1815 - Blutfrieden

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Droemer-Knaur, 2015, Titel: '1813 - Blutfrieden', Originalausgabe

Couch-Wertung:

98
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Eva Schuster
Packendes Porträt der Zeit zwischen der Völkerschlacht und Waterloo

Rezension von Eva Schuster Mär 2015

Deutschland im Herbst 1813: Napoleons Soldaten werden in der Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen, der Jubel und die Erleichterung in der Bevölkerung sind groß. Doch wer glaubte, dass nun endlich der Frieden einkehrt, sieht sich getäuscht. Napoleons Grande Armée hinterlässt auf ihrem Rückzug eine Spur von Verwüstung im Land; Krankheit, Hunger und Armut sorgen für bitteres Leid.

Die junge Henriette Gerlach hat aus Scham über ein unredliches Verhältnis mit einem Franzosen Onkel und Tante in Freiberg verlassen. Ihr Weg führte sie nach Leipzig, wo sie nun im Lazarett unter elenden Bedingungen bei der Pflege der Verwundeten hilft. Überraschend trifft sie hier wieder auf den preußischen Premierleutnant Maximilian von Trepte, den sie vor einigen Monaten in Freiberg gesund pflegte.

Maximilian bietet Henriette ein Verlöbnis an, das ihr bessere Bedingungen in Leipzig zusichern soll. Zugleich erhofft er sich, dass sie ähnlich empfindet wie er und bald für eine Hochzeit bereit sein wird. Henriette ist zerrissen sie erkennt ihre Gefühle für Maximilian, fürchtet aber seine Reaktion, wenn er von ihrem Verhältnis mit dem Franzosen erfährt. Während Maximilian weiterziehen muss, spitzt sich die verzweifelte Lage in Leipzig immer weiter zu. Als sich der Typhus immer weiter ausbreitet, sieht sich Henriette gezwungen, die Stadt zu verlassen &

Von Leipzig nach Waterloo

Sabine Eberts monumentales Epos 1813 Kriegsfeuer anlässlich der Zweihundertjahrfeier zur Völkerschlacht von Leipzig sorgte für Furore. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen an den nicht weniger umfangreichen Nachfolger 1815 - Blutfrieden, der sich als erneute Meisterleistung präsentiert.

Anders als man vermuten könnte, steht nicht die berühmte Schlacht von Waterloo im Fokus des Romans. Ansinnen der Autorin war es nicht, den unzähligen Werken über jenes Thema ein weiteres hinzuzufügen. Stattdessen konzentriert sich Sabine Ebert auf die deutlich weniger populäre Zeit zwischen 1813 und 1815, die mit dem Sieg der Alliierten bei Leipzig eingeläutet wird. Über 50.000 Seiten an Quellenmaterial in Form von Tagebüchern, Zeitungen, Briefen, Berichten und Fachbüchern liegen diesen Ausführungen zugrunde, die weit mehr als nur Kulisse für bewegende Protagonistenschicksale sind. Sabine Ebert gewährt in einem engagierten Antikriegs-Plädoyer auch dem laienhaften Leser Einblicke in eine wichtige und doch kaum beachtete Zeitspanne deutscher Geschichte.

Die Handlung von 1815 schließt nahtlos an den Vorgängerband an und ruft en passant immer wieder zentrale Ereignisse aus jenem Werk in Erinnerung, sodass der Leser nicht in 1813 blättern muss, um den Geschehnissen folgen zu können. Leipzig, Erfurt, Halle, Berlin, Frankfurt und Hanau sind einige der wichtigsten Stationen, die im Laufe der Lektüre passiert werden. Ein markanter Fokus liegt dabei auf dem Elend in Leipzig, das durch Hunger, Armut, Krankheit und Tod bestimmt ist. Deutlich, doch nicht plakativ und ohne falsches Pathos führt Sabine Ebert insbesondere die entsetzlichen Bedingungen in den Lazaretten vor Augen. Ärzte amputieren ohne jegliche Betäubung den Schwerverwundeten ihre Gliedmaßen, Verletzungen ziehen Wundbrand nach sich, Männer jeden Alters liegen mangels Stroh auf dem kalten Boden und die barmherzigen Helferinnen können zumeist kaum mehr leisten, als den Sterbenden einen letzten Trost zuzusprechen.

