Die Einkreisung

Erschienen: Januar 1994

Bibliographische Angaben

  • Heyne, 1994, Titel: 'The Alienist', Originalausgabe

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90

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Jörg Kijanski
Eine grandiose Zeitreise in das New York des ausgehenden 19. Jahrhunderts

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Sep 2014

1896: Auf der im Bau befindlichen Williamsburgh Bridge wird die Leiche eines Jungen gefunden. Bei dem Toten handelt es sich um den dreizehnjährigen Giorgio Santorelli, Sohn italienischer Immigranten, der seinen Lebensunterhalt in der zwielichtigen Paresis Hall als Gloria verdiente. Ein ermordeter Stricherjunge würde normalerweise keinerlei Aufmerksamkeit erregen, die Zeitungen niemals ihren Lesern zumuten, über ein derartiges Milieu auch nur zu berichten und so wäre eigentlich alles wie immer, würde Polizeipräsident Theodore Roosevelt nicht persönlich am Tatort erscheinen und die schrecklich verstümmelte Leiche in Augenschein nehmen.

 

"Es war doch nur ein Kind."

"Das schon, aber ein Kind mit einem gefährlichen Spiel. Kommen Sie, Moore, Sie wissen doch auch, dass Jungens wie er in dieser Stadt jeden Tag umkommen woher das plötzliche Interesse? Hat er irgendwo einen heimlichen Verwandten? Oder wars ein Fehltritt von irgendeinem hohen Tier?"

 

Da dies nicht der erste Mord seiner Art ist, bittet Roosevelt seinen Studienfreund, den umstrittenen Arzt und Psychologen Dr. Laszlo Kreisler, die Morde zu untersuchen, was prompt auf Ablehnung in der höheren Gesellschaftsschicht wie auch bei vielen Polizisten selber stößt. Bei der Polizei ist Roosevelt allerdings ohnehin weitgehend verhasst, da er sich zum Ziel gesetzt hat, den durch und durch korrupten Apparat auszumisten.

 

"An den Ermittlungen teilnehmen? Roosevelt, hast du völlig den Verstand verloren? Mit einem Seelendoktor? Einem Psychologen? Du hast dir doch ohnehin schon jeden höheren Polizeibeamten zum Feind gemacht, und die Hälfte der Commissioners dazu. Die meisten Buchmacher nehmen schon Wetten entgegen, dass du zum Unabhängigkeitstag nicht mehr auf deinem Stuhl sitzt! Wenn das durchsickert, dass du so einen wie Kreisler mit dabei hast dann könntest du dir gleich einen schwarzen Medizinmann aus Afrika an deine Seite holen!"

 

So kann Kreisler nur im Geheimen agieren und erhält dabei Unterstützung von einem Polizeireporter der Times, dem Ich-Erzähler John Moore, Roosevelts Sekretärin Sara Howard und zwei jüdischen Polizisten, die über jeden Korruptionsverdacht erhaben sind. Gemeinsam versuchen sie, den Mörder aufzuspüren und bedienen sich dabei modernster Methoden. Durch die Art der Verletzungen seiner Opfer sowie das Auswerten weiterer Anhaltspunkte versuchen sie, Rückschlüsse auf das Leben und damit das Charakterbild des Mörders zu erhalten. Kreisler gelingt es, ein Psychogramm des Täters zu erstellen und damit den in Frage kommenden Personenkreis einzukreisen&

Sehr detailverliebter und vielschichtiger Roman

Die Einkreisung erschien erstmals vor zwanzig Jahren und hat bis heute nichts von seiner Faszination verloren. Polizeipräsident Roosevelt, der spätere US-Präsident, ist seit einem Jahr im Amt, nachdem die Lexow-Kommission Anklage gegen die gesamte New Yorker Polizei erhoben und der Korruption den Kampf angesagt hat. Roosevelt legt sich aber nicht nur mit dem Polizeiapparat an, sondern auch gleich mit der alles beherrschenden Oberschicht sowie der katholischen wie der Episkopalkirche an, für die es geradezu ein Skandal ist, dass ein solches Vergehen überhaupt untersucht wird. Eine Gefahr für die bestehende Ordnung und ein Angriff auf vorherrschende Moralvorstellungen, wenngleich diese schon länger nichts mit der Realität zu tun haben. Aber davon will die Obrigkeit nichts wissen, schließlich wartet der nächste Opernbesuch.

Aber auch die Clanchefs der einzelnen Stadtviertel wittern ihre Chance und wiegeln die ärmsten Bevölkerungsschichten auf; allen voran Paul Kelly, Chef der Five Pointers. Die Lebensverhältnisse in den Armen- und Einwanderervierteln werden ebenso eindringlich geschildert wie die Arbeitsverhältnisse der minderjährigen Stricherjungen in den diversen Etablissements.

