Kirmeskind

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Silberburg, 2014, Titel: 'Kirmeskind', Originalausgabe

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Annette Gloser
Django kam nur bis Bibersfeld

Buch-Rezension von Annette Gloser Nov 2014

Caroline Lang hat kein Glück mit den Männern. Ihr Ehemann war SS-Mann und wurde als Kriegsverbrecher erschossen. Von ihm blieb ihr nur Ludwig, ihr älterer Sohn. Nach dem Krieg lernt Caroline den amerikanischen Soldaten Arturo kennen und verliebt sich. Arturo jedoch hat zu Hause in Amerika Frau und Kind. Als Caroline schwanger wird, verschwindet er sang- und klanglos aus ihrem Leben. Sie bleibt mit den beiden Kindern alleine. Hans, ihr jüngerer Sohn, fällt auf, denn seine Haut ist dunkler als die der anderen Kinder in dem kleinen Dorf. Sein Vater war Sohn einer Schwarzen und eines Mexikaners, und so trägt Hans den Makel des Schokoladenkindes.

Aber Caroline, Tochter der Schaustellerfamilie Schürbel, kann auf ihre Familie zählen. Hans wird von den Großeltern geliebt. Und obwohl die Zeiten hart sind, so kurz nach dem Krieg, schaffen es Großvater Fréderic Schürbel und seine Familie immer wieder, etwas zu essen auf den Tisch zu kriegen. Langsam, ganz langsam, kommt das Schaustellergeschäft wieder in Gang, rappelt sich die Familie wieder auf. Ludwig jedoch verklärt seinen toten Vater zum Kriegshelden und wendet sich immer mehr von der Familie ab. Auch Hans vermisst seinen Vater und träumt davon, ihn in Amerika zu suchen. Er ist ein geschickter Mechaniker, aber ein ruhiges, beschauliches Leben ist ihm nicht beschieden. Und nach einer Prügelei mit Ludwig läuft dann alles aus dem Ruder&.

Jedes Amihürle trägt a Armbandührle

Titus Simon führt seine Leser zurück in die Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Romanhandlung beginnt mit den letzten Kriegstagen 1945 und endet 1969, als Hans heiratet. Wie auch in dem Vorgänger-Roman Hundsgeschrei spielt die Handlung in fiktiven Orten im schwäbisch-fränkischen Grenzland. Jedoch hat der Autor sehr viel Lokalgeschichte aus der Gegend zwischen Stuttgart und Heidelberg mit verarbeitet. Wohl auf jeder Seite spürt man, wie sorgfältig hier recherchiert wurde und dass Auskünfte von Zeitzeugen in den Roman mit eingeflossen sind. Auch Jakob Winter und seine Frau Leonore aus Hundsgeschrei haben in diesem neuen Roman Nebenrollen bekommen, was sehr stark zur authentischen Wirkung beiträgt.

Der Leser erfährt ganz erstaunliche Fakten über das Leben in Nachkriegs-Westdeutschland. Die Palette reicht von ehemaligen Nazis im Jugendamt bis zu den Verhältnissen in einem Kinderheim, von bösen Sprüchen über Amihuren bis zu einem Adoptionsprogramm für die Kinder schwarzer US-Soldaten. Titus Simon legt immer wieder den Finger in tiefe Wunden, über die wohl mancher gern den Mantel des Schweigens breiten würde.

Dazu kommt, dass Protagonist Hans in seinem unsteten Leben weit herum kommt und Ereignisse miterlebt, die für die Menschen damals von großer Bedeutung waren. So wird Kirmeskind auch zu einem Roman über die Veränderungen, die im Westen Deutschlands nach dem Krieg stattgefunden haben.

Leben im Wirtschaftswunderland

Ausreißer Hans gibt sich selbst den Namen Django. Er schlägt sich durch, eher schlecht als recht, weit weg von seiner Familie, in Hamburg, in Dänemark, in Wien. Er erlebt Auftritte der Beatles und den ersten Grand Prix dEurovision. Er versucht, irgendwie sein Leben zu leben, sich frei zu machen von Bevormundung und bürgerlicher Spießigkeit, um letztendlich festzustellen, dass er nicht sehr weit gekommen ist.

Der Leser kommt schnell in eine Beobachterposition, sehr nahe bei den Protagonisten. Dennoch bleibt immer ein gewisser Abstand, denn Titus Simon erzählt eher nüchtern und ohne große Emotionen. Das entspricht wohl auch der Lebenshaltung der Familie Schürle: Man muss zusehen, wie man klar kommt, notfalls gegen den Rest der Welt. Denn als Schausteller führen die Schürles ein Leben, das sie zu festem Zusammenhalt zwingt, zu Erfindungsreichtum und harter Arbeit. Die Schürles lassen den Leser miterleben, wie die Zeiten nach dem Krieg sich wandelten. Und der Autor des Romans hat viele Details eingefügt, die dieses Stück Geschichte greifbar machen. Allerdings bleibt Titus Simon nicht strikt bei einem Protagonisten, sondern gibt jedem Mitglied der Familie Schürle Raum, erzählt viele Geschichten in diesem Buch. Als Leser muß man sich darauf einstellen, dass der Erzählfaden immer mal  beiseite gelegt, ein neuer aufgenommen wird und dass es dann irgendwann doch mit dem alten Faden wieder weiter geht. Dabei wird jedem, der in diesem Roman auftaucht, Raum zugestanden, was vom Leser eine gewisse Geduld erwartet.                                                                                                                          

Der Roman als Chronik

Kirmeskind ist kein Gänsehaut-Thriller, aber ein interessantes und sehr informatives Buch, das seine Leser zu vielen Ereignissen und an wichtige Schauplätze der Nachkriegsgeschichte führt. So wirkt der Roman eben auch wie eine Chronik des Lebens im Wirtschaftswunderland. Die Handlung entwickelt ihre ganz eigene Spannung und hält den Leser bei der Stange. Der SilberburgVerlag hat offenbar ein Händchen für solche Romane, die auch ganz konkret zur Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte anregen. Man muß beim Lesen darauf gefasst sein, dass man Wut verspürt über das, was vor gar nicht so langer Zeit in diesem Land alles möglich war. Und man bekommt ein gewisses Verständnis dafür, warum diese Dinge möglich wurden. Ein sehr lesenswertes Buch!

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