Der Fall Moriarty

  • Insel
  • Erschienen: Januar 2014
  • Insel, 2014, Titel: 'Moriarty', Originalausgabe
Der Fall Moriarty
Der Fall Moriarty
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Jörg Kijanski
90

Histo-Couch Rezension vonNov 2014

Was geschah an den Reichenbachfällen?

Das Original ist bekannt. An den Reichenbachfällen trifft Sherlock Holmes auf seinen ärgsten Widersacher Professor James Moriarty. Es kommt zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung, bei der beide den Tod finden. Nachdem es damals zu Protesten der Sherlock-Fans kam, entschied sich Arthur Conan Doyle, seine legendäre Detektivfigur wieder auferstehen zu lassen. Nun liefert Anthony Horowitz, der bereits mit Das Geheimnis des weissen Bandes einen exzellenten Holmes-Krimi in der Tradition Doyles vorlegte, mit Der Fall Moriarty allen Fans des genialen Ermittlers neue Erkenntnisse. Erzählt werden die damaligen Ereignisse aus der Sicht von Frederick Chase, einem amerikanischen Pinkerton-Ermittler, der sich darüber wundert, wie Dr. Watson in seinem Bericht über die damaligen Ereignisse etliche Fehler unterlaufen konnten&

 

Da sind wir ja in was Schönes reingestolpert, mein Junge. Da hätte sogar Holmes seinen Spaß gehabt. Ein Friseur, der keine Haare schneiden kann. Ein Drehleiermann, der nicht spielen kann. Ein Haartonikum, das große Mengen Benzoesäure enthält. Nicht unbedingt ein Drei-Pfeifen-Problem, aber nicht ohne Interesse.

 

Das legendäre Duell zwischen Holmes und Moriarty ist fünf Tage her, als Frederick Chase im Schweizer Ort Meiringen eintrifft. Dort trifft er auf Kriminalinspektor Athelney Jones von New Scotland Yard (eine Randfigur in Das Zeichen der Vier) und untersucht mit diesem den Leichnam des aus dem Reichenbach gefischten Moriarty. Die Umstände sprechen eine klare Sprache, der Tote muss Moriarty sein, doch Jones hat diesen nie gesehen. Chase ist nach Europa gereist, um den amerikanischen Gangsterboss Clarence Devereux zu jagen, der sich angeblich mit Moriarty verbünden wollte. Die beiden größten Gangster ihrer Zeit, gemeinsam vereint in London, das müssen Chase und Jones verhindern.

 

Der amerikanische Kriminelle hat kein Urteilsvermögen und keinen Sinn für Loyalität. Ehe Clarence Devereux die Bühne betrat, arbeiteten die Verbrecher meist isoliert, ohne Organisation und Struktur. Und auch danach blieben sie bösartig, hinterhältig und unberechenbar. Die Verbrechen in New York sind fast immer so blutig und unverständlich wie dieses. Zwei Brüder streiten sich beim Knobeln mit einer Münze und am Ende ist einer von ihnen tot und manchmal auch beide.

 

Ein erster Hinweis bringt die beiden Ermittler auf die Spur von Scotchy Lavelle, einem der engsten Gefolgsleute von Devereux, der sich in Bladeston House eingerichtet hat. Jones und Chase befragen Lavelle, der entschieden bestreitet, Devereux zu kennen. Am nächsten Morgen müssen die beiden Ermittler erneut zu Bladeston House, da Lavelle brutal ermordet wurde. Auch seine Lebensgefährtin und sein Hauspersonal werden ermordet aufgefunden. Schon bald droht die Situation durch weitere Verbrechen zu eskalieren und selbst Jones und Chase müssen um ihr Leben fürchten&

Ein Sherlock-Holmes-Roman ohne Sherlock Holmes

Der Fall Moriarty schildert aus der Sicht des Ich-Erzählers Frederick Chase die Ereignisse an den Reichenbachfällen und offenbart einige Neuigkeiten. Interessant und intelligent nimmt Horowitz Bezug auf das Original und erzählt dennoch eine erfrischend neue Geschichte. Holmes gilt als verstorben, wenngleich seine Leiche nicht gefunden wurde. Köstlich zu lesen, wie die Ermittler von Scotland Yard an den Detektiv zurückdenken.

 

Vieles, was er gesagt hat, war nicht fundiert, unwissenschaftlich und gelegentlich absurd. Wir haben ihm geglaubt, weil er Ergebnisse brachte, aber eine solide Basis für eine moderne Ermittlungstätigkeit war das nicht.

Er hat uns alle zum Narren gehalten. Es stimmt schon: Bei einer Gelegenheit habe ich von seinem Sachverstand durchaus profitiert. Aber haben wir uns am Ende nicht womöglich alle viel zu abhängig von Mr. Holmes gemacht? Haben wir überhaupt noch irgendwelche Fälle ohne ihn lösen können?

 

Horowitz führt gekonnt in die damalige Zeit, wenngleich er eine moderne Erzählweise vorlegt. So werden die Schläger von Devereux wiederholt als Hooligans bezeichnet und an anderer Stelle macht Devereux Werbung für Vegetarier. Die Geschichte ist spannend, die Vorgehensweise der amerikanischen Mobster brutal und am Ende kommt es (möglicherweise) zu einer überraschenden Wendung. Auf jeden Fall sollten alle Fans von Holmes, der hier selber gar nicht mitspielt, zugreifen, denn das Duo Jones/Chase steht natürlich auch sinnbildlich für Holmes/Watson. Jones ist übertrieben ehrgeizig und hat alle Werke von Watson sowie alle Studien von Holmes akribisch studiert, um in die Fußstapfen des berühmten Detektivs zu treten und diesen womöglich zu übertreffen. Doch ist Jones wirklich ein zweiter Holmes und - vor allem - was wurde aus dem Fall Moriarty?

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