Der Palast der Borgia

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Insel, 2013, Titel: 'Blood and Beauty', Originalausgabe

Couch-Wertung:

94
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Annette Gloser
Je mehr Skandale, desto besser!

Buch-Rezension von Annette Gloser Sep 2014

Im Jahr 1492 beginnt die Handlung des Romans, denn in diesem Jahr wird Rodrigo Borgia in Rom zum Papst gewählt. Damit erreicht er ein Ziel, das er über viele Jahre als Vizekanzler von fünf Päpsten angestrebt hat. Borgia war schon zuvor unermesslich reich und mächtig wie kaum ein anderer Mann in Italien. Jetzt aber beginnt für ihn und seine Familie eine neue Ära. Drei Söhne hat Rodrigo, und dazu seine hübsche Tochter Lucrezia. Cesare, der älteste Sohn, wurde schon früh für die kirchliche Laufbahn bestimmt und wird nun, noch keine zwanzig Jahre alt, Kardinal von Valencia. Der einige Jahre jüngere Juan ist der Liebling Rodrigos. Für ihn, für Lucrezia und auch für Jofré, den geistig nicht sehr regen Jüngsten in der Familie, sucht der neue Papst nach lukrativen Ehepartnern. Denn eine gewiefte Heiratspolitik soll den Grundstein legen für ein neues Imperium in Italien: das Reich der Borgia.

Eines allerdings hat Rodrigo nicht bedacht: Seine Kinder haben ihre eigenen Vorstellungen vom Leben. Und nicht alle sind so kluge, bedächtige und skrupellose Politiker wie ihr Vater, der sich als Papst Alexander VI. nennt. Vor allem Lucrezia, die zu Beginn des Borgia-Pontifikats erst zwölf Jahre alt ist, kann mit den Heiratsplänen, die ihr Vater für sie schmiedet, nicht glücklich werden. Aber zunächst muss sie sich in das, was Vater und Brüder für sie bestimmt haben, fügen. Und auch Cesare begehrt mehr und mehr gegen die für ihn vorgesehene Karriere als Kirchenfürst auf. Des Vaters Glück ist durchaus nicht das seiner Kinder.

Die Liebe zu unseren Kindern ist so mächtig&

Sarah Dunant lässt mit Der Palast der Borgia die italienische Renaissance in ihrer Blütezeit wieder aufleben. Allerdings muss man keineswegs ausgewiesener Spezialist für italienische Geschichte sein, um dieses Buch mit Genuss lesen zu können. Dankenswerter Weise liefert die Autorin alle wichtigen Fakten im Kontext ihres Romans mit, so dass die historischen Gegebenheiten auch dem Leser deutlich werden, der um die verwickelten italienischen Verhältnisse bisher immer einen großen Bogen gemacht hat. Zusammenhänge werden schnell deutlich und in Dialogen der Protagonisten so weit erklärt, dass die Motive für das Handeln der Romanfiguren erkennbar sind.

Dabei werden die Borgias nicht erneut das Opfer der jahrhundertelang sowohl in der Geschichtsschreibung als auch in der Kunst üblichen Diskriminierung. Sarah Dunant verschweigt weder Skrupellosigkeit noch gnadenloses politisches Kalkül, versteht es jedoch auch, die Aufmerksamkeit ihrer Leser auf die positiven Aspekte der Borgias zu richten. Dazu gehört die tief empfundene Liebe Rodrigos zu seinen Kindern ebenso wie sein Bestreben, das völlig zersplitterte Italien zu einen und so zu einer starken politischen Macht werden zu lassen. Die Autorin zeigt Rodrigo als klugen, vorausschauenden Politiker, zeigt Lucrezia als gebildete, durchaus fromme junge Frau und Cesare als kühlen Kopf mit militärischem Talent und gelegentlich durchaus intensiven Gefühlen. Eine der wohl interessantesten Nebenrollen in diesem Roman hat allerdings kein Mitglied der Familie, sondern der päpstliche Zeremonienmeister Burchard.

Immer nur ein Feind auf einmal!

Dabei liefert der Roman eine genaue Charakterstudie der einzelnen Familienmitglieder. Im Umgang mit ihren politischen Gegnern gilt Rodrigos Maxime "Immer nur ein Feind auf einmal!". Privat leben die Borgias allerdings nach dem Motto "Die Familie kommt immer zuerst!". Insbesondere Lucrezia, die zu Beginn der Romanhandlung noch fast ein kleines Mädchen ist, erhält von Sarah Dunant die Chance, sich zu einer politisch denkenden und sich doch nach wirklicher Liebe sehnenden jungen Frau zu entwickeln, gefangen in den patriarchalischen Strukturen, die sie für lange Zeit zum Spielball der Interessen ihres Vaters und ihres ältesten Bruders machen.

Der Palast der Borgia ist opulent erzählt, nicht ausschweifend, aber mit viel Liebe zum Detail, mit Ruhe und Gelassenheit, jedem Protagonisten Raum gebend, so dass wohl kein Leser am Ende des Romans unbefriedigt zurück bleibt. Immer wieder wird deutlich, dass dem Roman eine so umfassende Recherche zugrunde liegt, dass man vor der Autorin nur den Hut ziehen kann. Sie hat es verstanden, große Lücken in jene dicke Kruste aus Verleumdung, Anekdoten und Skandalgeschichten zu schlagen, die sich über die Geschichte der Borgias gelegt hat. Und so zeigt der Roman realistisch wirkende Protagonisten, die ebenso machthungrig und brutal, so gebildet und kunstliebend sind wie die gesamte Zeit, in der sie leben.

So etwas hat die Welt noch nicht gesehen&

Der Insel Taschenbuchverlag hat diesen Roman offenbar mit viel Sorgfalt und Aufmerksamkeit behandelt. So gibt es ein Nachwort der Autorin, in welchem sie auch darauf eingeht, welche Rolle die neuere historische Forschung für ihren Roman gespielt hat und wie viel fiktive Handlung der Phantasie der Autorin entsprungen ist. Ein Literaturverzeichnis im Anhang, ein Stammbaum und Vorbemerkungen der Autorin auf den ersten Seiten, das zeugt von Wertschätzung des Verlages dem Roman gegenüber. Nicht ganz unproblematisch ist allerdings der Stammbaum. Er ist nicht sonderlich übersichtlich und durchaus geeignet, Verwirrung zu stiften. Aber letztendlich sind auch daran wohl die vermaledeiten Borgias mit ihren desaströsen Familienverhältnissen schuld, wer soll denn da noch durchblicken?

Dieses Buch kann man nur empfehlen! Es ist unterhaltsam, informativ, spannend und berührend. Ein must have im Bücherregal!

Der Palast der Borgia

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