Einsame Tiere

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Liebeskind, 2012, Titel: 'Lonesome Animals', Originalausgabe

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Annette Gloser
Ich kenne keinen anständigen Mann über fünfzig, der noch nie jemanden umgebracht hat.

Buch-Rezension von Annette Gloser Aug 2014

Es ist das Jahr 1932 im US-Bundesstaat Washington. Im Osten dieses Staates, nahe der Grenze zu Kanada, nicht weit entfernt von der Baustelle des Grand Coulee- Staudammes, der heute den Columbia River zum Roosevelt Lake aufstaut, spielt diese Geschichte.                                                                                              

Russel Strawl ist ein Mann, der zum Leben nichts weiter braucht, als dieses Land und seine Ruhe. Sein Dasein als Farmer liegt ihm nicht. Glücklich war er nur, als er noch allein über das Land ritt, der Polizist, der unterwegs war, um Verbrecher aufzustöbern und festzunehmen. Oder sie zu erschießen, falls sie mehr Schwierigkeiten machten als die Sache wert war. Strawl hat seine Frau erschlagen, weil sie nicht schnell genug mit dem Pfefferstreuer zur Hand war. Niemand hat Anklage gegen ihn erhoben. So was kann ja schließlich mal vorkommen. Den Polizeidienst musste er allerdings verlassen. Nun aber werden Männer umgebracht, auf eine seltsame, bizarre Art und Weise. Der Mörder verstümmelt seine Opfer, formt seltsame Figuren aus ihnen. Immer sind die Opfer Indianer. Und die Polizei kann den Mörder nicht fassen. Da bittet County Sherriff Dice seinen ehemaligen Lehrer Strawl um Hilfe. Wenn überhaupt jemand eine Chance hat, die Spur dieses Mörders aufzunehmen, dann kann es nur der mit allen Wassern gewaschene Strawl sein. Noch einmal macht sich Strawl auf den Weg, um einen Mörder zu suchen. Er vermutet den Täter unter den Bauleuten des Grand Coulee-Staudammes. Bald aber stellt er fest, dass die Indianerpolizisten ihn selbst auch auf die Liste der Verdächtigen gesetzt haben, und zwar ziemlich weit oben.

Nightmare in Wild West

Dieser Bundesstaat Washington scheint 1932 ein Stück Land zu sein, in dem noch der alte Wilde Westen wohnt, in dem man zwar von der Krise in den großen Städten gehört hat, sein altes Leben aber weiter lebt. Und in dem man Gesetze nach althergebrachter Tradition auf ganz eigene Weise interpretiert. Was Bruce Holbert da vor den Augen seiner Leser wiederauferstehen lässt, erinnert an jene Filme mit John Wayne oder Charles Bronson, die uns von unendlicher Freiheit, von Staub und wilden Pferden träumen ließen. Allerdings ist das, was Einsame Tiere erzählt, ein Albtraum. Voller verkorkster Typen. Und voller Blut.

Im starken Kontrast zu den Grausamkeiten, die man hier Seite für Seite aufblättert, steht die ruhige und unaufgeregte Erzählweise Holberts. Seine Protagonisten erreichen dann auch schon mal geradezu philosophische Gefilde, wenn sie über ihr Leben oder die Verfolgung des Mörders reden. Der Autor bringt den Leser damit sehr nahe an seine Protagonisten heran, dennoch hat man nie das Gefühl, in diesen Roman einzutauchen. Das Gefühl beim Lesen ähnelt eher dem Betrachten eines Films mit vielen Großaufnahmen. Es entsteht eine faszinierende Mischung aus Distanz und Nähe. Das Erzähltempo ist gemächlich, kostet jeden Moment aus, in dem Strawl unterwegs ist. Dabei entstehen Charakterstudien, psychologische Profile, denen der Roman einen großen Teil seiner Spannung verdankt.

Nicht der typische Detektiv

Russel Strawl ist kein sympathischer Mann, zumindest dürfte er nicht jedermanns Kragenweite sein. Fraglich bleibt am Ende, ob er überhaupt der wahre Held dieses Krimis ist. Auch akribische Detektivarbeit darf der Leser hier nicht erwarten. Wir sind im Wilden Westen, wo die Leute zwar schon Autos haben, aber doch meist mit dem Pferd unterwegs sind. Kein Kriminallabor, keine Verhaltensanalyse-Einheit. Strawl handelt aus dem Bauch heraus, folgt seinen Gefühlen und den Brotkrumen, die er von jenen widerwillig vor die Füße geworfen bekommt, die er befragt. Wer also den typischen Krimi mit dem typischen Detektiv erwartet, der wird vermutlich enttäuscht. Zwar geht es hier um die Jagd nach einem Mörder, zwar gibt es jede Menge Blut und Gänsehaut, aber Bruce Holbert ging es in diesem Buch offenbar mindestens ebenso sehr um die Menschen, die er beschreibt, wie um den Kriminalfall.

Da die Handlung nur sehr langsam fortschreitet, flacht die Spannung zwischenzeitlich ein wenig ab, steigt wieder an, dehnt sich, macht ungeduldig. Erstaunlich, welches Spektrum an Gefühlen beim Lesen dieses Romans entstehen kann.

Ein Ausnahmeroman

Einsame Tiere ist ein Roman mit einem Sujet, das man wohl nur selten findet. Dazu kommt die ganz besondere Erzählweise des Autors. So kann man dieses Buch mit Fug und Recht als Ausnahmeroman bezeichnen. Der Verlag Liebeskind hat den Roman als Hardcover-Ausgabe herausgebracht. Nur ein kurzer Text auf der Umschlaginnenseite informiert über den Autor. Aber mehr ist auch nicht nötig. Der Roman steht für sich.

Dieser Krimi ist ein Buch für Menschen, die gerne intensiv lesen. Nichts zum Abschalten. Bruce Holbert bietet mit diesem Roman Spannung, ein reichhaltiges Spektrum an Gefühlen, und er fordert seine Leser zum Mitdenken heraus. Aber sich darauf einzulassen wird mit einem außergewöhnlichen Leseerlebnis belohnt.

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