Das Geheimnis des weißen Bandes

  • Insel
  • Erschienen: Januar 2011
  • Insel, 2011, Titel: 'The House of Silk', Originalausgabe
Das Geheimnis des weißen Bandes
Das Geheimnis des weißen Bandes
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Jörg Kijanski
90

Histo-Couch Rezension vonOkt 2014

Sherlock Holmes wie eh und je

November 1890. Der Kunsthändler Edmund Carstairs hatte vor einigen Monaten ein lukratives Geschäft mit einem Amerikaner abgeschlossen, doch die nach Boston zu liefernden Gemälde kamen nie an. Verantwortlich machte Carstairs dafür die Flat Cap Gang, auf die er die Pinkerton-Detektivgruppe ansetzte. Mit Erfolg, denn die Bande wurde aufgerieben, allein Keelan ODonaghue, einer der beiden Anführer, konnte fliehen und bedroht nun offenbar Carstairs in London. Er bittet daher Sherlock Holmes um Hilfe, der zur Auffindung des vermeintlichen Gangsters die Baker-Street-Irregulären einsetzt, eine Gruppe jugendlicher Straßenkinder, deren Hilfe sich Holmes von Zeit zu Zeit bedient und zu denen auch ein Junge namens Ross gehört.

 

Da ist, wenn ich nicht irre, der gründliche und tüchtige Inspektor Lestrade entlang marschiert.

Das können Sie doch gar nicht so genau wissen.

Nein? Die Schrittlänge weist auf einen Mann von ungefähr ein Meter fünfundsiebzig, das passt auf Lestrade. Er hat Stiefel mit quadratischer Kappe getragen, wie ich sie schon häufig bei ihm gesehen habe. Aber das verräterischste Zeichen ist wohl, dass sie vollkommen in die falsche Richtung zeigen, schnurstracks an allem vorbei, was irgendwie interessant ist.

 

Wenig später wird ODonaghue ermordet in einem Hotelzimmer aufgefunden und auch der kleine Ross erfährt nur kurz darauf das gleiche Schicksal. Die Brutalität seiner Ermordung erschüttert Holmes besonders, der sich verbissen auf die Suche nach dem Mörder macht. Die Spur führt Holmes und Watson zum Bodensatz der Londoner Gesellschaft und zu dem ominösen House of Silk, einer Geheimorganisation mit Einfluss in den allerhöchsten Kreisen. Trotz Warnung nimmt Holmes den Kampf auf, doch nachdem die Schwester von Ross ermordet wird, gerät der Meisterdetektiv selbst unter Verdacht und landet im Gefängnis. Somit steht Watson vor der größten Aufgabe seines Lebens&

Wüsste man es nicht besser, man würde diesen Roman für ein Original von Arthur Conan Doyle halten.

Zunächst begegnen wir einem kleinen Etikettenschwindel, denn auf dem Buchcover steht Der neue Sherlock Holmes Roman und zudem erfahren wir, dass dies der erste Roman sei, der vom Conan Doyle Estate freigegeben wurde. Dies erweckt den Eindruck, dass es nach dem klassischen Werken von Sir Arthur Conan Doyle bis heute keine weiteren Geschichten über den Meisterdetektiv gegeben hätte. Doch das Copyright lief in den 1980er Jahren aus und seitdem wird der Markt geradezu mit neuen Holmes-Romanen geflutet (von Doyle selbst gab es ja nur vier Holmes-Romane). Daher soll hier gleich vorab festgehalten werden, dass Anthony Horowitz zu den Autoren gehört, deren Umsetzung besonders gelungen ist.

 

Das hat er von seinem Onkel. Aber wenn seine Eltern tot sind und seine Schwester verschwunden, wie sollen wir dann seine anderen Verwandten finden?

Sie überraschen mich, Watson. Haben Sie wirklich so wenig Ahnung von der Sprache, die halb London spricht? Jede Woche besuchen Tausende Tagelöhner und Wanderarbeiter ihre Onkel. Damit meinen sie ihre Pfandleiher.

 

Man möchte fast meinen, Doyle hätte selber zur Feder gegriffen, aber Horowitz versteht es hervorragend, den Erzählton des Originals zu treffen und gleichzeitig eine moderne Variante zu bieten. So finden wir in Das Geheimnis des weissen Bandes einen geradezu moralisch handelnden Detektiv, der sich eine Teilschuld am Tod des jungen Ross gibt. Und auch Dr. Watson beschreibt das Elend der unteren Schicht Londons mitunter sehr eindringlich, was dem Werk von Doyle völlig fremd ist. Auch das Geheimnis des House of Silk wäre damals undenkbar gewesen; zumindest wäre es aber nie in einem Roman veröffentlicht worden.

 

Wenn man Holmes einen Tropfen Wasser zeigte, würde er daraus die Existenz des Atlantiks herleiten. Ich selbst würde mich nach dem Wasserhahn umschauen. Das war der Unterschied zwischen uns.

 

Gleichwohl dürfen sich alle Freunde des Meisterdetektives freuen, denn die Gewohnheiten und Ermittlungsmethoden sind bestens vertraut, ebenso wie die mitunter impertinente Arroganz, mit der Sherlock selbst seinen besten Freund ab und an zur Verzweiflung treibt. Über Watson selbst und seine Frau Mary erfahren zudem selbst eingefleischte Sherlock-Jünger noch Neues. Eine überzeugende Mischung aus spannendem Fall, gelungener Atmosphäre mit viel Lokalkolorit, Action und Sozialkritik sowie einem Wiedersehen mit zahlreichen bekannten Figuren wie Mrs. Hudson, Lestrade und Mycroft. Was will man mehr?

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