Die geheimen Worte

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Diana, 2015, Titel: 'Die geheimen Worte', Originalausgabe

Couch-Wertung:

83
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Rita Dell'Agnese
Zwei Generationen Frauen kämpfen um ein selbstbestimmtes Leben

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Mär 2015

Sophie ist verliebt. Die lebenshungrige, junge Frau aus Bad Kreuznach hat den Briten James Bennet kennen gelernt. Obwohl eine Liaison der Arzttochter mit dem Kurgast bei der in starren Ansicht verharrenden Gesellschaft Mitte des 19. Jahrhunderts zunächst als undenkbar gesehen wird, macht sich Sophie Hoffnungen. Immerhin scheint Bennet ihr den Hof zu machen. Doch da ist auch noch Anne, Sophies ältere Schwester, die in ihrer Art so ganz anders ist. Während Sophie temperamentvoll auf ein selbstbestimmtes Leben hin steuert, scheint Anne in der Ehe mit einem soliden, wenn auch wenig aktiven Arztes aufzugehen und auch ihre Mutterrolle zu genießen. Bis sie dem Engländer begegnet, der es ihrer Schwester so angetan hat. Gegen ihren Willen verliebt sich Anne und stellt alles, was ihr Leben bisher ausgemacht hat, in Frage. Sophie spürt die unerwünschte Konkurrenz und stellt James Bennet vor die Wahl. Die Situation eskaliert.

80 Jahre später kämpft erneut eine junge Frau um ein selbstbestimmtes Leben. Marlene soll ihren Jugendfreund heiraten. Bei der Verlobungsfeier wird ihr jedoch bewusst, dass sie mehr vom Leben erwartet. In der Figur des Künstlers Adrian Nussbaum sieht sie ihre Träume umgesetzt. Marlene verlässt ihr Elternhaus und schließt sich der Gruppe um Adrian an, um in einer Wohngemeinschaft ihre neue politische Einstellung zu leben. Doch Marlene hat nicht mit den Umbrüchen gerechnet, die diese Jahre mit sich bringen. Als die Wirtschaftslage immer schlimmer wird, muss sie erkennen, dass ein selbstbestimmtes Leben auch bedeutet, sich selber über Wasser zu halten. Als ihre Mutter Marlene ein kleines Buch zusteckt, in dem die Geschichte einer jungen, unglücklich verliebten Frau zu finden ist, beginnt Sophie, sich mit ihrer Familiengeschichte auseinander zu setzen und erfährt Erstaunliches.

Wenig miteinander gemein

Die Autorin Rebecca Martin präsentiert in ihrem Roman Die geheimen Worte erneut eine Geschichte, die auf mehreren Zeitebenen angesiedelt ist. Anders als bei vielen ähnlich gelagerten Romanen, hat sich die Autorin aber nicht für eine Handlung in der Jetzt-Zeit entschieden, sondern entführt ihre Leserinnen und Leser in zwei verschiedene Jahrzehnte der Vergangenheit. Das ermöglicht ihr, die gesellschaftliche Entwicklung von der Mitte des 19. bis hin zu den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg darzustellen. Doch ist diese historische Komponente zunächst das Einzige, das die beiden Handlungsstränge gemein zu haben scheinen. Es ist über eine längere Zeit hinweg nicht ersichtlich, in welchem Zusammenhang Sophie und Marlene stehen. Das führt jedoch dazu, dass es für die Leserinnen und Leser nicht ganz einfach ist, sich nach einem Zeitsprung auf den jeweiligen Erzählstrang einzulassen. Die beiden Stränge stehen in einer Konkurrenz zueinander, jeder für sich birgt ein großes Potential und hätte die Verknüpfung mit der zweiten Zeitebene nicht nötig, um das Publikum mitreißen zu können.

Intensive Auseinandersetzung

Geht man den beiden Geschichten auf den Grund, wird man entdecken, dass Rebecca Martin sich intensiv mit der jeweiligen gesellschaftlichen Situation auseinander gesetzt hat und ihre Recherchen geschickt in die Handlung einbaut. Ob es nun die Zeit Mitte des 19. Jahrhunderts ist oder die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts: Feinfühlig nimmt die Autorin die Strömungen auf und beschreibt quasi nebenher die Einschränkungen, mit denen die jungen Frauen alleine aufgrund ihres Geschlechts konfrontiert waren. Sichtbar wird auch der Lebenshunger, der Sophie, Marlene und sogar die nüchterne Anne ganz nahe an die jungen Frauen der heutigen Generation rücken lässt. Stimmig schließlich ist die Ausgestaltung der Charaktere selber: Alle drei Protagonistinnen reagieren so, wie man es von ihnen angesichts ihrer jeweiligen Lebenslage erwarten darf. Das macht den Roman zu etwas Besonderem, auch wenn der Plot da und dort ein paar Hänger aufweist und die Spannung etwas nachlässt.

Viele Fragen offen

Letztlich löst Rebecca Martin zwar auf, wie Sophie und Marlene zusammen hängen, doch bleiben nach der Lektüre viele Fragen offen. Das Ende könnte Hinweis auf eine Fortsetzung sein, doch würde dies dem bisherigen Konzept von Rebecca Martin widersprechen. Vor diesem Hintergrund stellt sich jedoch die Frage, weshalb die Autorin ihre Leserinnen mit verschiedenen ungeklärten Situationen zurück lässt. Sieht man davon ab, bleibt unter dem Strich ein unterhaltsamer Roman, der nicht mit Tempo, aber mit Atmosphäre punkten kann. Rebecca Martin beweist einmal mehr, dass sie nicht nur eine schöne Sprache, sondern auch Erzähltalent hat.

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