Die Fährte der Wölfe

  • Gmeiner
  • Erschienen: Januar 2015
  • Gmeiner, 2015, Titel: 'Die Fährte der Wölfe', Originalausgabe
Die Fährte der Wölfe
Die Fährte der Wölfe
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Eva Schuster
75

Histo-Couch Rezension vonMär 2015

Kurzweiliger Kriminalfall für Bruder Hilpert und Vogt Berengar

Tauberfranken im Dezember 1423: Eigentlich plante Bruder Hilpert, Bibliothekar des Zisterzienserklosters Maulbronn und Hobbydetektiv, nur einen kurzen Besuch im Kloster Bronnbach im Taubertal. Gerade als er abreisen will, erfährt er, dass seine kriminalistischen Fähigkeiten dringend benötigt werden: Arnold von Stettenberg, Herr der nah gelegenen Gamburg, wurde lebensgefährlich verletzt.

Zufällig ist Arnold von Stettenberg ein Vetter von Berengar von Gamburg, Vogt des Grafen von Wertheim und Bruder Hilperts bester Freund. Anlässlich Arnold von Stettenbergs Geburtstag trafen sich er und weitere Familienmitglieder auf der Gamburg, ehe es offenbar zu einer schrecklichen Wolfsattacke auf den Burgherrn kam.

Bruder Hilpert und Berengar erkennen aber schnell, dass es sich mitnichten um einen gewöhnlichen Wolfsangriff handelt. Anscheinend besteht ein Zusammenhang zwischen dem Angriff auf Arnold und weiteren grausamen Vorfällen: Vor kurzem wurde der Kastellan der Burg ermordet in der Tauber aufgefunden, die Gebeine von Arnolds Vater wurden ausgegraben und den Schweinen auf dem Dorfanger zum Fraß vorgeworfen. Schließlich stirbt ein weiteres Familienmitglied der von Stettenbergs durch einen Anschlag. Bruder Hilpert und Berengar kommen einem düsteren Familiengeheimnis auf die Spur ...

Der Wolf geht um im Taubertal

Zum sechsten Mal treten mit diesem Fall Bruder Hilpert und sein Freund Berengar als ungewöhnliches Ermittler-Duo in Erscheinung. Der Klappentext verspricht viel, kündet er doch von einem Verbrechen, wie es in den Annalen von Bruder Hilperts und Berengars sechs gelösten Fällen bislang nicht vorgekommen ist.

Gewiss geht es grausam und blutig zu, doch allzu viel Originalität sollte der Leser nicht erwarten. Die Zutaten dieses historischen Krimis sind doch eher traditionell geraten: Ein dunkles Familiengeheimnis, finstere Rachemorde, eine Familie voller Zwietracht, Geheimnisse und Intrigen inmitten Burg- und Dorfgemeinschaft. Überzeugen kann das Werk vor allem hinsichtlich der gelungenen Atmosphäre, die über der Handlung liegt. Es herrscht kalter Winter und man kann Bruder Hilpert nur zu gut verstehen, dass er so schnell wie möglich zurück ins heimische Kloster möchte, denn behaglich ist es wahrlich nicht in und um die Gamburg. Die grausigen Todesfälle scheinen alle unmittelbar zusammenzuhängen, irgendjemand aus der Umgebung führt offenbar einen erbarmungslosen Rachefeldzug durch. Dass der Junker Arnold von Stettenberg alles andere als beliebt ist, ist kein Geheimnis - doch was er und seine Familie alles zu verbergen haben, deckt sich nur allmählich auf. Immer wieder stößt der Mönch auf Andeutungen aus dem Umfeld; die Dorfgemeinschaft weiß mehr, als es auf den ersten Blick erscheint und es gibt reichlich Tatverdächtige, die einen Hass auf den Burgherrn hegen: Da wäre beispielsweise die Ehefrau Gutta, die von Beginn der Ehe von Arnold betrogen wurde und seinen Launen ausgesetzt war, der Amtmann des Erzbischofs Melchior von Schweinitz, dessen schöne Gattin dem Burgherrn ins Auge gefallen ist und schließlich Arnolds Bruder Ruprecht und sein Vetter Peter, bei denen er hoch verschuldet ist. Es herrscht durchgängig eine feindselige Stimmung und Bruder Hilpert und Berengar spüren rasch, dass sie am besten nur sich selbst vertrauen.

