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Annette Gloser
Diese Familie hat schreckliche Geheimnisse ... und ihre Herzen sind schwarz!

Buch-Rezension von Annette Gloser Sep 2014

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Rachel stammt aus guter Familie. Aber nach dem Bankrott ihres Vaters ist sie gezwungen, eine Stellung als Gouvernante anzunehmen. Als sie dort, mittlerweile fast dreißig Jahre alt, den Weinhändler Richard Weekes kennenlernt, glaubt sie nicht mehr an die Liebe. So nimmt sie seinen Heiratsantrag an, heiratet weit unter ihrem Stand und wird Mrs. Weekes, obwohl sie Richard nicht liebt. Das junge Paar lebt in Bath, und hier begegnet Rachel auch der hübschen, aber offenbar verbitterten Starling, die als Küchenmädchen im vornehmen Haushalt der Familie Alleyn arbeitet. Ihr verdanken Richard und Rachel auch eine Einladung zum Tee bei Mrs. Alleyn. Aber sehr schnell muß Rachel feststellen, daß sie die Aufmerksamkeit der hochgestellten Dame dem Umstand verdankt, einer anderen Frau sehr ähnlich zu sehen, einem jungen Mädchen, das vor Jahren verschwand und tiefe Spuren im Leben der Familie Alleyn hinterlassen hat.

Jonathan Alleyn, der Sohn des Hauses, leidet seit Jahren unter diesem Verlust, denn er wollte Alice, jenes Mädchen, einst heiraten. Starling, die von Alice aufgenommen und wie eine Schwester behandelt wurde, glaubt fest daran, daß Jonathan Alice ermordet hat. Deshalb macht sie ihm das Leben zur Hölle. Zusätzlich leidet er unter seinen Erinnerungen an den Krieg gegen die Franzosen. Seit Jahren hat er sein Zimmer nicht mehr verlassen.

Mrs. Alleyn engagiert Rachel als Gesellschafterin für Jonathan und die junge Frau, deren Ehe sich immer freudloser gestaltet, nimmt das Angebot an. Denn sie hat ein Interesse daran zu erfahren, was wirklich mit Alice geschah. Rachel Weekes hatte einst eine Zwillingsschwester und kann auch 26 Jahre nach deren spurlosen Verschwinden nicht daran glauben, daß ihre Schwester tot ist. Daß sie selbst so sehr der verschwundenen Alice ähnelt, lässt Rachel vermuten, daß diese vielleicht jene verloren geglaubte Zwillingsschwester gewesen sein könnte.

Aber nur langsam gewinnt sie das Vertrauen Jonathans und nur allmählich lüftet sich der Schleier, der über den Geheimnissen der Vergangenheit liegt. Was er aber offenbart, das ist weit mehr als nur ein dunkles Geheimnis. Es sind Geschehnisse, deren zerstörerische Wirkung weit in Jonathans und Rachels Leben hinein reicht.

 

"Dann ist Gott ein verfluchter Mörder!"

 

Zunächst könnte man glauben, einen jener leicht gezeichneten Jane Austen-Romane in der Hand zu haben, die bis heute gelesen und geliebt werden. Der Sprachduktus knüpft an die englischen Romane Anfang des 19. Jahrhunderts an. Sehr bald jedoch bemerkt man, daß es hier um viel mehr geht als um Stolz oder Vorurteil, Gefühl oder Verstand. Katherine Webb greift Themen an, die Jahrhunderte lang tabu waren. Jonathan Alleyn leidet offenbar nach seinen Kriegserlebnissen an einer Erkrankung, die man heutzutage als Posttraumatisches Stresssyndrom bezeichnet. Kein Held ohne Fehl und Tadel, sondern ein Mann, vor dem sich die Dienstmädchen fürchten.                                                                                                           

 

"Alles was ich seit dem Krieg getan habe, ist vergiftet von dem, was ich während des Krieges getan habe."

 

Rachels Gespräche mit Jonathan haben die Aura von (hochinteressanten) Therapiesitzungen und die junge Frau wird sehr schnell damit konfrontiert, daß ihre landläufigen Vorstellungen von Moral und Ethik leere Worthülsen sind, wenn es um den Krieg geht. Und (fast) alle Protagonisten sind um den Erhalt der schönen Fassade bemüht. Umso sympathischer wirken dafür Rachel und Starling, die sich nach anfänglichem Zickenkrieg verbünden und eben diese Fassade zum Einsturz bringen.

Dabei versteht Katherine Webb es meisterhaft, ihre Leser auf die Folter zu spannen, ohne den Spannungsbogen zu verlieren. Es sind ein paar Längen in der Handlung, die jedoch insgesamt nicht ins Gewicht fallen. Zudem entpuppen sich kleine Abstecher, weg von der Haupthandlung, immer wieder als wertvolle Informationen für den Leser, die er im weiteren Verlauf dankbar aus dem Gedächtnis abrufen kann. Denn hier geht es nicht nur um einen jungen Mann, der seine Erlebnisse aus dem Krieg nicht verkraftet hat. Familie Alleyn hat jede Menge Geheimnisse, und keins davon ist schön.

