Die Stadt der schweigenden Berge

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Droemer-Knaur, 2015, Titel: 'Die Stadt der schweigenden Berge', Originalausgabe

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Rita Dell'Agnese
Wo liegt Hattusa?

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Mär 2015

Ein historischer Roman, der eine breite Leserschaft mit einem bislang unbekannten Ort so vertraut macht, dass sie glaubt, schon immer alles über Hattusa gewusst zu haben: Dieses Kunststück gelingt der Autorin Carmen Lobato in ihrem Roman Die Stadt der schweigenden Berge. Im Mittelpunkt steht die junge Amarna, die als Tochter eines anerkannten Fachmannes für Altorientalistik schon früh mit der Archäologie in Verbindung kam. Nicht zuletzt dank den Verbindungen ihres Vaters kann Amarna studieren ein Weg, der 1931 nicht allen jungen Frauen offen stand. Ihre Magisterarbeit will Amarna zum Thema Gilgamesch-Epos schreiben. Im Zuge der Recherchen beschäftig sich Amarna mehr und mehr mit den Hethitern und deren Reich Hatti. Besonders fasziniert ist Amarna von der Hauptstadt Hattusa. Denn je länger sie sich mit der Stadt beschäftigt, desto sicherer ist sie sich, dass es genau diese längst untergegangene Stadt ist, die über ihr in ihren wiederkehrenden Albträumen zusammenstürzt. Obwohl ihr Vater nichts davon wissen will, beschließt Amarna, nach Armenien zu reisen, wo Hattusa einst stand. Unterstützt wird sie dabei vom jungen Archäologen Paul, der sich Hoffnungen auf Amarna macht. Doch die junge Frau konzentriert sich vollkommen auf ihre Recherchen. Je mehr Amarna über Hattusa und die Hethiter erfährt, desto deutlicher wird ihr, dass sie eine tiefere Verbindung zu dieser Geschichte hat, als sie zunächst annahm.

Spannende Charaktere

Dass Carmen Lobato ein Garant für spannende Charakteren ist, hat die Autorin schon in früheren Werken bewiesen. Sie hält dieses Versprechen auch in ihrem Roman Die Stadt der schweigenden Berge ein. Anders aber als in ihren bisherigen Werken, geht die Autorin im zweiten Handlungsstrang sehr weit in der Zeit zurück. Die Leserinnen und Leser begegnen in einem deutlich abgegrenzten Bereich dem König von Hatti, der rund 1500 Jahre vor Christus herrschte. Diese Erzählungen stellen nicht nur eine weitere spannende Geschichte dar, sie sind auch eine Einstiegshilfe für das Publikum, das sich mit der Lebensweise der Hethiter vertraut machen möchte. Die Hauptfigur bleibt jedoch Amarna, die mit ihrer Suche nach historischer Wahrheit auch ihrer ganz eigenen Wahrheit näher kommt. Amarna ist höchst reizvoll gestaltet. Sie bringt alles mit, was man von einer im Jahr 1931 modernen und selbstbewussten jungen Frau erwarten würde, sie ist aber kein Kind der heutigen Zeit, die mit Müh und Not in die Vergangenheit zurück versetzt wurde. Amarnas Aktionen und Reaktionen entsprechen dem damaligen Zeitgeist und stellen auf diese Weise eine spannende Brücke zu den Vorkriegsjahren und deren gesellschaftlichen Konventionen dar.

