Zebulon

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • , 2008, Titel: 'The Drop Edge of Yonder', Originalausgabe

Couch-Wertung:

85
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Michael Drewniok
Deliriöse Irrfahrt durch einen irrwitzig Wilden Westen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2014

Seit 1848 steht auch der (nicht ganz so) Wilde Westen der USA ganz im Zeichen des Goldrausches. Die Gier nach dem schnellen Reichtum lockt so viele Menschen dorthin, wo das edle Metall gefunden wird, dass bisher lukrative Verdienstquellen versiegen, weil niemand sich mehr für das angebotene Gut interessiert.

Damit endet für Zebulon Shook seine Zeit als Trapper in den Bergen von Colorado. Als auch noch seine Mutter stirbt, hält ihn nichts mehr in seiner Heimat. Auch Zebulon will sich als Goldsucher versuchen; ihn zieht es nach Kalifornien, wo auf dem Gelände von Fort Sutter besonders reiche Vorkommen ausgebeutet werden.

Schon die Reise nach Kalifornien ist ein gefährliches Abenteuer, wenn man von der Ostküste startet. Zebulon ist ohnehin angeschlagen; während einer Saloon-Schießerei bekam er - womöglich vom eigenen Bruder Hatchet Jack - eine Kugel ab, die direkt am Herz sitzt und ihn jederzeit töten kann. Zudem suchen seltsame Visionen Zebulon heim; womöglich ist er längst tot und steckt in einem Zwischenreich fest, das dem irdischen Leben nur gleicht.

Zebulon ist Pechvogel und Glückskind zugleich. Immer wieder gerät er in lebensbedrohliche Situation, aus denen er sich gerade noch retten kann. Dabei hinterlässt er unfreiwillig eine breite Spur aus den Leichen derer, denen das Schicksal weniger hold war. Auf Zebulons Kopf wird eine hohe Belohnung ausgesetzt, die sich selbsternannte Kopfgeldjäger verdienen wollen, dabei jedoch ebenfalls auf der Strecke bleiben. In Begleitung der schönen, aber mysteriösen Delilah und immer wieder bedroht oder gerettet von Hatchet Jack, irrt Zebulon in zunehmender Verwirrung durch ein Land, das sich in ein Irrenhaus verwandelt hat - oder ist es das Fegefeuer ...?

Visionen eines wirklich wilden Westens

Dass dieser Roman ungewöhnlich (= schwer in die von der Werbung bevorzugte "Schublade" zu schieben) ist, verdeutlicht früh ein Lobhudel-Zitat, das es auf das Cover der Taschenbuch-Ausgabe geschafft hat, obwohl - oder gerade weil - sein Sinn dunkel bleibt: "Zebulon ist der Western, den man immer sehen wollte, aber nie lesen durfte." Beide Aussagen sind bereits für sich alleingenommen falsch, denn sehen kann man einen Western, der die Atmosphäre dieses Buches kongenial aufgreift, schon seit 1995. Regisseur und Drehbuchautor Jim Jarmusch drehte ihn unter dem Titel Dead Man und zeigte Johnny Depp, der als Revolverheld wider Willen und mit einer Kugel im Herzen durch eine zunehmend den Bezug zur Realität verlierende Handlung in den Tod taumelt. (Dass man ein Buch wie dieses "nie lesen durfte", ist schlichter Unfug.)

Die Dead-Man-Story klingt sehr bekannt, wenn man Zebulon gelesen hat, was kein Wunder ist, denn Jarmusch bediente sich - mit ausdrücklicher Genehmigung des Verfassers - bei einem nie veröffentlichten Drehbuch, das niemand anderer als Rudolph Wurlitzer bereits in den 1970er Jahren geschrieben hatte. Regisseure wie Sam Peckinpah - für den Wurlitzer das Script zum Filmklassiker Pat Garrett and Billy the Kid (1973; dt. Pat Garrett jagt Billy the Kid) geschrieben hatte - oder Hal Ashby (Harold and Maude, 1971) waren für eine Verfilmung im Gespräch, die nie finanziert werden konnte. Zum Roman schrieb Wurlitzer seine Vorlage erst Jahre nach dem Film Dead Man um. Als The Drop Edge of Yonder erschien er 2008.

Die Story kann ihre Entstehungszeit nicht verhehlen, die 1970er Jahre waren zumindest aus künstlerischer Sicht "psychodelisch". Rauschmittel bzw. -gifte galten als Bereiter des Weges, das Bewusstsein zu "erweitern", sodass Blicke über den Tellerrand des dreidimensionalen Real-Universums möglich wurden. Dort existierte es in den Falten fremder Dimensionen womöglich außer- bzw. überirdische Intelligenzen, mit denen man in Kontakt treten konnte - Hypothesen, die sich in Gewissheiten verwandelten, wenn man lange und intensiv genug den genannten Mitteln und Giften zusprach.

