Die Tuchvilla

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Blanvalet, 2014, Titel: 'Die Tuchvilla', Originalausgabe

Couch-Wertung:

59
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Yvonne Schulze
Downtown Abbey in Augsburg

Buch-Rezension von Yvonne Schulze Dez 2014

Im Herbst 1913 kommt die junge Waise Marie als Küchenhilfe in die Villa der Fabrikantenfamilie Melzer in Augsburg. Mit harter Arbeit und ausgeprägtem Geschäftssinn hat es Jakob Melzer als Tuchfabrikant zu Reichtum und Wohlstand gebracht. Seine aus verarmtem pommerschem Adel stammende Ehefrau Alicia sorgt für den notwendigen gesellschaftlichen Glanz im Hause Melzer. Zur Familie gehören neben dem Sohn Paul auch die beiden Töchter Elisabeth und Kitty. Paul verliebt sich bald in die stille Marie und auch Marie findet Gefallen an Paul, wohl wissend, dass diese Liebe keine Zukunft hat.

Marie, die in ihrem Leben bisher nur Armut und Härte kennengelernt hat, steht als Küchenhilfe in der Hierarchie der Bediensteten ganz unten und wird dementsprechend schlecht behandelt. Die unkonventionelle Kitty freundet sich jedoch mit Marie an und macht sie zu ihrer Kammerzofe. Marie, die bereits als Kleinkind ins Waisenhaus kam, hegt bald den Verdacht, dass Jakob Melzer etwas über ihre Herkunft weiß und ihr etwas verheimlicht. So begibt sich Marie auf die Suche nach ihren Wurzeln. Doch dann brennt Kitty mit einem Franzosen durch und Marie wird in den Strudel der Ereignisse gezogen.  

Ein historischer Roman ohne Historie  

Nach dem großen Erfolg der britischen TV-Serie Downtown Abbey ist die Zeit um die beiden Weltkriege, die bis dahin in historischen Romanen kaum vertreten war, plötzlich in und Familien- und Gesellschaftsromane à la Downtown Abbey sprießen wie Pilze aus dem Boden. So verlegt auch Anne Jacobs die Handlung ihres Romans in die Textilstadt Augsburg anno 1913/14. Es ist eine Zeit gravierender Umbrüche: das Aufbrechen gesellschaftlicher Strukturen, das sich ändernde Frauenbild, die politischen Verwicklungen am Vorabend des Ersten Weltkrieges usw. Eine Unmenge an historischem Material stand der Autorin hier zur Verfügung, aus dem sie hätte schöpfen können, wenn sie es denn gewollt hätte. Nun, sie wollte nicht. Denn statt einen historischen Roman zu schreiben, der dieses Label auch verdient und der ein zeitgeschichtlicher Bilderboden jüngerer deutscher Geschichte ist, beschränkt sich die Autorin darauf, ihren Lesern eine Liebes- und Familiengeschichte nach althergebrachten Mustern zu stricken, die sich auf ausgetretenen Plot-Pfaden bewegt und nichts Neues bringt. Sie reiht sich ein in die Masse der vielen historisierenden Familiengeschichten, die den Buchmarkt bevölkern.

Der historische Gehalt dieses Romans beschränkt sich auf lieblos hier und da in die Handlung geworfene Fakten, die oberflächlich bleiben und zudem fehlerbehaftet sind. Der Leser erfährt kaum etwas über Zeitgeschichte oder über Augsburger Stadtgeschichte und ihre Bedeutung als damals wichtigste Textilstadt Süddeutschlands. Die Beschreibung Augsburgs geht zudem über ein paar wenige touristische Allgemeinplätze nicht hinaus, die sich wie Zitate aus schlechten Reiseführern lesen. Auch die kunstgeschichtlichen Inhalte dieses Romans sind eher dürftig und oberflächlich.

Mehr Familiendrama mit Liebesgeschichte als ein historischer Roman

Die Dramaturgie dieses Romans orientiert sich überwiegend an der Liebesromanbranche und bedient auch deren althergebrachte Stereotype und Klischees, was besonders bei der Figurenzeichnung deutlich wird. Während beispielsweise Elisabeth, die ältere der beiden Melzer-Töchter, zwar klug, aber missgünstig, intrigant, snobistisch und (wie sollte es auch anders sein!) natürlich dick und unscheinbar ist, ist ihre Schwester Kitty der strahlend schöne und charmante Wirbelwind mit dem kindlich-sonnigen Gemüt, der alle zu Füßen liegen und die sich alles erlauben darf und der man alles verzeiht und nachsieht, selbst die Leichtfertigkeit, mit der sie ihre eigene Ehre und die ihrer Familie aufs Spiel setzt. Kitty war wohl die Rolle der sich emanzipierenden Frau zugedacht, was aber gründlich daneben gegangen ist. 

Die Protagonistin Marie trägt den Heiligenschein, ist charakterlich natürlich fehlerlos und perfekt, als Figur zwar nett und sympathisch, aber langweilig. Gerade bei Marie hätte man sich ein paar mehr Ecken und Kanten in der Figurenzeichnung gewünscht, was sie um ein Vielfaches interessanter und vor allem glaubwürdiger gemacht hätte. Das angebliche Geheimnis um Maries Herkunft ist schnell durchschaut und aufgrund der Vorhersehbarkeit der Geschichte kommt auch kaum Spannung auf.

Die Handlung wird mit überflüssigem Füllmaterial künstlich aufgeblasen, dabei hätte es ihr sicher gut getan und sie auch ein stückweit aufgewertet, wenn die Autorin stattdessen mehr zeitgeschichtliche Themen in die Handlung integriert hätte. Es gibt weder Höhen noch Tiefen noch interessante Wendungen. Es bleibt größtenteils bei einer dahinplätschernden Aneinanderreihung von Banalitäten, die dann in einem kitschigen Heile-Welt-Happy End gipfelt und damit der ganzen Geschichte den Stempel der Unglaubwürdigkeit aufdrückt.

Welche Zielgruppe?

Unterm Strich ist Die Tuchvilla eine leichte und dank der schlichten Sprache flüssig zu lesende, hier und da auch unterhaltsame Geschichte, wenn man diesen Stil mag. An der vordergründigen Liebesgeschichte werden Romantikerinnen ganz sicher ihre Freude haben, vor allem wenn sie zugleich ein Faible für die zuckersüße Herz-Schmerz-Prosa haben, in die die Autorin gerne mal abdriftet.

Die Tuchvilla

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