Eindringliche Bilder

Katherine Webbs Roman spielt auf zwei Zeitebenen. Während die Haupthandlung um Rachel Weekes im Jahr 1821 stattfindet, gibt es immer wieder Rückblenden in die Jahre 1803 bis 1807, um die dramatischen Ereignisse um Starling und Alice Beckwith zu schildern. Dabei gerät der Roman auch zum Sittenbild einer Zeit, in der steife Prüderie und Etikette jede zwischenmenschliche Beziehung in der Ober- und Mittelschicht regelten, in der emotionale Wärme und Offenheit seltene menschliche Qualitäten waren. Im Verlauf der Handlung lässt die Autorin vor den Augen ihrer Leser charakterlich sehr tief gestaltete Protagonisten entstehen, deren Denken und Handlungsweise aus ihrer Stellung in der Gesellschaft heraus begreifbar werden. Diese differenzierten Charakterstudien machen einen großen Teil der Spannung in diesem Roman aus.

Die Autorin schlägt ein eher gemächliches Erzähltempo an und nähert sich damit ebenso wie mit ihrem Sprachduktus den großen englischen Erzählerinnen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Katherine Webbs Sprache ist bildhaft und poetisch:

 

"Starling holte tief Luft und schwankte am Rand des Abgrunds aus Trauer, der in ihr klaffte. Wenn sie hinein fiel, so fürchtete sie, würde sie womöglich nie wieder herausklettern können."

 

Hier wird auch ein präziser Schnitt durch alle Gesellschaftsschichten gezogen und gibt dem Leser Einblick in sehr unterschiedliche Denk- und Handlungsweisen. Auch aus diesen zum Teil sehr gegensätzlichen Haltungen bezieht der Roman einen Teil seiner Spannung. Katherine Webb hat zeitweise selbst als Dienstbotin in einem Haushalt der oberen Oberklasse gearbeitet. Dabei musste sie feststellen, daß selbst heute noch ein unerschütterlich fest gefügtes System von oben und unten in dieser Gesellschaftsschicht existiert. Sie hat sozusagen mit vollem Körpereinsatz recherchiert. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum Das fremde Mädchen so viel Authentizität ausstrahlt.

Ein großer Wurf

Das fremde Mädchen ist ein ganz großer Wurf der Autorin. Sie versteht es, ihre Leser in den Bann zu schlagen und dramatische Geschichten zu erzählen. Der Roman ist im Diana Verlag erschienen und seine Hardcover-Ausstattung ist dem stattlichen Gewicht der mehr als 600 Seiten durchaus angemessen. Die Covergestaltung passt sich den bereits früher erschienenen Romanen Katherine Webbs an: Haus mit Landschaft. Allerdings wirkt die Gestaltung hier wesentlich weniger nett und idyllisch, passt somit also wirklich gut zum Inhalt des Romans.

Dieser Roman hat viel zu bieten: Große Gefühle, Drama, Skandal, Trauer, Verzeihung und Unverzeihliches, aber auch Glück und ein kleines Stück vom Sinn des Lebens. Man kann ihn nur empfehlen.

Das fremde Mädchen

Das fremde Mädchen

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Letzte Kommentare:
25.11.2014 21:00:07
-LENA-

Rachel,frisch verheiratet,wird als Gesellschafterin bei Jonathan eingestellt.Er lebt völlig zurückgezogen und ihn quälen dunkle Geheimnisse. Alice,die große Liebe Jonathans, verschwand vor 12 Jahren unter ungeklärten Umständen. Rachel versucht einen Zugang zu Jonathan
zu finden und begibt sich auf Spurensuche.
Der Roman spielt zu Beginn des 19.Jahrhunderts in zwei Zeitebenen,auf Standesunterschiede wird sehr viel Wert gelegt. Das Haus der Alleyns birgt dunkle Geheimnisse und nichts sollte nach außen dringen.
Die Protagonisten werden gut dargestellt: Alice die Gute; Rachel mit den guten Herzen,aber auch selbstbewusst für die damalige Zeit; Jonathan mit seinen Dämonen; Starling mit Rachegedanken und der Welt gegenüber sehr misstrauisch;Richard, dessen Motive lange im Dunklen liegen; Lady Alleyn,die die Fassade mit allen Mitteln aufrecht erhält.
Ein spannend geschriebener Roman, der manchmal sehr düster wirkt,passend zum Inhalt,aber auch die Sonnenstrahlen blinzeln ab und zu.
Für Leser, die das geheimnisvolle mögen sehr zu empfehlen.