Hölle auf Erden

Der Wilde Westen des 19. Jahrhunderts ist kein Umfeld, in dem man Psychodelisches oder Spirituelles erwarten würde. Tatsächlich scheint es kaum eine Ära der Menschheitsgeschichte zu geben, in der die Realität stärker im Vordergrund stand. Es galt einen ganzen Kontinent zu "erobern", d. h. seine Reichtümer an sich zu reißen und gleichzeitig die Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen. Die hässlichen Folgen wurden lange ausgeblendet, nachdem dieser Westen verschwunden und zum Mythos mutiert war, der glanzvoll ausgeschmückt wurde: Die Ureinwohner hatte man ausgerottet, die wenigen Überlebenden zusammengetrieben, territorial und gesellschaftlich an den Rand gedrängt.

Immer wieder schildert Wurlitzer Szenen exzessiver Umweltzerstörung. Vor allem die Goldsucher verheeren die Natur, von der nur umgepflügte Ödnis bleibt, die durch planlos wuchernde, Giftrauch und Abwässer speiende Boom-Städte vervollständigt wird. Zwar gibt es noch "Indianer", aber dies sind geschlagene, entwurzelte Elendsgestalten, denen jegliche Bürgerrechte verwehrt bleiben. Man darf sie und andere Minderheiten - Chinesen, "Neger", Mexikaner - ungestraft schurigeln und sogar töten, was aus reiner Mordlust ständig geschieht.

Aber auch die "weißen" Eroberer Amerikas liegen miteinander im Krieg. Der persönliche Vorteil ist das oberste Gebot, die notfalls gewalttätige Niederhaltung jener, die ein Stück vom Kuchen fordern, geduldeter Alltag. Zebulon ist ein Kaleidoskop absurder, blutiger, drastischer Ereignisse, die enorme Opfer fordern, was an den auslösenden Missständen rein gar nichts ändert, den Leser jedoch anrührt, weil Wurlitzer im Ton quasi dokumentarisch bleibt, wenn er den allgegenwärtigen Tod bzw. Mord nüchtern schildert.

Die Reise zum Ich - oder ins Nichts

Zebulon Shook ist gleichermaßen Täter wie staunender, überforderter Zeuge. Als Opfer der neuen Zeit hat er die Basis seiner Existenz als "Mountain Man" verloren. Es misslingt ihm sich anzupassen; weil er ist, wie er ist, eckt er an, trifft verhängnisvolle Entscheidungen oder wird von Ereignissen mitgerissen, die objektiv betrachtet tatsächlich sinnlos sind. Ein eindrucksvolles Beispiel bietet jene bizarre, jeglichen Realitätsbezug leugnende Episode, in der "Kommodore" Cornelius Vanderbilt mit William Walker, dem "Präsidenten" von Nicaragua, streitet: Der eine ist ein skrupelloser Geschäftsmann, der den anderen - einen Söldner, der die Herrschaft gewaltsam an sich gerissen hat - vertreiben und demütigen will, während ein Bürgerkrieg, dessen Opfer die Streithähne völlig gleichgültig lassen, Nicaragua verheert.

Ausgerechnet Zebulon, der eigentlich nur seinen Platz in der Welt sucht, gilt schließlich als größter Verbrecher seiner Zeit, was er einem Sensations-"Journalisten" verdankt, der seine Taten aufbauscht oder erfindet. Aus Zebulon Shook wird ein Gejagter, dem man bequemerweise sämtliche Untaten in die Schuhe schieben kann. Das ist nicht einmal Zebulons größte Sorge. Sogar er kommt allmählich zu dem Schluss, dass etwas nicht stimmt. Mehrfach erhält er Fingerzeige darauf, dass er längst tot ist, aber zwischen der Realität und dem Jenseits in einer Art Zwischenwelt feststeckt. Außerdem argwöhnt Zebulon, dass er seine Odyssee nicht zum ersten Mal unternimmt, denn verräterische Déjà-vus mehren sich, je länger er durch Amerika zieht.

Zebulon muss seinen Weg bis zum bitteren Ende gehen. Offensichtlich gilt es alle Plagen zu ertragen, um Läuterung oder Erlösung zu finden. Wenn sich Zebulons Lebenskreis schließt, ist er zum Ausgangspunkt seiner Irrfahrt zurückgekehrt, hat alles verloren, was er besaß, und musste erleben, wie jeder Mensch, den er kannte, elend starb oder ihn verließ. Erst als er sein Glas bis zur bitteren Neige geleert hat, endet sein Passionsweg. Zebulon verschwindet; wenn er Glück hat, sind seine Leiden vorüber, ansonsten erwartet ihn ein weiterer Gang durch die Schleife, die sein Aufenthalt in der Zwischenwelt darstellt.

Das ist harter Tobak bzw. "richtige" Literatur, die wenig mit einem Unterhaltungs-Western zu tun hat und ihre Leser deshalb irritiert. Genau das ist Wurlitzers Absicht, der gleichermaßen klassische Kritiker vor die Köpfe stößt, indem er Elemente des Trivialromans einsetzt und groteske Übertreibungen in Sachen Mord und Totschlag keineswegs ausklammert. Man muss sich auf diese seltsame Reise einlassen, die durchaus faszinieren kann, auch wenn oder gerade weil Wurlitzer einfallsstark mehr Fragen stellt, als (plausible) Antworten zu geben.

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