechtzufinden.

Reizvolle Charaktere

Unter den Figuren ist besonders Marin hervorzuheben. Johannes Brandts jüngere Schwester ist unverheiratet und hält aufgrund seiner häufigen Abwesenheit die Fäden im Haus in der Hand. Sie begegnet Nella zunächst abwesend, beinah feindselig und erweckt den Eindruck einer Antagonistin. Allmählich aber wird ihr strenger Charakter dezent aufgelockert; es gibt Einblicke in eine freundlichere Seite und es kommt zu einer Annäherung zwischen Nella und Marin. Schrittweise können sowohl Nella als auch der Leser hinter Marins kühle Fassade blicken. Dabei verläuft diese Entwicklung sehr behutsam und wirkt immer glaubwürdig; Marin vollzieht keine extremen Wendungen, sondern präsentiert nur nach und nach mehr Facetten, die sie zu einer ausgesprochen interessanten Gestalt machen. Nellas Gatte erscheint hingegen nicht kalt wie Marin, aber als schwer einschätzbar. Es ist nicht unfreundlich gegenüber Nella, aber meist kurz angebunden und man rätselt, was genau er in seiner jungen Frau überhaupt sieht.

Von ganz anderer Natur ist Cornelia, das kecke Dienstmädchen, das für diverse humorvolle Szenen verantwortlich ist. Die liebenswerte, temperamentvolle Cornelia nimmt sich für ihre Stellung Freiheiten heraus, die Nella von Hausmädchen nicht gewohnt ist; Cornelia bringt Herzlichkeit ins Haus, verunsichert die junge Frau aber bisweilen auch durch ihre neugierige und wissende Art. Schließlich ist da noch Johannes Diener Otto, ein ehemaliger Sklave, der ihm treu zur Seite steht. Johannes ist seiner Zeit voraus, bringt Otto Respekt entgegen, während der dunkelhäutige Mann von vielen seiner Geschäftskollegen misstrauisch beäugt wird. Der schweigsame Diener ist auch für Nella ein ungewohnter Anblick, doch er bietet einen ergänzenden Gegenpol zur vorwitzigen Cornelia. Komplex und geheimnisvoll erscheinen die Romancharaktere; Nella ergründet sie nur langsam und in diesem Prozess des Kennenlernens und Durchschauens liegt ein großer Teil der Spannung begründet.

Die Magie der kleinen Dinge ist kein leichter Roman, sondern in vielen Belangen von Melancholie geprägt. Aus machen Szenen spricht Hoffnung, allerdings gibt es auch dramatische und traurige Ereignisse. Wer ein Wohlfühlbuch sucht, bei dem sich alles zum Guten wendet, wird mit Jessie Burtons Debüt nicht glücklich werden. Am Ende bleiben durchaus einige Fragen, die Gerechtigkeit siegt nicht auf allen Ebenen und der Schluss kommt vielleicht auch etwas zu plötzlich und knapp angesichts der langen Vorbereitung. Empfehlenswert ist der Roman hingegen für alle Leser, die sich für facettenreiche, schwer durchschaubare Charaktere und schwermütige Stimmungen interessieren. 

Die Magie der kleinen Dinge

Die Magie der kleinen Dinge

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Letzte Kommentare:
30.01.2018 00:19:07
Hugo Furtweiler

Eigentlich hat mir der Roman gut gefallen, auch wenn ich die Sprache anfangs ein bisschen steif fand...
Aber leider baut die Autorin einen Spannungsbogen auf, der dann in sich zusammfällt. Das große Rätsel, das wirklich toll und spannend aufgebaut wird, wird nicht gelöst oder erklärt.
Das ist richtig frustrierend!