Auch Liebe darf sein

Carmen Lobato lässt ihr Publikum in Sachen Liebe nicht darben. Aber sie präsentiert ihm dieses Thema auch nicht in einer Üppigkeit, die alles andere überdeckt. Wohl schwingt die Liebe im ganzen Roman mit und erkämpft sich auch immer wieder mal einen prominenten Platz, doch ist es letztlich genau die Portion, die ein Roman verträgt, ohne als Liebesroman abgestempelt und in die Ecke geschoben zu werden. Denn es wird mühelos klar, dass die Autorin wesentlich mehr Gewicht auf die historischen Fakten legt und die Geschichte Amarnas diesen unterordnet. Das alles schafft Carmen Lobato, ohne schulmeisterlich oder dozierend zu wirken. Sie nimmt ihr Publikum quasi auf eine Rundreise in eine vergangene Kultur mit und scheut auch nicht davor zurück, brisante Themen wie etwa den Völkermord an den Armeniern anzusprechen. Dem Erzähltalent der Autorin ist es zuzuschreiben, dass auch hier der politische Aspekt zwar eine Rolle spielt, nicht aber in ein übereifriges Missionieren abgleitet. Vieles bekommt Raum, um sich nach und nach zu entwickeln, was sich wiederum positiv auf die Leserinnen und Leser auswirkt. Sie haben die Möglichkeit, diese langsame Entwicklung des sehr komplexen Themas zu erleben und zu verstehen. Zwar schlägt Carmen Lobato da und dort ein forsches Tempo an, bleibt aber immer dicht beim Publikum und verharrt dort, wo es noch größeren Klärungsbedarf gibt, etwas länger.

Das Bedürfnis nach mehr

Obwohl die Geschichte in sich selber geschlossen scheint, ist es jedem, der das Buch nach der Lektüre mit einem Seufzen voller Ergriffenheit beiseitelegt, klar, dass es eine Fortsetzung geben muss. Denn das Bedürfnis nach mehr von den Figuren, von der Geschichte ist fast schon zwingend. Carmen Lobato schafft auch, was vielen Autorinnen und Autoren nicht so richtig gelingen will: Die Leserinnen und Leser greifen zum Geschichtsbuch, Lexikon oder zur Computer-Maus, um alles in sich hinein zu stopfen, was es an Informationen über Hatti gibt. Es ist spärlich genug, so dass man geneigt sein mag, der Autorin insgeheim dafür zu danken, dass sie gerade dieses Reich gewählt hat, um ihm einen Roman zu widmen. 

Die Stadt der schweigenden Berge

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Letzte Kommentare:
02.03.2016 15:00:35
wampy

Buchmeinung zu Carmen Lobato – Die Stadt der schweigenden Berge

„Die Stadt der schweigenden Berge“ erschien 2015 als Originalausgabe im Knaur Verlag. Mein Lesekommentar bezieht sich auf das ebook.

Klappentext:
Berlin 1931: Die junge Amarna ist fasziniert von der Kultur der Hethiter und vor allem von deren alter, versunkener Hauptstadt. Sie träumt davon, selbst einmal dorthin zu fahren, und vertieft sich in die Lektüre der Schriften jener Zeit. Doch ihr Vater, ein Altorientalist, verweigert ihr die Reise, obwohl er die Leidenschaft seiner Tochter teilt. Was ist auf jener Expedition passiert, die ihn einst in die verlorene Stadt führte? Und warum spricht er nie von der Mutter, an die Armana kaum eine Erinnerung hat? Mit Hilfe ihres Freundes Paul, der Amarna schon lange liebt, gelingt es ihr schließlich, ihren Traum zu verwirklichen – der sich jedoch bald als Alptraum entpuppt.


Meine Meinung:
Dieser historische Roman war für mich ein Missverständnis. Er hat aus meiner Sicht leider den Schwerpunkt Liebesroman. Die Hauptfiguren Amarna und Arman agieren derart liebestoll, dass jede Vernunfthandlung auf der Strecke blieb. Arman wird als der alles überstrahlende Astralkörperbesitzer gezeichnet, dessen Anwesenheit die junge Wissenschaftlerin zum liebestollen Weibsbild mutieren lässt. Ihr liebeskranker Jugendfreund Paul verkommt vor Eifersucht zur tragischen Figur und der Professor ist die einzige etwas komplexere Gestalt.
In der eingebetteten Geschichte hat sich der hethitische Herrscher in die Frau seines Generals und besten Freundes verguckt und dort kommt es zu einer Katastrophe.