Die Handlung vollzieht sich ohne Längen und ohne aufschwellendes Nebengeplänkel, sondern wird zügig erzählt. Der Leser weiß zwar mehr als Hilpert und Berengar, sodass es sich um keinen reinen Whodunit-Krimi handelt, doch auch für den Rezipienten gibt es am Ende zumindest eine kleine Überraschung, wenn sich sämtliche Fäden zusammenfügen.

Sehr positiv sind die informativen Beigaben des Buches, angefangen von einem Grundriss der mittelalterlichen Gamburg und ihre wichtigsten chronologischen Stationen, eine Übersicht zur mittelalterlichen Zeitrechnung bis hin zu diversen Wappen und einem Glossar, das Fachbegriffe erklärt und etwa anschauliche Beispiele für die zeitgenössische Kaufkraft auflistet.

Bewährtes Ermittler-Duo

Diese gegenseitige Vertrautheit ist dafür umso stärker ausgeprägt und gehört definitiv zu den Stärken des Romans und der Bruder-Hilpert-Reihe generell. Freilich sind die beiden Hobbydetektive gegensätzlich geraten, wie es bei solchen Duos usus ist, doch sie ergänzen sich dadurch besonders gut. Bruder Hilpert ist der scharfsinnige Bibliothekarius, der Ruhe und Souveränität ausstrahlt. Mittlerweile zählt er 43 Jahre und ist vollständig ergraut, was seiner würdevollen Ausstrahlung noch weiter zuträglich ist. Typisch für ihn sind neben seiner Intelligenz sein trockener Humor und sein Sinn für Ironie. Danks einer Schlagfertigkeit ist er nie um eine Antwort verlegen und reagiert obendrein oft scharfzüngiger, als man es von einem Kirchenvertreter erwarten dürfte.

Auf der anderen Seite steht der leutselige Vogt Berengar, der eindeutig mehr den weltlichen Genüssen zugeneigt ist. Inzwischen ist Berengar zwar unter der Haube und somit zumindest bezüglich Frauengeschichten zahmer geworden, aber seine oft etwas derbe Art hat er beibehalten. Bruder Hilpert muss den bisweilen ein wenig polterigen und aufbrausenden Berengar ein ums andere Mal zügeln, doch erhält er auch gute Unterstützung. Hilpert ist für das scharfsinnige Kombinieren und Zusammenfügen der Puzzleteile zuständig; Berengar wiederum erlebt in seiner Unbedarftheit hin und wieder spontane Geistesblitze und gemeinsam kommen die beiden auf die Hintergründe des Falles.

Nicht frei von Schwächen

Der kriminalistische Teil des Romans ist zwar insgesamt solide geraten, basiert jedoch phasenweise etwas zu sehr auf schicksalhaften Fügungen statt auf perfider Ermittlungsarbeit. Das gesteht schließlich selbst der Erzähler ein, wenn er konstatiert: Wieder einmal war es der Zufall, der ihm und dem Vogt in die Hände gespielt hatte, ein Zufall mit weitreichenden Konsequenzen. Weiterhin ist es an sich grundsätzlich positiv, dass Bruder Hilpert kein unrealistisches Genie ist, sondern stets eine realistisch gestaltete Figur bleibt. Übertrieben wirkt dies aber, als Hilpert Berengar einmal für dessen Gedankengang lobt, auf den er ohne dessen Hilfe nicht gekommen sei - dabei handelt es sich dabei wahrlich um keinen genialen Einfall, sondern eine sehr naheliegende Idee und es erscheint seltsam, dass der kluge Mönch nicht von allein auf diese Möglichkeit kam. Die Nebencharaktere bleiben, vielleicht mit Ausnahme des Müllers Hrodgar, recht blass; hier wird Potential verschenkt, die an sich durchaus reizvollen Figuren näher auszugestalten und sie damit einprägsamer zu machen.

Unterm Strich liegt ein kurzweiliger Mittelalterkrimi vor, der sich allen Freunden von Bruder Hilpert empfiehlt. 

Die Fährte der Wölfe

, Gmeiner

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