Hexenliebe

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Droste, 2014, Titel: 'Hexenliebe', Originalausgabe

Couch-Wertung:

76
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Volker Faßnacht
Hexenwahn und Inquisition

Rezension von Volker Faßnacht Jun 2014

Hexenliebe ist der erste historische Roman von Marita Spang.

Der Wahnsinn beginnt

1613. Unruhe herrscht im ganzen Land, aber Neuerburg versucht, sich dem Wahnsinn zu entziehen. Standhaft glaubt man nicht ans Hexenwerk. Während in allen umliegenden Grafschaften die Scheiterhaufen brennen, versucht man hier Krankheiten und schlechte Ernten als natürliche, auf wissenschaftlich erklärbare Umstände zurückzuführen.

Aber wie so oft ist es halt einfacher, die Schuld für ein Unglück bei anderen zu suchen. Wenn das geliebte Kind stirbt, weil man aus Geldnot in einer zugigen Hütte leben muss und kein sauberes Wasser verfügbar ist; wenn man nicht rechtzeitig nach der Heilkundigen ruft, sondern eine Pfuscherin ans Werk lässt, nur weil diese es wohl ein wenig billiger macht; man zu guter Letzt doch noch die Kräuterfrau um Hilfe bittet, diese dann aber, weil das Fieber schon zu lange wütet und den jungen, mageren Körper des Kindes schon zu sehr ausgemergelt hat, auch nicht mehr helfen kann, dann kann es doch wohl nur am bösen Werk der Heilerin gelegen haben. Denn dass das Kind stirbt kann ja nicht gottgewollt sein.

Um einen Aufstand der Leichtgläubigen zu verhindern, muss auch die Obrigkeit in Neuerburg Zugeständnisse machen. Glaubten sie zu Beginn, dass sich das in Bewegung gesetzte Rad der Hexenverfolgung von ihnen steuern ließe, so mussten auch die Neuerburger erkennen, dass das nicht klappen würde.

Hexenliebe beschreibt, eingerahmt in einen historischen Roman, wie der Hexenwahn im 17. Jahrhundert in Deutschland um sich greift. Wie konnte eine Welle der Gewalt entstehen, von wem wurde sie getragen und warum war sie selbst durch die Logik, Vernunft und wissenschaftliche Erkenntnisse, nachdem sie erst einmal losgelöst war, nicht mehr aufzuhalten?

 

"Die Frau heißt Magdalena Pirken. [...] Sie ist Wäscherin und Kräuterfrau in der Stadt." [...] "Ja, ja, ich erinnere mich." Tatsächlich blitzte so etwas wie Erkennen in den Augen der Frau auf. "Sie geht gebeugt und ist schon sehr alt. Sie wickelt Wachskerzen um die Köpfe der Kranken." [...] "Nein, das Weib das du meinst, heißt Luzia Schreiber. [...] Sie ist an die fünf Fuß groß, schlank von Gestalt und hat braune Haare und Augen." [...] "Also, hast du sie gesehen?" Verzweifelt nickte die Frau mit dem Kopf. "Was hat sie für Untaten begangen? Kindlein getötet und ihnen das Herz aus dem Leibe gerissen? Hexensalbe gekocht und verteilt? Dem Satan den Hintern geküsst?" Immerzu bejahte die gefolterte Frau die Fragen mit einem Kopfnicken. [...] "Was noch?" "Mit dem Satan selbst hat sie Unzucht getrieben." [...] Einen kurzen Moment hatte Scholer den Eindruck, dass die Frau alles sagen würde, was er hören wollte.

"Aber wird eine Besagung denn ausreichen, um Anklage zu erheben?", fragte Scholer. "Nun", antwortete Mey gedehnt. "Wie Ihr es in Neuerburg macht, weiß ich nicht." [...] "Aber", fuhr er mit einem Grinsen fort, das selbst Scholer abstoßend fand, "es ist alles eine Frage des Geldes. Wenn Ihr noch ein paar Gulden drauflegt, liefere ich Euch so viele Besagungen, wie Ihr nur haben wollt." [...] Damit drehte er sich um und ging pfeifend in Richtung des Burgtors voran.