Fazit:
Bei diesem Buch lagen Erwartung und Inhalt meilenweit auseinander. Positiv ist der flüssige Schreibstil und einige Erkenntnisse über die Hethiter, die ich bei der Lektüre erhalten habe. Wer einen Liebesroman erwartet wird sicherlich nicht enttäuscht. Ich hatte anderes erwartet und vergebe nur zwei Sterne (50 / 100).

08.04.2015 21:05:58
Jana68

Aufwühlend und Herzerwärmend, spannend und fesselnd, liebevoll und voller Liebe, bestens recherchiert und in brillanter Sprache - das ist mein Fazit zu Carmen Lobato's Roman "Die Stadt der schweigenden Berge".
Eingebettet in die jahrtausendealte Geschichte von Hattusili und Puduhepa, einem hethitischen Königspaar, deren gescheiterte Beziehung symbolisch für den Untergang der hethitischen Kultur steht, formt die Autorin die ebenso schwierige wie hoffnungsvolle Beziehung zweier Suchender - Armana und Arman.
Bevor beide das Rätsel um ihre Verbindung aus frühen Kindertagen entwirren können und sie endgültig zueinander finden, durchleben wir mit ihnen Wogen des Glücks, kämpfen uns mit Ihnen durch Täler voller Tränen, spüren den Schmerz, zweifeln und sind zornig. Manchmal hätte auch ich die beiden einfach nur schütteln können, weil sie völlig überzogen reagieren oder sich wieder komplett in sich zurück ziehen.
Armana ist eine entschlossene junge Studentin der Altorientalistik, die sich intensiv mit dem Gilgamesch-Epos beschäftigt. Das ist zu Beginn der 1930er Jahre außergewöhnlich und irgendwie versucht jeder ihrer männlichen Begleiter sie zu beschützen, was Armana jedoch beständig aufstößt. Mit ihrem Vater - ebenfalls ein Altorientalist - überwirft sie sich, als er ihr eine Reise nach Hattusa nicht erlauben will. Armana spürt, dass sie an diesen Ort Reisen muss, nicht nur um auf Spurensuche nach der beinah vergessenen Kultur der Hethiter zu gehen, sondern auch um Licht in das Dunkel um ihre Kindertage und das Schicksal ihrer Mutter zu bringen.
So macht sie sich auf die Reise begleitet von ihrem Freund Paul und Professor Merten Schober. In Istanbul begegnen sich Arman und Armana. Beide sind fasziniert von einander und nähern sich einander zaghaft an. Die zarte junge Liebe, die sich zu entwickeln beginnt, wird von Paul und Merten jedoch permanent gestört. Während Paul sich zu einem vor Eifersucht hilflosem Möchtegern entwickelt, der stets mehr scheinen will anstatt ganz zu sein, was er ist, entpuppt sich Merten als hasserfüllter Rächer und wird zu einer wahren Bedrohung.
Arman ist ein junger Armenier und hat bereits eine extrem leidvolle Geschichte durchleben müssen, mit der er erst dann umgehen kann, als sich das letzte Rätsel um seine Vergangenheit löst. Ohne Armana hätte er das wohl nicht geschafft.
Am Beispiel seines persönlichen Schicksals spricht die Autorin sanft aber schonungslos die Verbrechen am Armenischen Volk an. Leider war auch mir dieses Thema bisher beinah unbekannt und ich kann nach der Beschäftigung damit kaum fassen, dass Deutschland bis heute ein Problem damit hat, diese Verbrechen als Völkermord zu bezeichnen.
Unsere beiden Haupakteure Armana und Arman verbindet mehr, als das gemeinsame Interesse an Hattusa und die akribische archäologische Spurensuche. Sie sind für einander geschaffen und nichts vermag daran etwas zu ändern. Und wie bei Gilgamesch und Enkidu: "Die zwei waren heilsam füreinander, doch sie brachten einander zugleich in höchste Gefahr."
...und zwischendurch lesen wir immer wieder die anrührende Geschichte von der tragischen Liebe jenes Königspaares in Hattusa lange vor unserer Zeit...
Am Ende überrascht die Duplizität der Ereignisse vor tausenden von Jahren und im Jahr 1912. Dies ist letztlich der Schlüssel und der Befreiungsschlag für Arman und Armana, aber auch für ihren Vater und ihren Großvater.