Großartige Einblicke in die Psychologie- und Kriminalgeschichte

Die Einkreisung bietet darüber hinaus umfangreiche Einblicke in das breit gefächerte Themenfeld Psychologie, denn Kreisler ist ein Vorgänger von Sigmund Freud und es gelingt ihm, ein fundiertes Täterprofil zu erstellen und damit letztlich dem Mörder auf die Spur zu kommen. Kreisler geht bei seinen akribischen Analysen davon aus, dass die Ursachen für die Handlungen eines Mörders vor allem in dessen Kindheit zu finden sind (Kontext). Dies führt mitunter dazu, dass die fünfköpfige Mannschaft über etliche Seiten einen einzigen Brief Satz für Satz diskutiert.

 

"Ist er denn Ihrer Meinung nach ein...", Roosevelt wagte sich hier offenbar auf Neuland, "...ein Psychopath?" Kreisler hob eine Augenbraue. "Ich habe einige Ihrer neuesten Schriften gelesen", fuhr Theodore fort, es klang beinahe entschuldigend, "könnte aber nicht behaupten, dass ich alles verstanden habe."

 

Auch wer sich für die Kriminalgeschichte interessiert, kommt hier auf seine Kosten. Das Bertillonische System, die Bertillonage nach Alphonse Bertillon, hat sich seit kurzer Zeit durchgesetzt und droht bereits von der noch umstrittenen Daktyloskopie (Fingerabdrücke) abgelöst zu werden. Ein weiterer unumstrittener Star der Handlung ist zudem New York, dessen Großraum bald zu einer eigenständigen Stadt zusammengelegt werden soll.

Wer sich für facettenreiche, informative und anspruchsvolle Thriller vor einem spannenden historischen Hintergrund (man ist quasi live dabei) interessiert, der sollte - sofern noch nicht geschehen - dieses Meisterwerk entdecken! Nur vereinzelte Längen führen zu Punktabzügen.

Die Einkreisung

Die Einkreisung

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Letzte Kommentare:
28.04.2015 13:40:44
frosty leaves

Dieses Buch ist wunderbar geschrieben.
Spannend in der Handlung; tolle lebende Charaktere, die man zu gern kennenlernen würde, wobei mich dann natürlich Dr. Kreisler am stärksten interessiert hätte, aber Teddy Roosevelt, hier noch in Funktion als Chef der New Yorker Polizei, beide Männer aber Vorreiter einer neuen lebenswerteren Welt.
Ich habe nicht nur einen spannenden Thriller gelesen, sondern auch viel über die Anfänge der Psychologie und der Polizeiarbeit sowie über das Leben in New York zu Ende des 19. Jahrhunderts gelernt.
Es nimmt einen ganz schön mit, wenn man liest, wie früher mit Schwächeren umgegangen wurde.
Klasse recherchiert! Die Atmosphäre des historischen New Yorks ist fantastisch eingefangen worden.
Carpe diem!

17.11.2014 17:35:30
Nami

Ort des Geschehens: New York im Jahre 1896. Theodore Roosevelt ist Polizeichef der Stadt, die auch geprägt wird von den Schicksalen und dem Elend der vielen Einwander, die in diesem Moloch mehr oder weniger um das Überleben kämpfen. Ein Serientäter treibt sein Unwesen: auf grausame Art und Weise tötet er Strichjungen und verstümmelt ihre Leichen. Roosevelt, von der öffentlichen Meinung immer mehr in die Ecke gedrängt, bittet Dr. Lazlo Kreisler um Mithilfe. Dr.Kreisler ist Psychater, ein Beruf, dem viele negativ gegenüberstehen. Nicht zuletzt einige korrupte Polizeibeamte möchten die Verbrechen lieber im Dunkeln belassen. Doch Kreisler und sein Team, zu dem noch seine Sekretärin Sara Howard und der Reporter John Moore gehören, lassen sich nicht abbringen. Im Laufe der Geschichte entwickeln sie - auf wirklich faszinierende Weise - ein Psychogramm des Täters und können ihn schliesslich stellen.
Carr versteht es, New York am Ende des 19. Jahrhunderts vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen. Seine Schilderungen des historischen Hintergrunds wirken fundiert (Carr hat Geschichte studiert) und er ist ein begnadeter Erzähler. Die gesamte Geschichte ist in einem spannungsgeladenen Bogen niedergeschrieben, der Täter wird tatsächlich immer mehr eingekreist.
Langsam entsteht ein Bild des Killers, Kreisler und seine Leute rücken ihm immer näher. Carr lässt den Leser an dieser Einkreisung teilhaben, er schildert die Methoden, mit denen gearbeitet wird, unterhaltsam und abwechslungsreich. Egal, ob nun eine Spur zur Armee verfolgt wird oder ob eine Handschriftenprobe des mutmasslichen Täters analysiert wird - all dies wird lebendig und kenntnissreich berichtet. Die Spannung, die das Buch auf den letzten Seiten erreicht ist unglaublich - ich konnte das Buch nachher wirklich nicht mehr aus der Hand legen.

Zeitpunkt.
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