Als wir unsterblich waren

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Droemer-Knaur, 2014, Titel: 'Als wir unsterblich waren', Originalausgabe

Couch-Wertung:

94
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Rita Dell'Agnese
Wie – wenn nicht so – macht man Geschichte lebbar

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Mai 2014

Nein, leichte Kost ist es wahrlich nicht, die die Autorin Charlotte Roth in ihrem Roman Als wir unsterblich waren präsentiert. Die Autorin erzählt Geschichte – und sie tut es verflixt gut. Intensiv, berührend, bewegend: Das Schicksal der jungen Paula, die sich zwei Kriegen stellen muss, lässt kaum jemanden kalt. Paula, die davon träumt, studieren zu können und ihrem Vorbild Rosa Luxemburg nacheifern möchte. Paula, die erlebt, wie die Klassenkämpfe verbitterter werden, wie aus Protestbewegungen Gewalt erwächst und wie die Arbeiterklasse an der Ungerechtigkeit der Gesellschaft zerbricht. Die junge Frau muss 1912 ihre Träume zurückstellen, als der Vater plötzlich seine Arbeit verliert und für das Studium nicht aufkommen kann. Als Hilfskraft bei einer Zeitung erlebt Paula, wie sich die Nachricht vom Mord am österreichischen Thronfolger in Sarajevo verbreitet. Ein Ereignis, das zum Auftakt des Ersten Weltkriegs werden soll. Für Paula wird dieser Moment zur Zerreißprobe. Sie hat sich unsterblich in den Klassenkämpfer und Sozialisten Clemens verliebt, einen Mann, der aus wohlhabendem Haus stammt, für seine Gesinnung aber der Familie den Rücken kehrte. Mit ein Grund dafür, dass Paula in die Partei eintritt und für die Rechte der Arbeiter kämpft – aber vor allem auch gegen den vom Kaiser gewünschten Krieg. Nur schwer kann sie sich mit der Entwicklung abfinden, doch zeigt sie eisernen Willen, die Zeit zu überstehen. Doch als das Schlimmste überwunden scheint, wartet eine noch dramatischere Entwicklung auf die Menschen.

1989: Die junge Alexandra erlebt die verrückteste Nacht ihres Lebens. Die Mauer, die Deutschland getrennt hat, fällt. Im Taumel des Unglaublichen fällt Alexandra dem Studenten Oliver in die Arme und erkennt in ihm ihre große Liebe. Als sie ihn nach Hause zu ihrer Oma genannt Momi bringt, die sie aufgezogen hat, regt sich diese so über den Gast aus dem Westen auf, dass sie einen Infarkt erleidet. Alex ist ratlos, denn sie hat gesehen, dass ihre sonst so standhafte Momi in Oliver jemanden wiedererkannt hat, den sie abgrundtief hasst. Nach und nach lichtet sich der Nebel über Momis Vergangenheit. Und Alex lernt ihre Momi von einer ganz neuen Seite kennen.

Dreimal Geschichte pur

Mit der Ansiedelung der beiden Erzählstränge im Vorfeld des Ersten Weltkriegs und zur Zeit der Maueröffnung schafft Charlotte Roth die perfekte Ausgangslage, den Lesern auf eine höchst lebendige Art drei Entwicklungen näher zu bringen, die die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts prägten. Präzise und schnörkellos zeigt die Autorin auf, wie sich die Ereignisse zuspitzten und es in Deutschland nach dem verheerenden Ersten Weltkrieg schließlich zur Machtübernahme durch Nationalsozialisten kommen konnte. Obwohl jenen, die sich mit den Weltkriegen bereits beschäftigten, vieles vertraut sein dürfte, kommt niemals der Eindruck auf, hier schulmeisterlich belehrt zu werden. Die handelnden Figuren lassen das Bekannte neu erleben, nicht weniger eindrücklich, als wäre es zum ersten Mal, da man mit dem Thema konfrontiert wird.

Facettenreiche Protagonisten

Charlotte Roth ist eine begnadete Erzählerin. Sie tut dies nicht nur anhand ausgezeichnet facettierter Figuren, sondern auch mit einer ausgereiften Sprache, die man sich da und dort auf der Zunge zergehen lassen kann. Wunderschöne Satzstellungen und hin und wieder ein paar Worte, die als reine Poesie stehen könnten, machen den Roman zu einem hochkarätigen Leseerlebnis. Dass mit Paula eine starke Frauenfigur den Roman trägt, hat nichts mit dem Trend zu tun, historische Romane mit Heldinnen zu bevölkern. Vielmehr steht Paula für die Kriegsfrauen, die in der Heimat über sich hinaus wachsen mussten, während ihre Männer an der Front einem oftmals tödlichen Schicksal entgegen sahen. Es ist keinerlei Verklärung oder Verherrlichung auszumachen – Paula ist zwar eine starke Frau, doch keineswegs eine fehlerlose Schönheit, die alles mit Links zu bewältigen weiß. Die Figurenzeichnung lässt in keinerlei Hinsicht Schwächen erkennen – weder bei den Hauptfiguren noch bei den Nebenfiguren. Charlotte Roth beweist viel Sensibilität für die Schwächen und Stärken der Menschen und setzt diese gekonnt ein.

Dass der Verlag dem Roman ein höchst ansprechendes Cover gönnt, macht die Erstauflage trotz Taschenbuch hochwertig. Die beiden Bilder von Berlin aus den Jahren 1915 und 1989, die auf den Innenklappen zu finden sind, stellen ebenso einen Mehrwert dar, wie das gut bestückte Glossar.

Als wir unsterblich waren ist einer jener Romane, die es fertig bringen, Menschen die jüngere Geschichte Europas zu erklären. Ganz ohne Pathos und Schuldzuweisung – einfach als ein Stück jener Entwicklung, die das Europa von heute hervorgebracht hat. Ein gelungener Roman aus talentierter Feder!

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