Carmen Lobato hat ein großartiges, ein leidenschaftliches Buch geschrieben. Es ist keine leichte Lektüre, nichts für nebenbei. Dieses Buch verlangt den ganzen Menschen. In der ihr eigenen wunderschönen Sprache zeichnet die Autorin ein Bild von Hattusa im Nebel der Zeit und von der Perle Istanbul in den 30er Jahren. Immer wieder sind mir poesievolle Sätze ins Auge gesprungen. So treten wir nicht etwa in den erwachenden Morgen, sondern in die "sterbende Nacht" und erleben den Winter, in dem "das Leben noch ein bisschen müde ist".
Sie hat aber auch mein Interesse an den Hethitern und an der Geschichte des Armenischen Volkes geweckt, ich habe nach der Lektüre stundenlang im Internet darüber gelesen und ich fange an zu verstehen, warum die "Hatti" für die Autorin ein ganz besonderes Buch ist.
Ich danke ihr, dass ich beim Lesen ein wenig daran teilhaben durfte. Ich habe das Buch bestimmt nicht zum letzten Mal gelesen.

07.04.2015 20:22:26
LizzyCurse

Die junge Amarna, die an ihrer Magisterarbeit über das Gilgamesch-Epos schreibt, hat nur einen Traum. Es zieht sie nach Hattusa, mehr als alles andere. Doch ausgerechnet diesen Wunsch schlägt ihr ihr Vater aus. Er, der selbst einige wichtige archäologische Entdeckungen in der Vergangenheit gemacht hat, hüllt sich über seine Gründe in tiefes Schweigen. Schließlich gelingt Amarna doch, ihren Traum mithilfe ihres Freundes Paul zu verwirklichen. Doch das, was als Ziel ihrer Wünsche scheint, entpuppt sich als ein Scherbenhaufen, dass mühsam zu einem vollständigen Bild ihrer Vergangenheit zusammengesetzt werden muss.

