Märzgefallene

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Kiepenheuer & Witsch, 2014, Titel: 'Märzgefallene', Originalausgabe

Couch-Wertung:

95
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Carsten Jaehner
Exzellent und bedenklich aktuell: Hervorragender Krimi

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Nov 2014

Rosenmontag 1933. Während Kriminalkommissar Gereon Rath in seiner alten Heimat Köln Karneval feiert, wird in Berlin eine Leiche auf einer Bank am Nollendorfplatz entdeckt, die dort schon mehrere Tage gesessen haben muss. Als Rath sich von den Folgen des Feierns erholt, wird er umgehend nach Berlin zurückbeordert. In Berlin brennt der Reichstag, Ausgangssperre und Rückholaktion für alle Beamten.

In Berlin erbt Rath den Fall des toten Obdachlosen von der Parkbank vom Kollegen Böhm, der zur Politischen Polizei versetzt wurde. Oberhaupt ist die gesamte Polizei Berlins im Umbruch, seit die Nationalsozialisten im Januar an die Macht kamen. Allmählich offenbart die politische Gesinnung jedes einzelnen, und die entscheidet künftig über die weitere Karriere.

Gereon Raths Verlobte Charly Ritter vermauert in ihrem Büro in der Fraueneinheit, wird aber zu einem Verhör zu einem Mädchen in einem Gefängnis gerufen. Das Mädchen spricht nicht, sitzt aber ein, weil es seine Familie getötet haben soll. Auch Charly kann nicht viel bei ihr ausrichten. Doch dann flieht sie kurze Zeit später aus der Anstalt, und in Berlin wird ein zweiter Mann tot auf einer Bank gefunden, genauso erstochen wie der erste. Zeit für Gereon Raths Spürnase und seine ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden. Und die Hochzeit will ja auch vorbereitet werden.

Spannender Fall mit vielen Überraschungen

Volker Kutschers bereits fünfter Fall für seinen Kommissar Gereon Rath ist wie schon seine Vorgänger ein spannender Fall, der nicht nur durch sein geschicktes Konstrukt hervorsticht, sondern auch die Schreibweise des Autors und vor allem seine Schilderung der Zeitgeschichte. Beginnend nach der gewonnen Wahl der Nationalsozialisten im Januar 1933, streift Kutscher den Reichstagsbrand, die nächsten Wahlen und endet im Herbst mit den Bücherverbrennungen. Die immer mehr aufkommenden Braunhemden bestimmen inzwischen das Stadtbild, die Wahlen haben sie gestärkt und der Antisemitismus nimmt Fahrt auf. War das Nazitum in Kutschers bisherigen Romanen nur angedeutetes, allmählich stärker werdendes Beiwerk, so schafft er es in diesem Roman, die Unsicherheit der Menschen je nach Gesinnung greifbar zu machen.

Nicht nur in den Büros der Polizei wird ordentlich umstrukturiert. Hier macht sich schon deutlich, wer welches Parteibuch oder zumindest Sympathien auf welcher Seite hat. Rath landet ungewollt bei den Politischen, bekommt dafür seinen aktuellen Fall entzogen und soll nun Kommunisten jagen. Auch Rath Kollegen Böhm und Gräf werden versetzt, und sogar ihr Chef Gennat hat nicht mehr viel zu sagen. Kutscher macht dem Leser deutlich, wie innerhalb kürzester Zeit ein wichtiger Staatsapparat wie die Polizei ausgehebelt werden kann, Unsicherheit sich unter den Mitarbeitern breit machen kann und so der neuen Macht in die Hände gespielt werden konnte.

Komplex und gut durchdacht

Der Fall, den Rath ursprünglich bearbeiten soll, entpuppt sich schnell als komplexer als gedacht. Der Obdachlose hatte zwar einen Ausweis bei sich, doch wurde er in den Halserstochen mit einer dreieckigen Klinge. Identifiziert wird er schließlich auf Ersuchen in einer Zeitungsanzeige vom Schriftsteller Achim von Roddeck, dessen Erstlingswerk "Märzgefallene" gerade groß von einer Zeitung als Fortsetzungsroman angekündigt wird und der in Buchform wenig später erscheinen soll. Dieser Roman erzählt von Ereignissen an der deutsch-französischen Front anno 1917, wo der getötete Obdachlose mit Roddeck gemeinsam in einer Einheit war und man gemeinsame Erlebnisse zu vertuschen hatte. Alles nachzulesen im Roman, der bereits vor Veröffentlichung hohe Wellen schlägt. Dabei geht RS um viel mehr als einen Rückzug und die Vertuschung eines Goldfundes.

Nach und nach kommt Rath den Ereignissen von 1917 auf die Spur, und totgeglaubte leben und lebendig geglaubte sind tot. Kutscher spielt mit den Möglichkeiten, die ihm seine Konstellation gibt und die durch Kriegsentstellungen keineswegs unglaubwürdig wirken. Hier wird von vornherein ein abgekartetes Spiel gespielt, die Frage ist nur, wer am Ende die Fäden zieht.

Kutscher beweist in der gesamten Dramaturgie des Romans, dass er sein Fach beherrscht und den Leser über 600 Seiten an seine Geschichte fesseln kann. Seine Schar an Charakteren ist bunt gefächert, geht durch alle sozialen Schichten und lässt neben fiktiven Personen auch Prominente wie Konrad Adenauer als Kölner Oberbürgermeister oder auch Nazigrößen wie Goebbels auftreten.

Packend und konkurrenzlos

Der Sprachstil des Autors ist packend und angemessen und der Roman streckenweise an Spannung kaum zu über bieten. Somit reiht er sich exzellent in die gesamte Gereon-Rath-Reihe ein, allerdings sollte man die Reihe vom ersten Fall an lesen, um allen Entwicklungen von vornherein folgen zu können. Lohnenswert ist es allemal.

Inzwischen ist auch das Fernsehen auf die Buchreihe aufmerksam geworden und plant eine Verfilmung. Bleibt zu hoffen, dass die äußerst exzellente Qualität der Reihe Übertragbarkeit ist und die Atmosphäre, die der Autor dem Leser zu vermitteln weiss, erhalten bleibt. Drei weitere Romane sollen noch folgen, und die gespannte Leserschaft kann es kaum erwarten. Damit auch weiterhin berufliche wie private Verwicklungen und Überraschungen viele Leser überzeugen. Und dass der Roman streckenweise eine erschreckende Tagesaktualität vorweisen kann, ist schlimm genug. Hier kann so mancher Fremdenhass schürender Mensch nachlesen, wohin das führen kann: In eine grausame Zeit, von der wird achten, wir hätten sie hinter uns gelassen. Die beispielhaften Warnungen des Autors sollten nicht ungehört verhallen.

Ein weiterer Baustein einer hervorragenden Reihe, die bislang auf dem deutschsprachigen Markt ohne sichtbare Konkurrenz ist. Weiter so.

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