Reizvolle Hauptfiguren

Sehr ausgewogen ist das Verhältnis zwischen militärischen Belangen, Kriegsschauplätzen und Herrscherverhandlungen auf der einen und Erlebnissen der fiktiven Figuren auf der anderen Seite. Henriette Gerlach, Maximilian Trepte und Felix Zeidler sind drei jener fiktiven Gestalten, die stellvertretend den Menschen dieser Zeit ein Gesicht geben. Henriette, genannt Jette, ist eine junge Frau, die in den Zeiten höchster Not über sich hinaus wächst. Aus Mitleid gibt sie sich dem Seconde-Lieutnant Etienne hin, der bald darauf in ihren Armen stirbt und dessen Kind sie verliert. Henriette ist nunmehr davon überzeugt, dass ihre Familie in Freiberg sie verstoßen wird, da sie sich mit dem Feind eingelassen hat. In Leipzig erwartet sie, früher oder später den Tod zu finden; stattdessen wird sie zu einem der barmherzigen Lazarettengel, der den Verwundeten und Sterbenden einen Hauch Hoffnung und Menschlichkeit in all dem Grauen schenkt. Besonders eindrucksvoll ist Jettes Auftritt im Berliner Salon: Während die anderen Damen holprige Verse vortragen und sich gegenseitig beklatschen, liest Henriette eine schonungslose Geschichte über das Lazarett in der Thomaskirche und das unvorstellbare Leid der Männer vor. Dieses Elend hat Jette schon lange gelehrt, allen Soldaten Mitgefühl zu schenken, auch den Franzosen. Diese Einstellung ist indessen gefährlich; Jettes Bereitschaft, auch französische Soldaten hingebungsvoll zu versorgen und ihre Verteidigung der französischen Kultur bringen ihr in Frankfurt den halb spöttische, halb ernsthaften Vorwurf ein, eine Bonapartistin zu sein.

Henriettes Ängste und Nöte, ihre aufkeimenden Gefühle für Maximilian Trepte sowie die Furcht, dass er sie verachten könnte, wenn er von ihrer Vergangenheit erfährt, werden anschaulich geschildert und ziehen den Leser in seinen Bann. Intensiv leidet man mit diesen beiden Liebenden, ohne Gewissheit zu haben, ob ihnen ein glückliches Ende beschieden sein wird.

Eine Figur zum Mitfiebern ist auch Felix Zeidler. Der Bergstudent aus Anhalt-Köthen hat sich als Freiwilliger im Korps Yorck gemeldet. Henriette und er reisten gemeinsam als vorgebliches Geschwisterpaar nach Leipzig, ehe er zur Truppe aufbrach; während Henriette an ihn wie einen brüderlichen Freunde denkt, ahnt sie nicht, dass Felix schon lange sein Herz an sie verloren hat. So sind es denn auch ausgesprochen gemischte Gefühle, die Jettes Briefe bei Felix auslösen: Einerseits will er sie glücklich wissen und versucht ihr das Wiedersehen mit Maximilian Trepte zu gönnen, andererseits versinkt er mehr und mehr in Schwermut, da er nun alle Hoffnungen auf ihre Liebe begraben sieht.

Imposante Ausstattung

Angereichert wird der Inhalt durch die umfangreiche Ausstattung: In dem Umschlag verbergen sich ein Poster zur Schlacht bei Waterloo sowie eine Übersichtskarte zur Aufteilung Europas nach dem Wiener Kongress, zwei Karten im Buchinnern illustrieren den Vormarsch der Alliierten bis zur Rheinüberquerung und den Feldzug in Frankreich 1814, für einen guten Überblick zu den zahlreichen Figuren sorgt eine Aufstellung der wichtigsten handelnden Personen mit Kennzeichnung der historischen Persönlichkeiten und ein Glossar klärt zentrale geschichtliche und militärische Begriffe. Wünschenswert wäre hier nur noch eine Zeitleiste gewesen, um die Fülle an Ereignissen nochmals für den Leser in kompakter Form zu bündeln.

Auch inhaltlich ist das Werk kaum zu kritisieren. Konzentration wird beim Leser zwar vorausgesetzt, um all den politischen Entwicklungen zu folgen, aber trocken werden diese Ausführungen bei aller Detailliertheit nie. Ein kleines Manko mag die etwas zu plakative Darstellung Friedrich August I., König von Sachsen sein. Vor allem in der Begegnung mit dem König von Preußen werden die Gegensätze zwischen den beiden Männern ein wenig zu demonstrativ herausgestellt, wo etwas mehr Subtilität schön gewesen wäre.

Als Fazit bleibt ein beeindruckendes Historienepos, das ein wenig beleuchtetes Kapitel deutscher Geschichte anschaulich illustriert und Interesse an einer näheren Auseinandersetzung weckt. Der Fortsetzungsband wird den hohen Erwartungen, die 1813 geweckt hat, in jeder Hinsicht gerecht und schenkt viele Stunden fesselndes und emotionales Lesevergnügen. 

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