Ich war skeptisch und voller Zweifel. Ist dieses Buch etwas für mich, die eigentlich für gute historische Romane brennt und dahingeklatschten Liebesgeschichten eher mit Abneigung und einer gehörigen Portion Sarkasmus gegenüber steht?
Doch ich kenne die Autorin, und die Brillanz ihrer historischen Romane – und ich habe mich – zu meinem eigenen Glück – für die Lektüre dieses Romans entschieden.
Für mich entpuppte sich der Roman als ein Zwitterbuch. Eine Mischung aus verschiedenen Genres. Teils Liebesgeschichte, teils historischer Roman und teils Familiengeschichte. Trotzdem verliert sich diese Erzählung weder in kitschigen Worthülsen (die man zur genüge in anderen Romanen lesen kann) noch in 1000 schwülstigen Ergüssen, wie heiss das Objekt der Begierde doch ist.
Nicht das ich falsch verstanden werde. Es handelt sich bei diesem Buch durchaus um eine Liebesgeschichte, doch sie kommt weder auf plumpen Füßen noch kitschig daher. Carmen Lobato beschreibt ihre Figuren und die Szenen mit solcher Kunstfertigkeit, dass die Seiten nur so dahin fliegen, und sogar ich mich so manches Mal beim Schwärmen für die verschiedenen Protagonisten erwischte. Und das zurecht!
Sie zeichnet ihre Figuren mit einer solchen Liebe, haucht ihnen Leben und Emotionen ein und lässt sie so lebhaft erscheinen, dass sie sich beinahe von den Seiten lösen. Ich bin mit ihnen durch Berlin, durch Istanbul und durch Hattusa gewandert.
Amarna ist die junge Studentin, die sich keck in der studentischen Welt der Männer des Jahres 1931 behauptet, nicht auf den Mund gefallen ist, und trotzdem nicht wie eine Frau wirkt, die man einfach aus dem Jahre 2015 dorthin verfrachtet und die Jeans gegen Röcke getauscht hat. Soll heißen, sie kommt authentisch rüber und passt gut in die Zeit. Und sie ist eine Suchende, nach ihrer Vergangenheit und ihrem Platz in der Welt. In Arman hatte ich mich schon nach wenigen Sätzen verliebt. Exotisch, Carmen beschreibt ihn mit dem Wort „dunkelschön“ – und genauso ist er. Dunkelschön und geheimnisvoll kommt er daher und nistet sich, mir nichts dir nichts in meinem Herzen ein. Gefragt hat er nicht. Warum sollte er auch? Ich, die sich eigentlich nichts aus Liebesgeschichten macht, war begeistert, habe mit den beiden gelacht und geweint, Freude und Hass empfunden und ihnen einen Platz in meinem Herzen eröffnet.
Habe ich schon erwähnt, dass ich Liebesgeschichten eigentlich nicht leiden kann? Nun... dies ist eine besondere, die den schwierigen Spagat bravourös meistert, Emotionen glaubhaft transportieren kann und trotzdem die Handlung nicht vernachlässigt. Carmen Lobato vermittelt uns neben glaubhaften Figuren so ganz nebenbei so viel archäologisches Wissen über die Wissenschaft an sich und über Hattusa, die Hethiter und Armenier im Speziellen, dass man eigentlich nicht mitbekommt, wie alte Epochen vor dem inneren Auge zu neuem Leben erweckt werden und findet sich im nächsten Moment wieder, wie man den Staub der Zeit wegpustet, um tiefer blicken zu können.
Carmen warf im Klappentext mit für mich teils fremden Begriffen freigiebig um sich, die sie im Buch allesamt mit Leben erfüllt. Kein einziges Mal fühlte sich der Roman überfrachtet an. Weder kommt er als historischer Fachwälzer daher, noch als schwülstige Liebesgeschichte. Nun gehen mir Gilgamesch und Hattusa leicht über die Lippen, und ich verabschiede mich schweren Herzens von Arman und Amarna und lasse ein Stück davon in Anatolien zurück.
Großartige fünf Sterne für das Zwitterbuch, dass mich mit einer Liebesgeschichte zu überzeugen vermochte.

11.03.2015 10:47:26
Orange

Berlin 1931: Armana Brandstätter studiert als junge Frau in Berlin. Das war zu dieser Zeit nicht selbstverständlich und nicht bei jedem gern gesehen. Zudem hat sie sich für Altorientalistik entschieden und will ihre Magisterarbeiter über den Gilgamesch-Epos schreiben. Als sie nicht weiterkommt, stößt sie bei ihren Recherchen auf die antike Stadt Hattusa. Sie ist sofort fasziniert und will unbedingt dorthin reisen. Doch ihr Vater, selbst Altorientalist, ist dagegen. So macht sie sich mit ihren Freund Paul auf die Reise nach Anatolien, die auch eine Reise in ihre Vergangenheit werden wird. Denn in Istanbul lernt sie Arman kennen, dessen Geschichte eng mit ihrer eigenen verwoben ist.

Doch „Die Stadt der schweigenden Berge“ ist nicht nur die Geschichte von Armana, Arman und Hattusa. Ein tragendes Thema ist auch der Völkermord an den Armenieren (von dem ich bis dahin nur im Ansatz gehört hatte), welcher anhand des Schicksals von Arman in leisen Tönen und doch sehr eindringlich eingeflochten wird.. Dies geschieht in der der Autorin ganz eigenen poetischen Sprache und macht diesen Roman zu etwas ganz besonderen.
Zudem sind regelmäßig Kapitel aus dem 13. Jahrhundert v. Chr. eingeschoben, in denen die Geschichte des ehemaligen Weltreichs der Hethiter erzählt wird. Es ist auch die Geschichte des Königpaars Hattusili und seiner Frau Puduhepa, des Großkönig Urhi-Tesub und ihrer Hauptstadt Hattusa.