 

Zusätzlich zu den bereits beschriebenen Naturereignissen und Krankheiten, die von der einfachen Bevölkerung als Hexerei identifiziert wurden, kamen die sogenannten Hexenkommissare ins Spiel, die oft unter unlauteren Beweggründe den Beschuldigten jegliche Geständnisse abzupressen wussten. Das Eigentum der Opfer wurde eingezogen, die Familien der Opfer mussten für die Kosten des Prozesses und der Hinrichtung aufkommen.

Die Hexenkommissare verdienten gut am Irrglauben der Leute. Da sie oft freie Hand hatten, konnten sie dafür sorgen, dass ihre Einnahmequellen so schnell nicht zum Versiegen kamen. Und dort wo es Widerstände gab, schafften es die Inquisitoren oftmals leicht, Kritiker ruhig zu stellen. Denn wer die Inquisition in Frage stellte, lief allzu leicht Gefahr selbst als Teufel in Verruf zu geraten.

Denunziation, oft ein gutes Mittel, einen ungeliebten Nachbarn oder Rivalen um ein Amt Bürgermeister, Stadtrat, Zunftmeister oder ähnliches loszuwerden oder sich dessen Besitz einzuverleiben. Die Gefolterten mussten auch immer weitere Leute beschuldigen, so dass sich das Rad der Inquisition immer weiter drehen konnte. Dazu natürlich auch religiöse Eiferer, die tatsächlich an den ganzen Hokuspokus glaubten.

Eine unselige Allianz, die es den unter Verdacht Geratenen, aber auch den gebildeten Gegnern der Inquisition unmöglich machte, die Beschuldigten aus den Fängen des Hexenwahns zu befreien. Es galt nicht die Unschuldsvermutung. Sätze wie Gott erkennt die Seinen standen im Mittelpunkt. Also war es in Ordnung, den Beschuldigten umzubringen. Wenn er schuldig war, hatte er die verhängte Strafe sowieso verdient, wenn nicht, so würde Gott ja seine Seele aus der ewigen Verdammnis erretten. Der Leib war nicht wichtig, es ging um die Seele.

Flüssiger und anschaulicher Schreibstil - überzeichnete Charaktere und Ereignisse

Marita Spang fesselt ihre Leserschaft mit einem sehr detaillierten und flüssigen Schreibstil. Die Stadt Neuerburg im Mittelalter entsteht wahrhaftig vor den Augen der Leserinnen und Leser. Man hat förmlich den Gestank der Gassen in der Nase. Mit Hilfe des Gemäldes Norbert Klinkhammer's von der Stadt im Jahr 1630, des umfangreichen Personenverzeichnisses, dem Nachwort, den Begriffserklärungen und dem Quellennachweis zum Nachrecherchieren der historischen Begebenheiten machen den Einstieg in den Roman einfach.

Jedoch ist beispielsweise die Figur der fiktiven Adela von Manderscheid-Kail völlig überzeichnet. Zu brutal und böse ist das Miststück. Dass ihr dennoch immer wieder von ihren Mitmenschen Vertrauen entgegengebracht wird, ist daher einfach unglaubwürdig, zumal wenn es sich dabei um Personen aus ihrem unmittelbaren Umfeld handelt. Oder auch eine andere Person, die urplötzlich die Lager wechselt, obwohl sich für sie ihre persönliche Zwangslage nicht geändert hat.

Schließlich ist auch völlig unklar, weshalb bei einer der Hexerei Beschuldigten eine Teufelsaustreibung veranstaltet wird, während andere Beschuldigte gefoltert und verbrannt werden. Gerade die gesellschaftliche Stellung kann nicht für Rücksichtnahme herhalten, wäre doch gerade bei Höhergestellten am meisten zu holen.

Finstere Atmosphäre

Naturgemäß ist der Roman Hexenliebe recht düster. Glücklicherweise verzichtet Marita Spang auf allzu deftige Beschreibungen der Folter. Trotzdem sei darauf hingewiesen, dass die vorliegende Geschichte nichts für zartbesaitete Gemüter ist. Jedoch, wer die Romane des Autorenpaares Lorentz mag, wird sich mit Hexenliebe gut unterhalten.

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