Der Serienmörder von Paris

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • , 2011, Titel: 'Death in the City of Light - The Serial Killer of Nazi-Occupied Paris', Originalausgabe

Couch-Wertung:

90
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Jörg Kijanski
Grandioses True-Crime-Werk über einen Serienmörder während der deutschen Besatzung

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Mai 2014

Denkt man an Serienmörder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, so fallen fast zwangsläufig Namen wie Fritz Haarmann (Götz George in dem Film Der Totmacher) oder Peter Kürten, Der Vampir aus Düsseldorf. Den größten und interessantesten Serienmörder jener Zeit dürfte man aber im benachbarten Frankreich finden, wo der Arzt Marcel Petiot zahlreiche Menschen in dem von den Nazis besetzten Paris ermordete. In 26 Fällen wurde er schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt, die Zahl seiner Opfer könnte aber dreistellig sein. Dass Petiot hierzulande kaum bekannt ist, könnte sich durch David Kings Buch Der Serienmörder von Paris – Die wahre Geschichte des Dr. Petiot, der das besetzte Frankreich in Angst und Schrecken versetzte (erschienen bei Hannibal Crime) jetzt ändern. Ein True-Crime-Highlight, welches Historie und Spekulationen, Zeitkolorit und Originalzitate gekonnt miteinander verbindet.

 

"Mal abgesehen von allen anderen habe ich noch nie etwas von einem realen oder fiktiven Arzt – Chirurgen – Bürgermeister – Mörder gehört, ganz zu schweigen von einem Spion, Geheimdienstagenten, Autor, Karikaturisten, Antiquitätenexperten oder Mathematiker, der in aller Seelenruhe den Mord an möglicherweise 150 Menschen zugibt … und hinzufügt, dass er die Übersicht verloren habe." (Dr. Albert Paul)

 

Das Buch beginnt mit dem 11. März 1944. Schwarzer Rauch und ein übler Gestank in der Rue Le Sueur 21 im vornehmen 16. Arrondissement beunruhigen die Nachbarn. Den hinzu gerufenen Polizisten bietet sich innerhalb des Gebäudes der Anblick eines Schlachthauses. Zwei Kohleöfen brennen auf Hochtouren, ein Müllhaufen neben der Treppe entpuppt sich als Ansammlung von Skelettteilen und in einer Grube finden sich weitere Leichenteile, schwer bedeckt mit einer großen Lage Löschkalk.

Eher durch einen Zufall stoßen die Ermittler auf einen Serienmörder, der das von den Nazis besetzte Paris schon lange in Atem hält. Bereits zwischen Mai 1942 und Januar 1943 hielten die Pariser beim Spaziergang entlang der Seine die Luft an, immer wieder trieben Leichenteile an ihnen vorbei. Doch nach der Entdeckung in der Rue Le Sueur bleibt der Inhaber des Hauses, der bis dahin angesehene Arzt Dr. Marcel Petiot, zunächst spurlos verschwunden. Erst im Oktober wird er verhaftet…

Ein wahrer Fall

Petiot (geboren am 17. Januar 1897) ist eine "faszinierende" Figur. Nach einem Einsatz im Ersten Weltkrieg gilt er als "psychisch instabil" und wird zu 100% als arbeitsunfähig eingestuft. Dennoch nimmt er ein Medizinstudium auf und besteht im Dezember 1921 seine Prüfung mit Auszeichnung. Er eröffnet eine Praxis in Villeneuve-sur-Yonne, wo er bald politische Ambitionen zeigt und zum Bürgermeister gewählt wird. Durch die kostenlose Behandlung armer Einwohner und diverse soziale Projekte macht er sich schnell einen Namen, allerdings werden immer wieder Vorwürfe gegen ihn laut. Wo er hinkommt fehlen anschließend Gegenstände. Nur wenig später fehlt auch seine Verlobte, die nie wieder auftauchen soll. Petiot wird aus seinem Amt gedrängt und zieht nach Paris, wo er weiter als Arzt arbeitet.