Mit wieviel Herzblut und Leidenschaft die Autorin diesen Roman recherchiert und geschrieben hat, merkt man mit jeden Satz. Für mich ist dieses Buch schon jetzt ein Anwärter für mein persönliches Jahres-Highlight.

Besonders erwähnen möchte ich die liebevolle Gestaltung. Schon das ansprechende Cover in warmen Farben macht dieses Buch zu einem echten Hingucker.
Der Roman gliedert sich in 5 Teile, dem jeden ein Vers aus dem Gilgamesch-Epos vorangestellt ist.

„Die Stadt der schweigenden Berge“ ist kein Buch für Zwischendurch zum runterlesen, denn es regt an, sich Gedanken zu machen und sich näher mit diesen Themen zu beschäftigen. Mich hat es sehr berührt und nachdenklich zurückgelassen.

Ein Glossar und ein kurzes Dankeswort der Autorin runden das Buch perfekt ab.

01.03.2015 14:42:41
-LENA-

Covertext:
Armarna ist fasziniert von der Kultur der Hethiter und möchte in deren alter, versunkener Hauptstadt. Sie träumt davon dorthin zu fahren. Ihr Vater verbietet es ihr, obwohl er die Leidenschaft seiner Tochter teilt. Was ist auf jener Expedition passiert? Warum spricht er nicht über ihre Mutter, an die Amarna keine Erinnerung hat?
Mit der Hilfe ihres Freundes Paul,der sie liebt, kann sie ihren Traum doch noch zu verwirklichen.

Es sind viele Fragen zu beantworten und man macht sich auf zu einer Reise mit Hindernissen und vielen Wendungen von Berlin nach Hattusa in Anatolien.
1930: Durch ihr Studium beschäftigt sich Amarna mit dem Gilgamesch-Epos, die Geschichte von Gilgamesch und Enkidu zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman. Dabei stößt sie auf die Hethiter. Sie versucht weitere Informationen über diese damals noch unbekannte Hochkultur,die den ersten Friedensvertrag mit ihrer Keilschrift herstellten, imposante Steinskulpturen hatten,zu bekommen.
Diese findet sie nur in Istanbul und Hattusa mit Begleitung von Paul und Merten, ihrem Patenonkel. Hier trifft Amarna auf einen Unbekannten zu dem sie sich sofort hingezogen fühlt.
Arman und Amarna, beide mit traumatischer Vergangenheit, entwickeln eine Seelenverwandtschaft mit ihren Höhen und Tiefen. Bei manchen überzogenen Reaktionen möchte man beide an den Schultern packen und schütteln.
Alle Protagonisten haben ihre Ecken und Kanten. man leidet und hofft mit ihnen.
Merten, ein sonst ruhiger Zeitgenosse, entwickelt sich zu einem von Hass verzehrenden Menschen.
Paul aus einfachen Verhältnissen stammend, versucht mehr zu sein,als er ist und merkt, das er noch weit von diesem Ziel entfernt ist.
Viele kleine Szenen und liebevolle gezeichnete Nebenfiguren bereichern den Roman zusätzlich.
Eingebetet in den Roman ist die Legende von Putuhepa,Hattuseli und Urhi-Telub, eine sehr schöne Geschichte passend zum Inhalt des Romans.
Der Schreib - und Sprachstil der Autorin nimmt den Leser gefangen und der Spannungsbogen bleibt bis zum Finale erhalten.
Die mitfühlende und würdige Erzählung über das Leid der armenischen Bevölkerung bei den Progromen und dem Genozid lassen den Leser nachdenklich zurück.
Ein berührender und gefühlvoller Roman, der den Leser dazu bringt sich mit der Kultur der Hethiter, den Ausgrabungen, sowie die leidvolle Geschichte der Armenier im Jahre 1915 näher zu befassen.
Ein rundum gelungener Roman, den man unbedingt lesen sollte und nur weiter empfehlen kann.