Jahre später drohen ihm zwei Verfahren und damit der Entzug der ärztlichen Zulassung, da er mit Drogen gehandelt haben soll. Kurz vor Beginn der jeweiligen Prozesse verschwinden wichtige Zeugen (für immer). Im Mai 1943 wird Petiot von der Gestapo verhaftet und schwer gefoltert, da er angeblich als Fluchthelfer der Résistance arbeitet. Im Januar 1944 erfolgt seine überraschende Freilassung, nur zwei Monate später werden die Leichen in der Rue Le Sueur gefunden. Diese seien ihm von der Gestapo untergeschoben worden, so Petiot, er selber sei ein Kämpfer der Résistance, der vielen Menschen zur Flucht nach Südamerika verholfen habe. Eine Dreistigkeit, befanden sich unter seinen Opfern doch auch mehrere Juden, die von den Nazis verfolgt wurden.

 

"Die Reisen nach Südamerika beginnen und enden in der Rue Le Sueur."

 

David King beschreibt den interessanten Werdegang / Lebenslauf von Petiot, der hier nur auszugsweise wiedergegeben werden kann (soll). Dabei gliedert sich das Buch in drei Teile. Zunächst werden die laufenden Ermittlungen unter Leitung von Kommissar Georges-Victor Massu aufgezeigt und dabei immer wieder von Rückblenden, welche den Lebensweg von Petiot erzählen, unterbrochen. Hier zeigen sich schon sehr früh erste Verhaltensauffälligkeiten. Im letzten Drittel geht es um den Prozess, dessen Verlauf mindestens genauso spannend und haarsträubend ist wie die Taten des Serienmörders.

 

Nachdem bei der Wohnungsdurchsuchung nicht der kleinste Hinweis entdeckt wurde, wandte sich der leitende Beamte Achille Olmi beinahe entschuldigend an Petiot und sagte: "Sie können beruhigt sein. Niemand beschuldigt Sie, die Leute in Ihrem Ofen zu verbrennen."

 

So bezeichnet der leitende Richter Marcel Leser den Angeklagten vor Journalisten als "Monster" (wohlgemerkt während eines laufenden Prozesses) und bei einer Begehung des Tatortes bleiben die Türen geöffnet, so dass sich zahlreiche Schaulustige mit "Souvenirs" eindecken können. Das juristische Duell ist allein schon die Lektüre wert, wobei der brillante Verteidiger René Floriot als klarer "Sieger" den Gerichtssaal verlässt. Seine "kurze Zusammenfassung" umfasste 339 maschinengeschriebene Seiten. Der Prozess war offenbar ein Komödienstadl, aber die "Beweislage" war dennoch erdrückend. Petiot verstrickte sich zudem in immer mehr Widersprüche. So hatte er als angebliches Mitglied nicht einmal grundlegende Kenntnisse über Struktur und Verhaltensweisen der Résistance. Die von ihm geführte Truppe "Fly-Tox" war gänzlich unbekannt und seine vermeintlichen Zeugen waren allesamt verstorben oder (unauffindbar) deportiert.

Darüber hinaus rundet David King seine Darstellung mit Einblicken in die Gestapo, die Résistance, das "gesellschaftliche Paris" (Picasso, Sartre, de Beauvoir und Camus haben ihre Auftritte) sowie die vielschichtige Unterwelt ab. Das vorliegende Buch liegt im wahrsten Wortsinne schwer in der Hand und ist an etlichen Stellen zu detailverliebt. So wird nahezu jeder Verbrecher mit seinen - mitunter mehreren - Spitznamen vorgestellt. Dennoch, die Mischung stimmt und so bleibt nur eine Frage zu beantworten: Möchte man sich mit der Biografie eines Serienmörders überhaupt derart intensiv auseinandersetzen? Wenn ja, sollte man unbedingt zugreifen und all jene, die Interesse an Gerichtsprozessen haben, sollten sich diesen Fall ebenfalls nicht entgehen lassen.

Der Serienmörder von Paris

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